Sonntag, 24. September 2017

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"Jede Schule ist ein Spezialfall"

Gemeinschaftsschule werden und bleiben

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Rhein-Neckar, 08. Oktober 2014. (red/ld) Mindestens 40 Sch√ľler braucht eine Schule pro Jahrgang, um als Gemeinschaftsschule zugelassen zu werden – also 2 mal 20. Diese Zahlen m√ľssen sie langfristig nachweisen. Wer darunter liegt, hat keinen Anspruch auf die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule, hat¬†der Verwaltungsgerichtshof Mannheim aktuell entschieden. Kurios: Bestehende¬†Gemeinschaftsschulen k√∂nnen deutlich weniger Sch√ľler pro Jahrgang haben.

Von Lydia Dartsch

Die vor drei Jahren gestarteten Gemeinschaftsschulen werden gut angenommen, sagt Endrik Ebel vom Staatlichen Schulamt in Mannheim. Seit Mitte September gibt es im Schulbezirk Mannheim insgesamt neun Gemeinschaftsschulen. Das Schulamt ist zust√§ndig f√ľr Mannheim und Heidelberg sowie f√ľr den Rhein-Neckar-Kreis und den Neckar-Odenwald-Kreis und betreut darin 77.000 Sch√ľler/innen. Damit kommen im Schulbezirk Mannheim auf eine Gemeinschaftsschule 8.556 Sch√ľler/innen. In ganz Baden-W√ľrttemberg mit 1.140.000 Sch√ľlker/innen (Stand 2013/14) gibt es eine Gemeinschaftsschule pro 5.455 Sch√ľler/innen. In absoluten Zahlen betrachtet liegt der Schulamtsbezirk Mannheim also weit unter Landesdurchschnitt.

Die erste Gemeinschaftsschule im Bezirk Mannheim war im Schuljahr 2012/13 die¬†Elsenztalschule in Bammental. Ein Jahr sp√§ter kamen f√ľnf weitere dazu. F√ľr dieses Jahr gab es sechs Antr√§ge, allerdings wurden nur drei in Schwetzingen, St. Leon-Rot und Eppelheim bewilligt. Die Leimbachtalschule in Dielheim, die Karl-B√ľhler-Schule in Meckesheim und die Schule am Limes in Osterburken gingen leer aus. Die Prognosen f√ľr die Sch√ľlerzahlen h√§tten nicht ausgereicht, sagt Herr Ebel.

Das Einzugsgebiet des staatlichen Schulamts Mannheim umfasst die St√§dte Mannheim und Heidelberg sowie den Rhein-Neckar-Kreis und den Neckar-Odenwald-Kreis. Foto: Ministerium f√ľr Kultus, Jugend und Sport (bearbeitet)

Das Einzugsgebiet des staatlichen Schulamts Mannheim umfasst die St√§dte Mannheim und Heidelberg sowie den Rhein-Neckar-Kreis und den Neckar-Odenwald-Kreis. Foto: Ministerium f√ľr Kultus, Jugend und Sport (bearbeitet)

 

Bis zum Stichtag am 01. Juni 2014 hatten 12 weitere Schulen beantragt, ab dem Schuljahr 2015/16 Gemeinschaftsschule zu werden, sagt Herr Ebel auf Anfrage. Darunter die Karl-Drais-Schule in Heddesheim und die Friedrich-Schiller-Schule in Hemsbach. Verglichen mit dem Vorjahr hat sich also die Anzahl der¬†Antr√§ge verdoppelt. Wie viele der Antr√§ge genehmigt werden, kann Herr Ebel noch nicht absch√§tzen. Die ersten Visitationen seien bereits in den Sommerferien vorgenommen worden. Jetzt laufen noch die weiteren Pr√ľfungen: „Erfahrungsgem√§√ü d√ľrften es zwischen sechs und zehn Schulen schaffen“, sagt er.

Eines der Kriterien f√ľr die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule – neben dem p√§dagogischen Konzept – ist die Sch√ľlerzahl. Laut ¬ß8a Ziffer 2 des Baden-W√ľrttembergischen Schulgesetzes muss eine Gemeinschaftsschule mindestens zweiz√ľgig sein – also pro Jahrgang mindestens zwei Klassen anbieten k√∂nnen. Das hei√üt, dass in jedem Jahrgang mindestens 2 mal 20¬†Sch√ľler angemeldet sein m√ľssen. Und diese Zahlen m√ľssen von der Prognose her auch f√ľr die kommenden Jahre¬†erreicht werden, sagt Endrik Ebel. Wie gro√ü dieser Zeitraum ist, k√∂nne man aber nicht sagen. Daf√ľr seien die Prognosen zu komplex und w√ľrden mit jedem Jahr in die Zukunft ungenauer.

„Jede Schule ist ein Spezialfall“

Wie weit im voraus dies berechnet wird, k√∂nne man so einfach nicht sagen. Die Pr√ľfung sei sehr komplex mit bis zu 15 Kriterien, die in die¬†Beurteilung einflie√üen. Dazu geh√∂ren Daten wie die Lage der Kommune, wirtschaftliche Faktoren, geplante Neubaugebiete, Anbindungen an die √∂ffentlichen Personennahverkehr. „Als Absicherung ziehen wir die Geburten in den vergangenen zehn Jahren heran. Diese Kinder werden im Alter von¬†zehn Jahren eine weiterf√ľhrende Schule besuchen.“

Dabei sei jede Schule ein Einzelfall¬†und die Kriterien werden jeweils¬†unterschiedlich gewichtet. Eine Berechnungsformel oder ein Computerprogramm, mit dem man diese Prognosen berechnen kann, gibt es nicht. Beispielsweise liegt Heddesheim mitten im Ballungsgebiet und die Karl-Drais-Schule ist nicht optimal an den √∂ffentlichen Personennahverkehr angebunden. Sch√ľler aus Wallstadt seien bisher in Mannheim zur Schule gegangen, sagt Herr Ebel: „Man kann nicht absehen, ob sie das in den kommenden Jahren beibehalten oder ob sie doch nach Heddesheim gehen.“ Die Anbindung an den √∂ffentlichen Nahverkehr habe den Eltern bisher nichts ausgemacht, bei ihrer Entscheidung f√ľr die Karl-Drais-Schule. Dagegen sei nicht abzusehen, ob sich die Hirschberger Sch√ľler k√ľnftig mehr in Richtung Schriesheim oder Weinheim orientieren, statt weiterhin nach Heddesheim zu gehen.

 

Lange nicht sicher: Die Karl-Drais-Schule in Heddesheim will ab dem n√§chsten Schuljahr Gemeinschaftsschule werden. Sie muss aber die Anforderungen an Sch√ľlerzahlen und an das p√§dagogische Konzept erf√ľllen.

Entscheidung noch offen: Die Karl-Drais-Schule in Heddesheim will ab dem n√§chsten Schuljahr Gemeinschaftsschule werden. Sie muss aber die Anforderungen an Sch√ľlerzahlen und an das p√§dagogische Konzept erf√ľllen.

 

Einen anderen Fall stelle Hemsbach dar: „Das grenzt an drei Seiten an Hessen und nebenan bietet Weinheim alle Schularten an“, sagt er. Die gro√üe Unbekannte sei beispielsweise, wie viele Sch√ľler/innen aus Hessen die Gemeinschaftsschule nach Hemsbach ziehen wird und wie viele Sch√ľler aus Hemsbach an die weiterf√ľhrenden Schulen nach Hessen gehen – beispielsweise nach Heppenheim oder Bensheim.

Wird einer Schule langfristig weniger als zwei mal 20¬†Sch√ľler in den¬†Eingangsklassen prognostiziert, wird der Antrag definitiv abgelehnt. Ausnahmen gibt es seit der √Ąnderung des Schulgesetzes zum 01. August nicht mehr. Ein grunds√§tzliches Recht auf die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule gibt es aber nicht, wie der Verwaltungsgerichtshof Baden-W√ľrttemberg am 12. August entschieden hatte. Die¬†Gemeinden Igersheim, Obersontheim und W√§schenbeuren hatten gegen die Entscheidung des¬†Regierungspr√§sidiums Stuttgart geklagt, da die¬†Antr√§ge¬†nicht bewilligt wurden¬†– bei 22 Anmeldungen war die Zweiz√ľgigkeit nicht gew√§hrleistet.

Bestehende Gemeinschaftsschulen k√∂nnen einz√ľgig werden

M√ľssen bestehende Gemeinschaftsschulen jetzt um ihre Existenz f√ľrchten? Nein. Denn diese k√∂nnen auch deutlich weniger Sch√ľler pro Jahrgang haben, bevor die Kommune sich Gedanken machen muss. Die f√ľr die Einrichtung geforderte Zweiz√ľgigkeit kann sich auf eine Einz√ľgigkeit zur√ľck entwickeln. Erst wenn es weniger als 16 Neuanmeldungen in einem Jahrgang gibt, wird laut ¬ß30 des Schulgesetzes ein regionaler Schulentwicklungsprozess in Gang gesetzt und die Kommune muss sich darum k√ľmmern, wie die Schule weiterbetrieben werden kann – beispielsweise in einem Schulzweckverband mit einer anderen Kommune.

Erst wenn zwei Jahre in Folge weniger als 16 Kinder pro Jahrgang angemeldet werden und kein Antrag auf eine schulorganisatorische Ma√ünahme gestellt wird, wird die Schule im folgenden Schuljahr geschlossen, ist in ¬ß 30b Ziffer 2 des Schulgesetzes vorgeschrieben. Dies gilt unabh√§ngig von der weiterf√ľhrenden Schulform, also auch f√ľr Realschulen und Gymnasien. „Dann muss der Schultr√§ger, also die Kommune t√§tig werden, um die Schule zu erhalten“, sagt Herr Ebel.

Stabile, verlässliche Schulen gewollt

Diese Regelung ist bewusst gro√üz√ľgig – man¬†wolle eine Schule nicht schlie√üen, wenn¬†es einmal einen Einbruch bei den Geburten gebe. Bis die Zahl der Neuanmeldungen von 2 mal 20¬†Sch√ľlern auf unter 1 mal 16 rutscht, kann viel Zeit vergehen, die die Kommune nutzen kann, um sich Gedanken √ľber den Erhalt der Schule zu machen.

Noch ist das im Schulamtsbezirk Mannheim nicht n√∂tig. „Unsere Schulen sind alle mindestens zweiz√ľgig“, sagt Herr Ebel. Die Martin-von-Adelsheim-Schule in Adelsheim sei sogar dreiz√ľgig. Die Karl-Friedrich-Schimper-Schule in Schwetzingen, die in diesem Jahr erst Gemeinschaftsschule geworden ist, sogar vierz√ľgig.

Gemeinschaftsschulen sind beliebt

Wegen des gro√üen Andrangs in Bammental wurde die dortige Elsenztalschule in diesem Schuljahr ausnahmsweise sogar dreiz√ľgig. 75 Kinder gehen dort in die f√ľnfte Klasse. „Wir h√§tten sonst Sch√ľler abweisen m√ľssen“, sagt Herr Ebel. Doch die Landesregierung wolle, dass die Eltern die zur Verf√ľgung stehenden Schulformen f√ľr ihre Kinder frei w√§hlen k√∂nnen. Insgesamt 86 Kinder hatten sich angemeldet, sagt Peter Fanta, der Recktor der Elsenztalschule. Den gro√üen Zustrom macht er am Ruf der Schule fest, die bereits vor acht Jahren – noch als Werkrealschule – das Unterrichtsprinzip der Differenzierung eingef√ľhrt hat. „Nun bieten wir auch Hauptschul- Realschul- und Werkrealschulabschl√ľsse an, und die Kinder k√∂nnen sogar anschlie√üend aufs Gymnasium gehen“, sagt Herr Fanta.

Den gro√üen Andrang auf die Gemeinschaftsschulen erkl√§rt Endrik Ebel vom staatlichen Schulamt Mannheim mit den Vorteilen des p√§dagogischen Konzepts an den Schulen. Seit die verpflichtende Grundschulempfehlung in Baden-W√ľrttemberg abgeschafft wurde, m√ľssten vor allem Realschulen mehr Sch√ľler/innen unterschiedlichster Lernniveaus unterrichten:

Die Eltern trauen den Gemeinschaftsschulen zu, dass sie mit diesem hohen Maß an Heterogenität zurecht kommen.

Auch im √ľbrigen Baden-W√ľrttemberg gibt es immer mehr Gemeinschaftsschulen. 81 neue √∂ffentliche Gemeinschaftsschulen gibt es in diesem Schuljahr – insgesamt sind jetzt 209 in Betrieb. Im vergangenen Schuljahr begannen 87 Gemeinschaftsschulen – damit hat sich die Zahl der neuen Schulen ab dem zweiten verdoppelt und auf diesem Niveau gehalten. Ganz offenbar wird diese Schulform nicht nur gut, sondern sehr gut angenommen. Derzeit gibt es landesweit 76 Antr√§ge f√ľr 2015/16 – 12 davon im Schulamtsbezirk Mannheim. Wer von ihnen ab n√§chstem September den Schulentwicklungsprozess abschlie√üen kann, wird im Januar von Kultusminister Andreas Stoch entschieden.

Neue Gemeinschaftsschulen wurden hier beantragt:

 Angelbachtal  Sonnenberg-Schule Grund- und Werkrealschule
 Elztal  Elztalschule Grund- und Werkrealschule
 Heddesheim  Karl-Drais-Schule Grund- und Werkrealschule
 Helmstadt-Bargen  Grafeneckschule Helmstadt, Grund- und Werkrealschule Helmstadt-Bargen
 Hemsbach  Friedrich-Schiller-Werkrealschule
 Limbach  Schule am Schlossplatz Werkrealschule der Gemeinden Limbach-Waldbrunn-Fahrenbach
¬†M√ľhlhausen ¬†Kraichgauschule M√ľhlhausen Grund- und Werkrealschule
 Sinsheim  Theodor-Heuss-Schule Grund- und Werkrealschule
 Wiesloch  Gerbersruh-Werkrealschule
 Dielheim  Leimbachtalschule Grund- und Werkrealschule
¬†Meckesheim ¬†Karl-B√ľhler-Schule Meckesheim Grund- und Werkrealschule
 Osterburken  Schule am Limes Grund- und Werkrealschule Osterburken
√úber Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.