Donnerstag, 23. November 2017

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Beim NSU-Prozess wird auch der Journalismus verhandelt werden

Täter, Opfer, Verhandlung, Berichterstattung

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Beate Zschäpe (38) ist die Hauptangeklagte im "NSU-Prozess". Quelle: BKA

Beate Zschäpe (38) ist die Hauptangeklagte im „NSU-Prozess“. Quelle: BKA

Rhein-Neckar, 06. Mai 2013. (red/pro) Heute beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe sowie vier weitere Mitangeklagte vor dem Oberlandesgericht München. Der „NSU-Prozess“ hat gigantische Dimensionen, was die Zahl der Opfer und Nebenkläger, die Anklageschrift, die Zeugen oder die Zahl der Verhandlungstage angeht. Und vor allem das Interesse der Medien. Vor Gericht wird nicht über den Journalismus verhandelt werden – aber jeder von uns wird sich ein Urteil über die Berichterstattung der Medien machen. Zwangsläufig – denn die vertreten die Öffentlichkeit im Gericht.

Von Hardy Prothmann

Große Gerichtsprozesse sind seit jeher ein Spielplatz der Medien. Hier gibt es viele Geschichten zu entdecken, aufzuschreiben, mitzuteilen. Es geht um Mord und Totschlag, um Hinterlist und Rache, um Eifersucht und Gier – mithin, um menschliche Abgründe. Der Gerichtssaal ist eine große Bühne. Die auftretenden Personen sind mutmaßliche Schurken, Diebe, Betrüber, Mörder, es gibt die Opfer, Ankläger, Zeugen und natürlich über alles erhabene Richter.

Und es gibt die sehr, sehr viele Medien – die sich beim letzten Prozess von überregionalem Interesse, dem Fall Kachelmann, ganz überwiegend von einer verstörend sensationsheischenden Seite gezeigt haben. Der Mann wurde vorverurteilt und in einem Maße beschädigt, das bislang beispiellos ist. Und dann wurde er frei gesprochen.

Sensationshascherei und Skandale

Der „NSU-Prozess“, vor allem an der Person der Hauptangeklagten Beate Zschäpe festgemacht, ist geeignet, noch mehr Sensationsheischerei zu erzeugen. Für den ersten Skandal ist das Gericht selbst zuständig. Die erste Verteilung der Plätze im sogenannten „Windhundverfahren“ erbrachte keine Akkreditierung für ausländische, insbesondere türkische Medien. Acht Opfer der rechtsradikalen Terroristen waren türkischer Herkunft. Im zweiten Losverfahren wurde Lose falsch zugeordnet. Was soll man von einem Gericht halten, dass noch nicht mal eine Verlosung organisieren kann? Was von einer Sprecherin, die es lustig findet, dass die Zeitschrift „Brigitte“ einen Platz gewonnen hat?

Auch innerhalb der Medien wurde thematisiert, ob „Brigitte“ geeignet sei, über einen politischen Prozess zu berichten oder „Radio Charivari“ und andere Boulevard-Medien. Die Fragen nach der Kompetenz anderer Medien ist legitim. Aber auch reichlich arrogant.

Woher wissen FAZ, Süddeutsche oder Zeit und andere „Leitmedien“, dass sie die „beste“ Berichterstattung machen werden? Betrachtet man sich die journalistische Arbeit zum Thema „Nationalsozialistischer Untergrund“ genau, sind vor allem eine Vielzahl freier Journalisten, darunter einige für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, für eine intensive, fundierte und vor allem exklusive Berichterstattung verantwortlich. Vor Ort sind Regionalzeitungen und zunehmend Blogs die exklusiven Medien – die großen verwerten nur weiter.

Und für die Weiterverbreitung sorgen immer mehr die Menschen selbst – über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter, über Foren, über email – vernetzt miteinander. Vor allem Vertreter von Printmedien machen sich lächerlich, wenn sie behaupten, die Menschen würden bis zum Erscheinen der Druckausgabe warten, um zu erfahren, „was ist“.

Große Medien – große Worte

Insbesondere die großen Medien haben das große Wort geführt, dass mehr oder weniger nur sie allein in der Lage wären, adäquant und mit Sachverstand über diesen „Monsterprozess“ zu berichten. Recht gebe ich diesen Medien nur insofern, als man sich das einfach ökonomisch errechnen kann.

Ich bin fassungslos über die Selbstüberschätzung von einzelnen freien Journalisten, die sich akkreditiert haben. Für mindestens 80 Verhandlungstage und eine Dauer von vermutlich über zwei Jahren. Die Kosten sind für einen freien Journalisten niemals refinanzierbar – schon gar nicht, wenn diese für kleine und regionale Medien arbeiten und auch nicht, wenn sie für „große“ Medien arbeiten.

Ich bin ebenso fassungslos, dass Sender wie Radio Charivari die Chuzpe haben und sich akkreditieren. Einfach nur, „um dabei zu sein“? Um was geht es diesen Medien? Welche öffentliche Verantwortung wollen sie tragen?

Fulltime-Job

Klar ist: Wer sich seriös mit diesem Prozess und allem, was dazugehört, befassen will, macht einen Fulltime-Job für mindestens zwei Jahre. Wer bezahlt das? Privatwirtschaftliche Medien reden gerne über den „öffentlichen Auftrag“, aber nicht so gerne darüber, dass dieser häufig avon abhängt, wie das Geschäft läuft – sind die Ausgaben zu groß, wird der Anspruch schnell kleiner.

Außer, man lauert auf die schnelle Nachricht. Die einzigartige Story, mit der man groß rauskommt und Schlagzeilen macht. Kann es darum gehen? Denkt irgendwer über die Verantwortung nach, die er sich auflastet, wenn er dieses Thema angeht?

Würde der Prozess hier in Mannheim stattfinden, hätte ich als verantwortlicher Redakteur unserer kleinen Redaktion dringend die Zusammenarbeit mit anderen Medien gesucht, um diese Aufgabe bewältigen zu können. Um sich die Dimensionen vorstellen zu können, reicht allein das Wissen über Zahlen im Zusammenhang mit der Anklage. Die umfasst 488 Seiten mit mehr als 1600 Fußnoten. Die Ermittlungsakten umfassen gut 700 Ordner. 7.000 Beweisstücke liegen vor. Von mehreren hundert Ermittlern und einem Dutzend Staatsanwälten zusammengetragen. Mehrere hundert Zeugen wurden befragt. Rund 80 Nebenkläger vertreten die Familien und Angehörige der Opfer.

Der morgige Prozessauftakt kann turbulent, er kann aber auch einfach nur ermüdend sein, wenn Anträge um Anträge vorgebracht werden. Davon ist mit großer Sicherheit auszugehen. Es kann auch schnell vorbei sein, denn ein Anwalt will laut Spiegel Online einen Antrag auf Vertagung um mindestens eine Woche einbringen, da nicht alle Opfer der mutmaßlichen Terroristen informiert worden seien und eine Möglichkeit haben müssten, sich als Nebenkläger beteiligen zu können.

Im Zweifel für den Angeklagten?

Beate Zschäpe (38), Ralf Wohlleben (38), André E. (33), Holger G. (39) und Carsten S. (33) müssen sich ab 10 Uhr vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München ab morgen verantworten. Mitgliedschaft in einer Terroristischen Vereinigung, zehnfacher Mord, 15 bewaffnete Banküberfälle, zwei Sprengstoffanschläge und weitere Anklagen werden gegen Frau Zschäpe verhandelt. Ob die Mordanklage zu einem Urteil führt? Wer weiß – das Gericht muss dies anhand von Beweisen entscheiden. Solange das nicht der Fall ist, gilt Beate Zschäpe als unschuldig – das werden aber sehr viele Medien vergessen. Natürlich sollen die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden – mit Beweisen.

Den Opfern wird das nichts nützen – sie können nur darauf hoffen, eine Antwort auf die Sinnlosigkeit der NSU-Morde zu erhalten. Selbst wenn es einen Versuch dazu geben sollte – es ist fraglich, ob diese jemand das verstehen kann.

Was viele Medien von diesem Prozess erwarten, ist eine Aufklärung der umgreifend dilletantischen und skandalösen Ermittlungsarbeit von Polizeien und Staatsanwaltschaften sowie Verstrickungen des Verfassungsschutzes in das System der terroristischen NSU.

Ich bin sehr gespannt darauf, wie insbesondere die FAZ, die Süddeutsche Zeitung, die Welt, der Spiegel, der Focus, die Zeit und natürlich besonders in der Pflicht, die öffentlich-rechtlichen Medien, mit dieser gigantischen Aufgabe umgehen werden.

Für den „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ jedenfalls sollte in diesem Prozess kein Platz frei sein.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.