Donnerstag, 22. Juni 2017

Error, no Ad ID set! Check your syntax!
Neues Wahlbündnis hat gute Chancen auf vier bis sechs Plätze

Weinheimer Liste wählt Kandidaten

Weinheim, 04. März 2014. (red) Wer hätte gedacht, dass der Wahlkampf zur Kommunalwahl richtig spannend wird, bevor er überhaupt richtig angefangen hat? Am Montagabend hat sich die neue Wählervereinigung Weinheimer Liste gegründet und ihre Kandidaten gewählt. Die Liste für die Kernstadt ist voll, außerdem tritt das Bürgerbündnis in Lützelsachsen und Sulzbach an. Führende Personen sind die von der CDU geschassten Stadträtinnen Christina Eitenmüller und Dr. Elke König sowie der Weinheim Plus-Stadtrat Dr. Michael Lehner. Die Weinheimer Liste hat gute Chancen auf mehrere Gemeinderatssitze – zu Lasten der CDU.

weinheimer liste -007-20140303 -IMG_8173

Ernste Veranstaltung bei Fasnachtsambiente – es geht nicht toll, sondern  hochkonzentriert zu. Am 03. März hat sich die Wählervereinigung „Weinheimer Liste“ begründet und Kandidat/innen gewählt.

Von Hardy Prothmann

Vor gut zwei Wochen waren die CDU-Stadträtinnen Christina Eitenmüller und Dr. Elke König noch fassungslos. Die eigene Partei hatte die beiden „Stimmenkönnigen“ nach drei Wahlperioden oder 15 Jahren im Gemeinderat einfach abgewählt. Gleich zwei Mal hintereinander. Die Demütigung war groß und gewollt. Die Enttäuschung war den Frauen ins Gesicht geschrieben.

Peinlich genaue Versammlung

Heute Abend strahlten die Gesichter. Die beiden Frauen wollen es wissen und haben es geschafft. Zusammen mit Unterstützern aus der CDU, Kollegen, Bekannten und Weinheim Plus wurde eine neue Wahlliste aufgestellt. 21 Kandidaten für die Kernstadt, vier für Lützelsachsen, einer für Sulzbach, zunächst vier für den Kreistag, am Ende waren es dann zehn Kandidaten. Damit ist auch hier die Liste voll und man kann wertvolle Stimmen gewinnen, sofern Wähler/innen die Liste gesamt wählen.

32 stimmberechtigte Bürgerinnen fanden sich „Beim Alex“ ein. Der frühere Verwaltungsrichter Dr. Günter Schnebelt wird zum Versammlungsleiter bestimmt. Man achtet peinlich genau darauf, alle Regularien einzuhalten. Bloß keinen Verfahrensfehler machen. Die Veranstaltung läuft sehr ruhig und konzentriert ab.

Dr. Elke König und Dr. Michael Lehner teilen sich die Moderation.

Eine Gruppierung innerhalb der CDU hält es nicht mehr für gut, dass wir kandidieren. Wir glauben, dass das die Wähler entscheiden sollen,

resümiert Dr. König.  Dabei solle doch der Bürger entscheiden, wer gewählt wird und nicht eine „Gruppe von 30-40 Personen“. Hier könnte man stutzig werden, denn schließlich wählen an diesem Abend 32 Bürger/innen ihre Kandidaten für die neue Liste. Im Unterschied zur CDU werden die beiden Stadträtinnen aber als Kandidaten gewählt und nicht abgewählt. Letztlich entscheiden dann die Wähler.

Mehr Transparenz – mehr Bürgerinteressen

Dr. Lehner meint, „wir (Weinheim Plus) sind gar nicht so weit entfernt von den Kolleginnen“. Weinheim Plus sei aus „einer Bürgerinitiative hervorgegangen, habe sich „oft laut zu Wort gemeldet“ (eine Anspielung auf die vergangene Haushaltsdebatte), aber letztlich gezeigt, dass es mehr Transparenz brauche:

Die vielen Bürgerinitiativen zeigen mir eins, nämlich dass die Bürger sich nicht mehr von den Parteien vertreten fühlen. Die Bürger nehmen ihre Interessen selbst in die Hand.

Nach der Einführung wird es formal, das Protokoll wird eingehalten. Bevor die Listen für den Gemeinderat und den Kreistag gewählt werden, wird über Plätze beraten.

Man stellt sich vor und es fallen harte Worte von CDU-Mitgliedern:

Was da bei der Nominierung veranstaltet wurde – damit bin ich nicht einverstanden,

sagt Simon Pflästerer. Selbst CDU-Mitglied und Sohn von CDU-Stadtrat Heinrich Pflästerer. Er will gegen „verkrustete Strukturen“ antreten. Als Karl Bär dran ist, sagt er:

Ich dachte nur, den Frauen muss geholfen werden.

Er kandidiert auf Platz 11. Die Lehrerin Sabine Knur rückt auf Platz 3 vor, weil die Architektin Susanne Fischer-Tsaklakidis nicht so weit vorne stehen will.  Der Landwirt Stefan Müller (von Fritz Pfrang zur Kandidatur bewegt) tauscht mit Peter Lautenschläger den Platz und geht von 6 auf 8.

weinheimer liste -007-20140303 -IMG_8175

Dr. Elke König in Action – innerhalb kurzer Zeit hat sie es mit Christina Eitenmüller und Unterstützern geschafft, eine Liste aufzustellen.

Solidarität über Parteigrenzen hinweg

Es gibt nicht viele Diskussionen, es herrscht überwiegend Einverständnis. Frau Knur erklärt ihre kurze Episode bei der „Alternative für Deutschland“ mit ihrer Kritik an der „Schuldenunion“. Als die ehemalige Bundestagskandidatin der AfD „rechte Tendenzen“ bemerkt haben will, verlässt sie die Partei.

Dann werden die Listen blockweise gewählt. Die Liste für den Gemeinderat wird mit 32-Ja-Stimmen bestätigt. Die Kreisliste mit 31-Ja-Stimmen. So viel Einigkeit wünscht man sich bei anderen Parteien. 10 von 21 Kandidaten sind Frauen. Es gibt erfahrene Stadträt/innen und junge Leute auf der Liste.

Die kommenden Wochen werden für die Weinheimer Liste sehr arbeitsintensiv. Man ist sich einig, dass man mehr Beteiligung und Transparenz im Gemeinderat brauche. Mehr kritische Haltungen statt Fraktionszwang. Weniger „Klüngel“ und weniger „Seilschaften“.

Aber man hat noch kein Programm. Das sollen Arbeitsgruppen erstellen. Erstmals am 17. März – denn am 10. März ist der Termin mit einer CDU-Fraktionssitzung belegt. An der wollen Frau Eitenmüller und Frau Dr. König sowie Thomas Bader teilnehmen. Ob das ohne Probleme geht, ist noch offen.

Herr Bader ist auch CDU-Stadtrat, hat als Bürger heute Abend mitgestimmt und Stimmen ausgezählt. Er wird nicht wieder kandidieren, weder bei der CDU, noch bei der Weinheimer Liste:

Ich bin hier aus Solidarität gegenüber den Kolleginnen.

Gegen 21:30 Uhr ist der formale Teil der Versammlung vollzogen. Nach zweieinhalb Stunden steht fest, dass die CDU-Stadträtinnen gewählte Kandidatinnen sind – auf einer freien Liste. Und auch Weinheim Plus bringt die beiden amtierenden Stadträte wieder in Stellung:

Für Weinheim Plus ist diese Liste ein Glücksfall. So bleiben die Wurzeln erhalten und die Idee für mehr Transparenz kann sich weiterentwickeln,

sagt ein sichtlich zufriedener Stadtrat Dr. Lehner.

Man will punkten

Man will bis in die Nacht die Unterlagen fertig stellen. Am kommenden Morgen die Unterlagen einreichen und Unterstützerformulare bei der Stadtverwaltung abholen. 50 Unterstützer braucht man je für die Gemeinderats- und die Kreistagsliste. Das sei der formelle Weg. Bis zum 17. März will man sich austauschen, Vorschläge für das Programm sammeln, dann ein Programm entwerfen. Und noch ist nicht ganz klar, wie der „Wahlslogan“ als Zusatz zum Listennamen heißen wird. Heiß im Rennen sind „mehr als unabhängig“, „ein Mehr für Bürger“ oder „mehr für Bürger“ – das „mehr“ soll eine Art an das „Plus“ sein. Klar ist – sie wollen punkten, Plus machen, mehr sein als etablierte Parteien.

Die Chancen sind gut. Christina Eitenmüller und Dr. Ulrike König stehen für 16.500 Stimmen bei der vergangenen Wahl 2009. Und Dr. Michael Lehner und Peter Lautenschläger haben sich über eine Bürgerinitiative in Zusammenhang mit den „Schlossberg-Terrassen“ in den Gemeinderat gekämpft und seitdem für Stimmung gesorgt. Stimmen wird man im CDU-Lager einsammeln können, weil hinter den CDU-Mitgliedern auf dieser freien Liste deren Netzwerke stehen.

Was die Liste noch nicht weiß, aber ahnt, ist, dass es viel Widerstand geben wird. Man darf gespannt sein, was da kommt. Vor allem auch in der „Presse“ – die hat gepennt und war an diesem Abend nicht dabei. Wie reagieren die Zeitungen auf die neue Wahlalternative? Schreibt man sie runter oder hoch, gibt man sich neutral oder parteiisch?

Wahlen werden zwar am Ende in der Wahlkabine durch Kreuze entschieden – aber bis dahin ist es ein langer Weg und egal wie ehrlich man es meint, es kommt oft auch darauf an, wie ehrlich Medien berichten. Denn es gibt immer noch viele Menschen, die nur Zeitung lesen und nur das erfahren, was dort steht. Was dort nicht steht, findet für Nur-Zeitungsleser nicht statt.

Und ganz sicher versuchen gewisse Parteigänger „gewisse“ Kanäle zu beeinflussen. Auch hier darf man auf Überraschungen gespannt sein.

Die Kandidat/innen Kernstadt:

  1. Dr. Elke König
  2. Dr. Michael Lehner
  3. Sabine Knur
  4. Hans Christian Stöldt
  5. Christina Eitenmüller
  6. Peter Lautenschläger
  7. Susanne Fischer-Tsaklakidis
  8. Stefan Müller
  9. Simon Pflästerer
  10. Maria-Manuela Stoica-Florea
  11. Karl Bär
  12. Manuela Hornef
  13. Holger Schelling
  14. Dr. Elke Kowalzick-Hahn
  15. Günter Schlott
  16. Ilse Pfeiffer
  17. Richard Kohl
  18. Anette Riedel
  19. Sebastian Bings
  20. Kerstin Sauer-Roesner
  21. Heinrich Bohsem

 

Lützelsachsen:

  1. Wolfgang Bock
  2. Gudrun Antoni
  3. Helmut Klohr
  4. Christiane Neubauer

 

Sulzbach:

  1. Christian Kowalzick

 

Kreistag:

  1. Simon Pflästerer
  2. Gudrun Antoni
  3. Karl Bär
  4. Sabine Knur
  5. Hans Christian Stöldt
  6. Christina Eitenmüller
  7. Dr. Michael Lehner
  8. Susanne Fischer-Tsaklakidis
  9. Sebastian Bings
  10. Wolfgang Bock

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.