Dienstag, 23. Mai 2017

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Der Stadtführer und "Kilometerfresser" Franz Piva

„Aus der Zeit erzählen – nicht von der Zeit“

Weinheim, 04. September 2014. (red/ld) Franz Piva hat es als Stadtführer schon zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Er erklärt die Bäume im Exotenwald und tratscht über den Adel aus Kurfürstenzeiten. Dabei ist Franz Piva beruflich weder Historiker noch Botaniker. Er wollte zwar Förster werden, doch für Selbstverwirklichung war in seiner Jugend während der Nachkriegszeit kein Platz.

Franz Piva erzählt, tratscht über den Adel und führt durch die Stadt und des Exotenwald. Natur und Geschichte waren schon immer sein Hobby.

Franz Piva erzählt und tratscht über den Adel, führt durch die Stadt und des Exotenwald. Natur und Geschichte waren schon immer sein Hobby.

 

Von Lydia Dartsch

„Die Natur und Geschichte waren schon immer mein Hobby“, sagt der Weinheimer Stadtführer Franz Piva. Er sitzt in seinem Büro im Erdgeschoss seines Hauses, das direkt an die ehemalige Stadtmauer gebaut ist. Wegen der vier Stockwerke nennt er es „Hochhaus“. Im Jahr 1986 hatten er und seine Frau Roswitha es gekauft und renoviert. „Ihr hat es so gut gefallen“, sagt er.

Vom Balkon aus schaut man von der ehemaligen Stadtmauer herunter auf die Dächer Weinheims.

Von seinem Balkon aus schaut Piva von der ehemaligen Stadtmauer herunter auf die Dächer Weinheims.

Aus dem hinteren Balkon des Erdgeschosses blickt man auf die darunter liegenden Dächer der Stadt und direkt auf „die Windeck“. Aus dem 17. Jahrhundert sei der obere Teil des Hauses, sagt er. Das Kellergewölbe sei wesentlich älter: „Ich schätze 15. Jahrhundert.“ Dann zeigt er auf eine Aussparung in einer Seitenwand in seinem Büro: „Das war ursprünglich die Eingangstür. Sehen Sie, wie dick die Mauern sind?“

„Nie gedacht, dass das klappt“

Roswitha Piva bringt Kaffee aus der Küche ein Stockwerk über dem Büro. Franz Piva blättert in einem der vielen Ordner, in denen er Berichte über seine Führungen sammelt. Im Zimmer hängen Bilder eines befreundeten Künstlers und eine Reihe alter, entwerteter Aktien. In einer Ecke neben der Tür zu seinem Büro hängt eine Zeitungsausgabe von seinem Geburtstag, dem 14. April 1939. Auf einer Anrichte ist eine beachtliche Bar aufgebaut. Die Flaschen sind ungeöffnet. „Stadtführung“ steht auf einem Pappschild geschrieben, das Kinder für ihn gemalt haben.

Franz Pivas Augen leuchten besonders, wenn er von den Kinderführungen erzählt. Zu verdanken habe er das seiner Frau, sagt sie. Als das Tourismusbüro kurz nach seiner Pensionierung Stadtführer gesucht hatte, habe sie ihn hingeschickt. Ein paar Stunden sei er dann dort gewesen: „Ich habe mich schon gewundert, wo er bleibt“, sagt sie. Als er zurückkam war klar: Franz Piva hat den Job. Die Vorbereitung sei ihm nicht schwer gefallen, sagt er und seine Frau zwinkert mit den Augen: „Ich hätte nie gedacht, dass das klappt.“

„Manchmal weiß ich nicht, was ich noch erzählen soll“

Sein Büro ist gefüllt mit Dankespräsenten und Dokumenten.

Sein Büro ist gefüllt mit Dankespräsenten und Dokumenten.

Acht Jahre ist das jetzt her und Franz Piva hat als Stadtführer schon eine gewisse Berühmtheit erlangt: Er sei ein „Kilometerfresser, der immer einen Rattenschwanz an Zuhörern hinter sich herzieht“, steht in Artikeln über ihn. 5.200 Zuhörer führt er pro Jahr durch die Stadt. 26 verschiedene Führungen hat er auf dem Kasten. Er kennt alle auswendig. Viele Gruppen verlangen direkt nach ihm, sagt er. Viele kommen wieder. Manche seien schon wahre Stammbesucher: „Da weiß ich manchmal nicht, was ich noch erzählen soll“, sagt Franz Piva.

Und zu erzählen gibt es viel: Die Stuttgarter Nachrichten schrieben, man müsse ihn unterbrechen und dürfe das auch. Ob man es will, schrieben sie nicht. Denn wenn Franz Piva erzählt, ist es so, als käme er direkt aus der Zeit, aus der er berichtet. Als wäre er selbst dabei gewesen tratscht er über die Adligen: Dass der Kurfürst Karl-Theodor und seine Frau nicht besonders glücklich miteinander waren, zum Beispiel. Oder dass Graf von Tilly, der die Stadt im Dreißigjährigen Krieg besetzt hatte, sich bis zum Ende seines Lebens Weinheimer Wein zu seinen Schlachten liefern ließ.

„Man darf das Menschliche nicht vergessen“

In seinem Büro führt Franz Piva genaue Aufzeichnungen über seine Führungen.

In seinem Büro führt Franz Piva genaue Aufzeichnungen über seine Führungen.

Eigentlich habe er Förster werden wollen, sagt er. In der Natur zu arbeiten, habe er schon immer sehr gerne gemacht. Doch in der Nachkriegszeit ging es darum, Geld zu verdienen. Nicht um Selbstverwirklichung. Franz Piva machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann, wurde später mit 29 Jahren Prokurist einer großen Handelsgesellschaft, die Studentenwerke und Krankenhäuser im Gebiet zwischen Heidelberg und Freiburg versorgte.

Es sei ein harter Job gewesen, beispielsweise wenn er Mitarbeiter entlassen musste, sagt er. Bereut habe er den Job aber nie: „Man darf das Menschliche nicht vergessen“, Franz Piva. Man könnte sagen, dass er Glück gehabt hat. Denn es hätte auch anders kommen können, wenn er sich hätte dazu zwingen müssen. Herr Piva vergleicht sich in dieser Hinsicht mit Willy Loman, dem Protagonisten aus „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller: „Der hat verkaufen müssen und ist daran gescheitert“, sagt Herr Piva und fügt hinzu, dass man Dinge besser sein lässt, wenn man sich nicht für sie begeistern kann.

Weinheims Sagen, das Gerberviertel und der Wein

Pivas typische Geste: Der augestreckte Zeigefinger ist eine seiner typischen Gesten.

Pivas typische Geste: Der augestreckte Zeigefinger.

Und Franz Pivas Begeisterung für die Geschichte der Stadt überträgt sich auf seine Zuhörer, wie beispielsweise bei einer Gruppe aus Edingen-Neckarhausen Mitte Juni. In historischem Gewand erzählt er vom Blauen Hut, vom Wein und den vielen exotischen Pflanzen, die im Schlossgarten stehen. In den nächsten eineinhalb Stunden wird er viel erzählen über das Gerberviertel, über den Gestank und er wird viel tratschen über die Adeligen aus früheren Jahrhunderten.

Nach der Führung wird er sich bei der Gruppe bedanken und für ein paar Stunden nach Hause gehen: „Heute abend leite ich noch eine Fackelführung.“

Über Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.