Mittwoch, 23. Mai 2018

Zeitung lÀsst haufenweise menschenverachtende Kommentare zu

Rassisten toben sich bei WNOZ aus

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brauen sosse

Kommentarauszug von der Facebook-Seite der Weinheimer Nachrichten. Solche und andere widerliche Kommentare werden von der Redaktion als „MeinungsĂ€ußerung“ zugelassen. Zum Zeitpunkt des Screenshots heute um 14:11 Uhr war dieser Kommentar schon fĂŒnf Stunden alt und wurde nicht gelöscht.

 

Weinheim, 04. Dezember 2013. (red) Social Media wie Facebook ist unter UmstĂ€nden problematisch. Insbesondere dann, wenn es um „sensible“ Themen geht, beispielsweise Asylbewerber. Die Weinheimer Nachrichten haben gestern einen Text zur geplanten Unterbringung von 200 Asylbewerbern ab Herbst 2015 gepostet – und der Mob darf sich auskotzen – weitestgehend ohne redaktionelle Moderation.

Von Hardy Prothmann

Am Abend werden die EintrĂ€ge auf der Facebook-Seite der Weinheimer Nachrichten immer heftiger. Vorurteile gegen Asylbewerbern werden geschĂŒrt. Sie werden pauschal mit Drogen und schweren Verbrechen in Verbindung gebracht, es wird unterstellt, dass Vergewaltigungen in den meisten LĂ€ndern „wo die herkommen“ einfach „normal“ sei. Das ĂŒbliche „nehmen-die-ArbeitsplĂ€tze-weg“ wird kommentiert – eine redaktionelle Richtigstellung, dass dies doppelt dumm ist, weil es erstens nicht stimmt und zweitens Asylbewerber keine Arbeitserlaubnis haben? Fehlanzeige.

Jede Menge rassistischer und fremdenfeindlicher MĂŒll wird eifrig gepostet, teils voller Hass. So widerlich, dass einzelne Weinheimer BĂŒrger ihre Abscheu ĂŒber solche „Kommentare“ zum Ausdruck bringen. Der CDU-Stadtverbandssprecher Dr. Thomas Ott beispielsweise postet unter seinem privaten Facebook-Account:

Unglaublich was fĂŒr einen MĂŒll manche hier schreiben. Und die @wnoz Redaktion schaut zu.

Eine FB-Nutzerin schreibt:

Also, wenn ich mir so die Kommentare durchlese schĂ€me ich mich Weinheimerin zu sein… Toleranz, Anteilnahme, MitgefĂŒhl – schon mal was davon gehört? Wir sollten stolz und dankbar sein, dass unsere Stadt nicht nur Hilfe in Aussicht stellt sondern tatsĂ€chlich etwas tut. Ich finde dieses Vorhaben toll. Erschreckend, wie manche von Euch denken…

Auch andere BĂŒrger zeigen sich entsetzt. Eine redaktionelle Moderation ist bis zum spĂ€ten Abend nicht zu erkennen. Irgendwann macht wohl jemand einen Redakteur der Zeitung auf die „Debatte“ aufmerksam und es werden einige wenige Kommentare gelöscht. Eindeutige Stellungnahmen und Aufrufe bei Androhung von Konsequenzen gibt es kaum. Die Redaktion schreibt sogar:

Hier wird es zunehmend langweilig, denn das eigentliche Thema rĂŒckt in den Hintergrund. Schade. Weinheim wird jedenfalls 2015 etwa 200 FlĂŒchtlinge aufnehmen und beweisen, dass nicht alle BĂŒrger so denken, wie es viele im Rahmen dieser Diskussion getan haben.

Langweilig? So kann man die dutzendfachen menschenverachtenden Kommentare natĂŒrlich auch bewerten. Meinung ist immer auch eine Sache der Perspektive.

Der Regensburger Journalist Stefan Aigner (Partner von Weinheimblog.de) wird auf die „Diskussion“ aufmerksam und schreibt:

Keine Ahnung von Fakten, Zahlen oder sonstwas, aber groß rumtönen. Das neidhammlerische Rassistenpack in Höchstform.

Und die Weinheimer Nachrichten reagieren immer noch nicht. Auch ich kommentiere sehr intensiv, weil man dem Rassistenpack etwas entgegensetzen muss. Mein Engagement interpretiert die Zeitung als „Selbstdarstellung“ und kommentiert:

Und es freut uns wirklich sehr, dass Sie bei uns die Aufmerksamkeit bekommen, die Ihnen anderswo untersagt bleibt.

Kein Hinweis, dass dieser Kommentarthread vollstĂ€ndig aus dem Ruder lĂ€uft, scheint die Zeitung zu erreichen. Hier freut man sich ĂŒber die „Aufmerksamkeit“ und lĂ€sst dem brauen Mob den Raum, um Menschen zu verdĂ€chtigen und zu verunglimpfen.

Auf der Website weist man sogar noch extra auf diese „Debatte“ hin:

Hier www.facebook.com/wnoz.de auf unserer Facebook-Seite, gab es gestern Abend schon eine lange Debatte zum Thema.

„Debatte“? Eine Debatte hat durch die Kommentatoren und Freunde der WNOZ ĂŒberwiegend nicht stattgefunden, sondern eher menschenverachtende Hetze. Die Stadt Weinheim und diejenigen, die den Asylbewerbern helfen wollen, werden jede Menge zu tun haben, damit diese durch die Zeitung zugelassene rassistische Stimmung nicht irgendwann gesellschaftsfĂ€hig wird und die Zeitungsredaktion versteht, dass man diesen Rassisten keine Plattform gibt. Aber vielleicht entspricht diese Sichtweise nicht der redaktionellen Überzeugung der Redaktion der Weinheimer Nachrichten.

Man darf gespannt sein, ob die gesellschaftlichen Gruppen in Weinheim, also Parteien, der Gemeinderat, der OberbĂŒrgermeister und Vereine auf diese Art von „Meinungsbildung“ den Rassisten auf der Plattform der Weinheimer Nachrichten das Feld ĂŒberlassen oder gegenĂŒber der Redaktion unmissverstĂ€ndlich ihren Unmut zum Ausdruck bringen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.