Montag, 24. September 2018

Körperverletzungen durch Gegendemonstranten

Die „Guten“ haben keine anderen Rechte als Rechte

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Weinheim/Rhein-Neckar, 06. November 2014. (red) Beim Bundesparteitag der NPD in Weinheim hat es eine Körperverletzung und eine versuchte Körperverletzung von Gegendemonstranten gegen NPD-Mitglieder gegeben. Sicherlich wird sich jeder Demokrat gegen ein solches Verhalten aussprechen – aber wird das auch so gedacht?

Von Hardy Prothmann

Ich habe als politischer Journalist fast alle NPD-Kundgebungen der vergangenen drei Jahre in der Region begleitet. Aktuell kommentiert die NPD, dass die „wahren Undemokraten“ die Gegendemonstranten seien. Denn diese hĂ€tten einen „demokratischen Bundesparteitag“ einer zugelassenen Partei zu verhindern versucht und seien Feinde der Demokratie, weil sie die Meinungsfreiheit abschaffen wollten. Weiter schreibt die NPD:

Gustav Haenschke, der Fahrer des NPD-Flaggschiffes und TrÀger der goldenen Parteinadel, hatte davon nichts mehr. Er wurde vom gewalttÀtigen Mob angegriffen und musste mehrere SchlÀge auf den Kopf einstecken. Wie es dem 66-JÀhrigen derzeit geht ist nicht bekannt.

Was soll man nun tun? Soll man als Journalist verschweigen, dass ein NPD-Mitglied tÀtlich verletzt worden ist? Dazu noch ein alter Mann? Oder muss man der rechtsradikalen Partei sogar recht geben und die Empörung teilen?

Man muss der Partei im Fall der Gewaltanwendung leider recht geben. Was bilden sich solche Demonstranten ein? Das es „gute Gewalttaten“ gibt, die dadurch legitimiert sind, weil es gegen Rechtsradikale geht? Das zeugt tatsĂ€chlich von einem vollstĂ€ndig gestörten DemokratieverstĂ€ndnis.

Wir leben in einem Rechtsstaat und das Recht gilt fĂŒr alle gleich. Wer sich darĂŒber erhebt und anderen Rechte abspricht und fĂŒr sich selbst Gewalt legitimiert, der handelt nicht demokratisch, sondern mindestens strafrechtlich, wenn nicht sogar verfassungsfeindlich.

NPD-Stadtrat erhÀlt Stadionverbot im Waldhof wegen seines Amts? Hier ist etwas faul. Die Tomate ist es nicht.

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SelbstverstĂ€ndlich ist die Feststellung, Gegendemonstranten und solche, die das Verbot der NPD vorantreiben, seien Feinde der Demokratie und Meinungsfreiheit, absoluter Blödsinn. NatĂŒrlich kann man gegen die NPD demonstrieren und seine Meinung kund tun. Wer dies aber mit ĂŒbelsten SchmĂ€hungen tut – ist der ein Vorbild? Darf man Rechte beleidigen – einfach so? Wer gibt einem dieses Recht? Wo steht das in unseren Gesetzen? Dort steht, dass man seine Meinung Ă€ußern kann, sofern man nicht gegen andere RechtsgĂŒter verstĂ¶ĂŸt. Und Beleidigungen verletzen Artikel 1 Grundgesetz: Die WĂŒrde des Menschen ist unantastbar.

Wer jetzt behauptet, ein NPD-Mitglied sei kein Mensch oder einer mit weniger Rechten, ist ebenfalls ein Faschist. Und wer sich hinstellt und den Staatsgerichtshof „wĂŒtend“ kritisiert, wie der Erste BĂŒrgermeister Dr. Torsten Fetzner das öffentlich vor den Gegendemonstranten gemacht hat, handelt groß fahrlĂ€ssig falsch und taugt nicht als demokratisches Vorbild, sondern wiegelt gegen besseres Wissen propagandistisch die Menge auf.

Beim Bundesparteitag der NPD im vergangenen Jahr hat sich ein FunktionstrĂ€ger einer bĂŒrgerlichen Partei bei mir erkundigt, ob er zur Demo gehe könne. SelbstverstĂ€ndlich, habe ich geantwortet. Dann sagte der Mensch zu mir:

Ich habe aber Angst vor den gewaltbereiten Autonomen.

Es ging also gar nicht so sehr, mit „Linksautonomen“ zusammen aufzutreten, sondern konkret um Angst vor Gewalt. Ich habe den Mann beruhigt, er hat zum ersten Mal in seinem Leben demonstriert und fĂŒhlte sich gut, weil er seinem demokratischen Protest gegen die NPD Ausdruck verleihen konnte.

Ich habe damals aber auch verstanden, warum viele BĂŒrger wegbleiben, wenn die Antifa auftritt: Sie haben Angst vor der Bereitschaft zur Gewalt. So gesehen verhindert die Antifa die Mitwirkung von BĂŒrgern, deren Sorge vor Gewalt nicht unberechtigt ist. Damit verhĂ€lt sich die Antifa nicht nur nach dem Gesetzbuch falsch, weil Gewalt, gleich welcher Art Strafsachen sind, sondern behindert auch die politische Gegenwehr der Mehrheit der BĂŒrger.

Und auch die VorwĂŒrfe gegen die Polizei sind falsch: Die beschĂŒtzt nicht die NPD, sondern sie beschĂŒtzt das Grundgesetz, die freiheitliche Ordnung sowie die Meinungsfreiheit. Sie muss das tut, weil linke GewalttĂ€ter voraussehbar Straftaten verĂŒben. Und wer das im Kopf damit rechtfertigt, dass es ja „gegen die bösen Nazis“ geht, zeigt eine politisch-geistige Unreife und hat das mit dem Rechtsstaat und der Gleichheit auch nicht ansatzweise verstanden.

Die gesellschaftliche Ächtung muss auf alle Extremisten angewendet werden und bĂŒrgerliche Demonstranten tĂ€ten gut daran, sich klar und deutlich von gewaltbereiten Autonomen zu distanzieren. Ich selbst bin schon mehrfach von Autonomen angegangen worden, auch körperlich, nur weil ich eine dunkle Jacke anhatte und damit als „Nazi-Spion“ galt. Eine Mitarbeiterin von mir war nach einer Gegendemo sichtlich geschockt – nicht von der NPD, sondern von der aggressiven Stimmung bei den Autonomen.

Seither fĂŒhre ich intensive VorbereitungsgesprĂ€che mit meinen Mitarbeitern, weil ich in der Verantwortung stehe. Ich bereite sie psychologisch und organisatorisch auf die EinsĂ€tze vor, damit sie keinen Schaden erleiden.

Der Kampf gegen Faschisten und Rechtsextreme sollte mit dem Kopf, Argumenten und vorbildlichem Verhalten gefĂŒhrt werden, statt mit SchmĂ€hungen und Gewalt. Denn das nutzt die NPD aus, um sich als „unschuldiges Opfer“ darzustellen. Die NPD ist weder Opfer noch unschuldig, sondern eine menschenverachtende, demokratiefeindliche Partei. Es ist gut, gegen sie zu demonstrieren. Es ist gut, zu informieren und die Rechtsextremen zu behindern, wo es nur geht. Aber es ist nicht gut, dies mit Gewalt zu tun oder jede Contenance zu verlieren. Gute Demokraten werfen anderen höchstens gute Argumente an den Kopf und sonst nichts.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.