Dienstag, 22. August 2017

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Mariettas Kolumne: Einmal Haustier, bitte!

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Guten Tag!

4. April 2011. VerlĂ€uft das Leben gleichmĂ€ĂŸig und ohne große Überraschungen, wiegt man sich in Sicherheit. So kann es bleiben, so ist es gut. Gelegentlich jedoch wird der Mensch leichtsinnig und setzt die geliebte Ordnung aufs Spiel. Beispielsweise dann, wenn Kinder vorhanden sind und man plötzlich auf den Hund kommt.

Von Marietta Herzberger

Die grundsĂ€tzliche Aussage, welche nach zwölf Jahren tierloser Ehe zu treffen ist, und bis heute unverrĂŒckbare GĂŒltigkeit hat und von mir niemals in Frage gestellt wurde, ist folgende: Ich bin eine glĂŒckliche Ehefrau. Mein Mann ist nicht einfach nur mein Mann, sondern auch Partner, guter Freund und gelegentlich auch Leidensgenosse. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir sind ein eingespieltes Team und stolze Eltern eines liebreizenden, gelegentlich aufmĂŒpfigen Kindes mit Namen Ella.

Wir bewohnen ein Haus im behaglichen Weinheim. Ruhige Lage und erstrebenswerte SpucknĂ€he zur Autobahn inklusive. Möchte ich mit der Straßenbahn fahren, benötigt es lediglich ein paar leichtfĂŒĂŸige Schritte rechts aus unserer HaustĂŒre heraus und —  rein ins GefĂ€hrt.

Zur Bushaltestelle wende ich mich leicht nach links. Das ist praktisch. Nur nachts nicht. Da nĂ€mlich stört das Bimmeln der OEG-Ampel-Warnanlage, das uns alle halbe Stunde mitteilt, dass die Zeit bis zum Weckerklingeln nahe rĂŒckt. Wir haben uns daran gewöhnt und schlafen mit Ohrstöpseln. Das blecherne Surren der Schranke, das ertönt, wenn sich diese herablĂ€sst und nach einigen Minuten- untermalt vom Bimmeln – wieder öffnet, versuchen wir noch irgendwie in unsere TrĂ€ume einzubauen.

TrÀume vom Transsibirien-Express

In einer dieser schlaflosen NĂ€chte hatte mein Mann die rettende Idee: „Schatz, lass uns vom Transsibieren-Express trĂ€umen. Da lĂ€sst sich das Bimmeln so schön einbetten.“ Ich fand „einbetten“ gut und passend. Seitdem steigen wir ab Einbruch der Dunkelheit beseligt ins Bett und treten unsere gemeinsame Reise an, bis es wieder hell wird.

Unsere Nachbarn sind grĂ¶ĂŸtenteils netter, aufgerĂ€umter Durchschnitt und jeder pflegt seinen kleinen Reihenhausgarten mit Hingabe ohne bieder zu sein. Nein, nicht ganz. Am Ende der Straße wohnt ein Ă€lteres Ehepaar. Dieses ist stolzer Besitzer eines ĂŒbersichtlichen, mit Inbrunst gepflegten Vorgartens, der sicherlich drei BierkĂ€sten fasst und geometrisch einwandfrei mit kleinen, akkurat rund geschnittenen BuchsbaumkĂŒgelchen bestĂŒckt ist.

Damit dieses Kunstwerk niemand zerstört, wurde ein Stahlzaun in unauffĂ€lligem Braun, welches vorzĂŒglich mit dem Altrosa des Hauses harmoniert, darum gezogen. Aber auch diese Nachbarn sind angenehm höflich und bis auf den Gartenzaun noch nicht straffĂ€llig geworden.

Kommt Zeit, kommt Wandel

Auf den Hund gekommen?

Wir sind also, wie schon gesagt, eine glĂŒckliche, kleine Familie. Ganz die Norm, nichts Außergewöhnliches. Nett, normal, beruhigend.

„Ihr seid so herrlich normal“, beneidete mich jĂŒngst eine Freundin. Ich gebe ihr Recht. Allerdings hat sie nett und beruhigend vergessen. Bei Gelegenheit werde ich sie darauf ansprechen.

Doch zu einer Zeit des Wandels bestimmte meine kleine sanfte Tochter unerwartet energisch: „Mama, ich will ein Haustier!“

So ist das eben. Wenn die Zeiten pÀdagogisch wertvollen Spielzeugs vorbei sind, sucht man nach anderen Dingen.

Diverse Forschungen belegen, dass Kinder mit Haustieren, vor allem mit Hunden, ĂŒber eine grĂ¶ĂŸere soziale Kompetenz verfĂŒgen und schneller bereit sind, Verantwortung zu ĂŒbernehmen, als Kinder ohne direkten Tierbezug.

Sie sind meist bewegungsfreudiger, zugleich ruhiger und ausgeglichener. Sie sind also zu Unzeiten gedĂ€mpft aktiv und das kann bisweilen erstrebenswert sein. Außerdem ist erwiesen: Einzelkinder können vereinzelt Defizite im Sozialverhalten aufweisen. Auch reiben sie sich nicht an Geschwistern, sondern an den Eltern, vorzugsweise an der Mutter. Im Prinzip war ich bereits ĂŒberredet.

„Und was schwebt dir da vor?“ wollte ich von meinem blauĂ€ugigen Kind wissen.
„Ein Pferd!“
„Ein Pferd ist kein Haustier!“ widersprach eine mĂ€nnliche Stimme hinter dem Computer.
„Ist es doch! Es kann im Garten leben!“

„Wie wĂ€re es mit einer Katze?“ warf ich ablenkend in die Runde. „Schatz!“, vorwurfsvoll wandte sich der Vater unserer-  Tochter mir zu, „du weißt, dass ich allergisch gegen Katzen, Hasen und Meerschweinchen bin-۩!“

„Mir egal!“ brĂŒllte es jetzt von dem tierlosen Einzelkind, „Ich (!) bin aber nicht algerisch! Papa kann ja ausziehen!“
„Ich ziehe nirgendwo hin. Soweit kommt es noch-€©!“

Schmollend pulte unser kleiner Sonnenschein mit dem großen Zeh Löcher in den Teppich. WĂ€hrend ich verzweifelt grĂŒbelte, welcher tierische Artgenosse in Frage kommen könnte, zupfte mich etwas am Ärmel.

„Wenn Papa tot ist, krieg ich dann einen Hasen?“

„Du Mama, wenn der Papa tot ist, krieg ich dann einen Hasen?“
„Ja klar, dann kriegst du einen Hasen, SĂŒĂŸe.“

Mein Herzblatt schaute mich dankbar an. Warum? Was hatte ich gerade gesagt? Was lautete noch gleich ihre Frage? Katze? Hase? Wer ist tot? „Papa?“, sĂ€uselte unser Liebchen zart, „wann stirbst du denn?“

„Du stirbst?“, irgendwie hatte ich den Faden verloren. Ella schaute ihren Vater durchdringend an. Ja, fast schon hypnotisch. Offenbar erwartete sie nun, dass ihr Erzeuger tot vom Stuhl fallen wĂŒrde. Der beschloss jedoch spontan, jetzt noch nicht abzutreten, trat stattdessen zu uns an den Tisch und gab seinem Unmut lautstark Raum: „Seid ihr noch zu retten!?“

Ich versuchte, das GesprĂ€ch weg von Tod und Teufel auf ein anderes Gleis zu lenken: „Ein Fisch wĂ€re toll, oder? So ein Nemo in einem Glas“, und lĂ€chelte gleichzeitig versöhnlich meinem Mann zu: War nicht so gemeint, verzeihst du mir?

„Nemo ist doof!“
„Eine Maus“, kam der mĂ€nnliche Vorschlag. Er zwinkerte zurĂŒck: Weiß ich doch, schon okay.
„Maus ist auch doof!“
„Hamster?“, warf ich trĂ€ge in die Runde.
„Total blöd!“

Eine Weile saßen wir uns schweigend gegenĂŒber und suchten nach Alternativen. Doch weder Fußboden, Geheimschublade noch Zimmerdecke gaben etwas Brauchbares her. Schließlich, sich endlos ziehende zweieinhalb Minuten spĂ€ter, fand unsere Tochter als erste eine neue Idee: „Ein Hund?“ Sie verblĂŒffte mich mit ihrer Raffinesse, die sie natĂŒrlich von mir hat, und richtete diese Frage mit engelsgleichem Blick an ihren Vater: „Einen Hund, Papa. Bitte, bitte, bitte.“

FĂŒnfundzwanzigtausend Mal „Bitte“

Alle „Bittes“ hier aufzuzĂ€hlen wĂŒrde zu weit fĂŒhren, also belasse ich es bei drei. Es waren aber deutlich mehr. GefĂŒhlte FĂŒnfundzwanzigtausend.

Mein Mann und ich schauten uns skeptisch an. Ein Hund. Dreimal am Tag Gassi. Fusselige Haare im ganzen Haus. Ein dreck- und fellverlierendes, sabberndes Betteltier, welches unserer klinisch reinen Ella genießerisch das Gesicht ableckt, wenn wir gerade nicht hinsehen? Konnten wir uns vorstellen, gelassen und heiter zu bleiben, wenn unser Goldlöckchen eintrĂ€chtig mit einem verfressenen KlĂ€ffer vor dem Napf sitzen wĂŒrde und die beiden sich das Trockenfutter teilen? Und ĂŒberhaupt, was so was kostet!

In stiller Übereinkunft nickten wir uns zu. Wer von uns wĂŒrde den, nach sorgfĂ€ltigem AbwĂ€gen getroffenen Beschluss dem kleinen, voll banger Erwartung erstarrten Wesen ĂŒberbringen?

Seufzend falteten wir die HĂ€nde. Ellas Augen wuchsen auf die GrĂ¶ĂŸe von Billardkugeln. Sie krallte sich in die Stuhllehne, wĂ€hrend sie heiser flĂŒsterte:“ Ein Hund-۩bitte-۩ein kleiner Hund-۩nicht viel-۩.sooo klein!“ Sie formte mit ihren HĂ€nden und Fingern sowas in der GrĂ¶ĂŸe wirklich sehr, sehr kleinen Hundes.

„Also, wenn, dann ein richtiger Hund! Mit so einer Straßenratte kann ich nichts anfangen“, brummte mein geliebter, weiser Mann und zwinkerte unserem siebenjĂ€hrigen Wonneproppen zu.

Ich richtete mich zu voller SitzgrĂ¶ĂŸe auf, um dem Begeisterungsturm standhalten zu können, der nun eigentlich folgen musste. Gespannte Vorfreude ließ uns Eltern erzittern. Gleich wĂŒrde sie uns um den Hals fallen, FreudentrĂ€nen ihre unverdorbenen Wangen benĂ€ssen.

„Ich dachte schon, ihr könnt euch nie entscheiden“, unser ausgesprochen wohlgeratener Sprössling verdrehte kurz die Augen, sprachs, stand auf und stellte ungerĂŒhrt fest: „ Ich hab Hunger. Wann gibt-€ℱs Essen?“
„Gleich!“, hauchte ich mĂŒtterlich gefasst.
„Was gibt es denn?“
„Hot Dogs!“

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen ĂŒber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos ĂŒberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer kĂ€mpft, kann verlieren. Wer nicht kĂ€mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir wĂŒnschen unseren Lesern viel Lesespaß mit ihren Texten!

  • Biene

    Mal wieder eine Super-Geschichte. Immer wieder schön zu lesen. Ich freu mich schon auf die NÀchste

    • christine Carlone

      Und ? Marietta, wer geht denn nun Gassi mit dem Hund:-)

  • M

    Hallo,
    ich habe beim Lesen wieder so lachen mĂŒssen. Marietta Herzberger trifft genau den Punkt, auf den es bei den Geschichten ankommt.

    !!! Herrlich !!!

    Gruß
    M.

  • Marietta

    Na, mein Mann natĂŒrlich 😉