Sonntag, 25. Juni 2017

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"Odenwaldbeschimpfung" als Teil einer literarischen Tradition?

FAS empfiehlt „Odenwaldhölle“ als „Schullektüre“

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Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sieht in der „Odenwaldbeschimpfung“ die Fortsetzung einer literarischen Tradition. Foto: Schloss in Birkenau, Wikipedia, Jürgen Kader, CC BY-SA 3.0

 

Kreis Bergstraße/Rhein-Neckar, 04. Januar 2014. (red) Der Feuilleton-Beitrag „Dieses Stück Germany“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) hat hohe Wellen geschlagen. Eine ganze Region fühlt sich beleidigt, Landrat Matthias Wilkes fordert eine Richtigstellung und der Ressortleiter des Feuilletons legt nach. Er empfiehlt den Text seiner Kollegin Antonia Baum als „Schullektüre“ und meint, der Odenwald solle sich darüber freuen.

Von Hardy Prothmann

Innerhalb eines Tages mehrere tausend Aufrufe und über 500 Facebook-Likes für einen dokumentierten Brief eines Landrats ist aus unserer Erfahrung nicht nur unglaublich viel Aufmerksamkeit – das haben wir in den drei Jahren, seit es das Rheinneckarblog.de gibt, noch nie erlebt.

Der Grund ist klar: Die Volksseele kocht. Aber keinen Kochkäse. Die überwiegende Mehrheit der Menschen im Weschnitztal von Birkenau bis Rimbach und vermutlich weit in den Odenwald hinein sind stinksauer, weil sie sich durch einen abwertenden Beitrag im Feuilleton der FAS ohne Grund als „Dummköpfe“, „Alkoholiker“ und „Kriminelle“ herabgesetzt fühlen, deren einzige Erlösung im Freitot bestehe.

Der Landrat Matthias Wilkes schrieb an den Feuilleton-Ressortleiter Claudius Seidl:

Es ist für mich in keinster Weise nachzuvollziehen, dass die FAZ als eine der renommiertesten Redaktionen Deutschlands einen derart diffamierenden und haltlosen Artikel veröffentlicht.

Über Facebook haben wir den Feuilleton-Ressortleiter Claudius Seidl, der diese Funktion seit Ende 2002 ausübt, über unsere kritische Analyse des Textes von Frau Baum in Kenntnis gesetzt. Wir dokumentieren seine Stellungnahme:

Merkt der Odenwald denn gar nicht, daß er sich freuen darf. Endlich gibt es, in der großen, noblen literarischen Tradition der Berlinbeschimpfung, der Kölnbeschimpfung (Brinkmann war da führend), der Österreichbeschimpfung (T.B.), der Münchenundbayernbeschimpfung (Achternbusch), die alle ihre Meisterwerke hervorgebracht haben, auch die Odenwaldbeschimpfung. Man muß doch, gerade im Odenwald, diesen Text zur Schullektüre machen.

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Antonia Baum. Mit ihrem Buch „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ 2011 für den Bachmann-Preis vorgeschlagen. Jury-Mitglieder bezeichneten den Text als „spätpubertäre Perspektive“ und „schwer reparaturbedürftig“. Quelle: ORF/Bachmannpreis/Tage der deutschsprachigen Literatur

Ein redaktioneller Hinweis, dass es sich bei dem Text um „Literatur“ handelt, fehlt – die Leser/innen müssen annehmen, dass eine Redakteurin der Zeitung nichts „metaphorisch“ meint, sondern alles konkret, zumal der Text auch mit „Meine Heimat“ überschrieben ist.

Offen bleibt die Frage, welches Motiv die Frankfurter Allgemeine Zeitung inklusive der Sonntagszeitung antreibt. Reflektierende Betrachtungen des Motivs „Heimat“ oder eine dekonstruktivistische Provokation? In einer lockeren Reihe beschäftigt sich das Blatt seit geraumer Zeit mit dem Begriff Heimat in der Literatur und lässt Autoren über Heimat schreiben. Im Text der Feuilleton-Redakteurin Sandra Kegel vom 07. April 2012 heißt es:

Heimat wird zum Gefühl: wenn man nach Hause zu den Eltern kommt, und das Namensschild neben der Tür hängt auch nach Jahren noch schief. Den Wert dieser Empfindung kann freilich nur ermessen, wer weggegangen ist. Heimatgefühle – beladen mit dem Gewicht so vieler Wünsche und Sehnsüchte und missbraucht von der nationalsozialistischen Ideologie – waren lange Zeit verpönt wie Vertriebenentreffen oder Volksmusik. Doch in unserer zunehmend virtualisierten Welt sind sie plötzlich wieder salonfähig. Wer den Begriff googelt, muss erkennen, dass die Heimat – und was wir damit verbinden – eine Renaissance erlebt.

Selbstverständlich kann man Heimat miefig und „bäh“ finden und diese Haltung zur Debatte stellen. Genauso selbstverständlich könnte man Heimat auch positiv oder differenziert betrachten, was wohl aber nicht im Interesse der Zeitung liegt. Die Frankfurter Allgemeine kann sich natürlich arrogant über alles, was Heimat angeht, erheben und sich selbst ihrer Heimatlosigkeit versichern. Tatsächlich wird man seine Heimat aber niemals los, noch nicht mal als Heimatloser. Das beweist nicht zuletzt das Pamphlet der Antonia Baum auf ihre alte Heimat Odenwald – was hätte sie schreiben können, wenn es diese, von ihr als traumarisierenden Albtraum empfunden, nicht gegeben hätte? Nichts?

Anm. d. Red.:

Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) gilt als „führender Underground-Lyriker“ der 60-er Jahre. Die Zeit attestiert ihm eine „Selbstvernichtungswollust“ und einen Kampf gegen eine „vermuffte Gesellschaft und ihre Doppelmoral“. Er starb im Alter von 35 Jahren in London nach einem Verkehrsunfall. Die Stadt Köln vergibt in Erinnerung an den Dichter seit 1990 das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium.

(T.B.) steht für den österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard, der häufig das Stilmittel der „Suada, der monologisierenden Rede einsetze und „Geistesmenschen“ in langen Schimpftiraden gegen die „stumpfsinnige Masse“ Stellung beziehen lässt. Typisch ist, alles anzugreifen, was dem Österreicher traditionell „heilig“ ist. Viele Personen des öffentlichen Lebens fühlten sich durch seine Texte verunglimpft. In der bisherigen Rezeption von Antonia Baums Buch „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ wird bemerkt, dass die junge Schriftstellerin und Journalistin den Stil Bernhards kopiert und gut beraten sei, ihre eigene Sprache und ihren eigenen Stil zu finden.

Herbert Achternbusch gilt als prominenter Vertreter des deutschen Autorenfilms und eher erfolgloser Theaterliterat. Die wohl größte Aufmerksamkeit erhielt 1982 sein Film „Das Gespenst, in dem gezeigt wird, wie Jesus Christus in einem bayerischen Kloster vom Kreuz steigt, um mit einer jungen Ordensoberin zu schlafen. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) entschied, den Film nicht freizugeben, denn er attackiere die katholische Kirche und erzeuge „ein nur noch pessimistisches und nihilistisches Grundmuster der Welt, das keine rationale Verarbeitungsmöglichkeit für den Besucher zulässt“. Der Film könne „dem religiösen Empfinden eines nach Millionen zählenden katholischen Teils der Bevölkerung in öffentlicher Vorführung nicht zugemutet werden“. (Quelle Wikipedia)

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.