Montag, 23. Juli 2018

Recherchefragen an die Weinheimer Nachrichten bleiben ohne Antwort

Wie kommen eigentlich Originalzitate in die Zeitung?

Print Friendly, PDF & Email

Weinheim, 08. MĂ€rz 2013. (red/pro) Die Tageszeitung Weinheimer Nachrichten ist ein sehr besonderes Medium. Der Redaktion gelingt das Unmögliche: Sie berichtet mit einer Vielzahl von wörtlichen Zitaten aus der vergangenen Gemeinderatssitzung – und dass, obwohl kein Mitarbeiter der Redaktion zugegen war. Ist das Voodoo, Zauberei? Oder verfĂŒgen die Mitarbeiter dieses Provinzblatts ĂŒber ganz außerordentliche investigative FĂ€higkeiten? Wir wollten das gerne genauer wissen und haben nachgefragt. Das Ergebnis: Intransparentes Schweigen.

Von Hardy Prothmann

Wie kann man jemanden wörtlich zitieren, den man nicht hat sprechen hören? Diese Frage möchte die Zeitung nicht beantworten. Quelle: Weinheimer Nachrichten

Verbraucher wollen wissen, was im Essen ist. Welche Farbstoffe, GeschmacksverstĂ€rker, Zusatzstoffe. Sie wollen kontrollierte QualitĂ€t erhalten und haben ein Recht darauf, dass die Kennzeichnungen auf Produkten verlĂ€sslich sind. Auch fĂŒr andere Produkte gelten QualitĂ€tskriterien und Normen. Und die Zeitungen behaupten von sich, „QualitĂ€tsjournalismus“ zu liefern. Das kann nun alles heißen. Doch ein transparenter Umgang mit „Inhaltsstoffen“ sollte auch fĂŒr  Medien gelten: Woher kommen welche Informationen? Wie hat man sie erhalten? Wie verarbeitet?

Klar – manchmal muss man Quellen auch schĂŒtzen. Aber das ist selten der Fall. Ein transparenter Umgang mit Informationen erhöht aber deutlich die GlaubwĂŒrdigkeit von Medien. Die Weinheimer Nachrichten haben wir schon mehrfach kritisch besprochen, weil diese Zeitung wie viele andere auch, ihre Leser/innen tĂ€uscht. TĂ€glich erscheinen eine Vielzahl von Artikeln, die so aussehen, als seien sie redaktionell-journalistisch von der Zeitung erarbeitet. TatsĂ€chlich handelt es sich aber um zugesandte Informationen. Der einzige Hinweis ist ab und an ein vorzugsweise im Nebensatz versteckter Hinweis: „wie xy in einer Pressemitteilung schreibt“. Nicht erkennbar ist, ob sich das auf den gesamten Text, den Absatz oder nur den Hauptsatz bezieht.

Aktuell hat die Zeitung einen Bericht veröffentlicht, bei dem sie mehrere Gemeinderatsmitglieder umfangreich wörtlich zitiert. So, als hÀtte ein Mitarbeiter der Zeitung diese Zitate mit eigenen Ohren gehört und sei dabei gewesen. TatsÀchlich war aber kein Mitarbeiter mehr anwesend, als zum Thema verhandelt worden ist.

Das ist mehr als kurios. Wir haben deshalb einen der Redaktionsleiter, Carsten Propp, angeschrieben, um das RÀtsel zu lösen. Nachdem wir vier Tage keine Antwort erhalten haben, veröffentlichen wir die Anfrage und eine frei erfundene Antwort.

Unsere email-Anfrage vom 02. MĂ€rz zu dubiosen Zitattechniken

Sehr geehrter Herr Propp,

in der Ausgabe der Weinheimer Nachrichten findet sich am 1. MĂ€rz ein Bericht:

„Gemeinderat: Gemeinschaftsschule in Hemsbach ergĂ€nzt Angebot“

Darin werden verschiedene GemeinderÀte wörtlich zitiert. Beispiel:

Wolfgang Metzeltin (SPD) und Cornelia MĂŒnch-Schröder (GAL) lobten das Projekt und freuten sich, dass es in Hemsbach eine solche Schule geben soll. Dies sei eine optimale ErgĂ€nzung zur Weinheimer Schullandschaft, wo man keinen Bedarf nach einer Gemeinschaftsschule gesehen hatte. „Mit einem Angebot in der Nachbarschaft ist auch dieses Spektrum nun abgedeckt“, freute sich Metzeltin. „Dass die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler lĂ€nger gemeinsam lernen, das wĂŒnschen wir uns schon lange“, ergĂ€nzte MĂŒnch-Schröder.

Mal abgesehen davon, ob die Zitate korrekt sind – welche Mitarbeiter der Weinheimer Nachrichten hat die notiert? Sie haben die Sitzung vor 19 Uhr verlassen und Ihr Kollege gegen 20 Uhr. Die Debatte zum Thema fand so gegen 20:40 Uhr statt.

Eventuell haben Sie sich die Zitate ja berichten lassen. Doch von wem? Von StadtrĂ€ten? Im Bericht Ihrer Zeitung ist leider wie ĂŒblich keine anstĂ€ndige Quellenangabe vorhanden. Vielmehr erweckt der Bericht den Eindruck, als habe ein Mitarbeiter Ihrer Zeitung die Debatte verfolgt und Zitate notiert.

Können Sie mir erklÀren, wie das sein kann?

Weiter fehlen ganz wesentliche Elemente der Debatte: Beispielsweise Nachfragen des CDU-Stadtrats Thomas Bader an den OberbĂŒrgermeister Heiner Bernhard und ein ideologischer und vollkommen ĂŒberzogener Angriff des GrĂŒnen-Stadtrats Hans-Ulrich Sckerl auf Herrn Bader, der nur fragte, ob der Schulzweckverband eventuell in Zukunft hohe Kosten fĂŒr die Stadt mit sich bringt.

Wieso wird ein so zentraler Teil der Debatte in der Zeitung nicht berichtet?

Sie erkennen, ich habe sehr wesentliche Fragen an Sie, die absolut relevant fĂŒr die Weinheimer Öffentlichkeit sind, die sicherlich sehr interessiert ist, wie ein Medium, dem die Menschen vertrauen möchten, tatsĂ€chlich arbeitet und wie Berichte zustande kommen. Sie wissen schon – Transparenz ist das Stichwort.

Sie persönlich stehen ja fĂŒr QualitĂ€tsjournalismus ein. Zum 25-jĂ€hrigen JubilĂ€um der Initiative Tageszeitung, einem Zusammenschluss von engagierten Zeitungsmachern, waren Sie wie ich auch in Berlin zur Feier (ich bin kein Mitglied, ich vermute aber, Sie sind eins oder die Weinheimer Nachrichten). Als Teilnehmer im Zuschauerraum haben Sie sich ĂŒberzeugen können, das ich als Podiumsteilnehmer der Diskussion um die Zukunft der Zeitung ein vehementer Verfechter des QualitĂ€tsjournalismus bin – wenn ich auch nicht davon ĂŒberzeugt bin, dass dieser gedruckt sein muss. Wir ziehen also an einem Strang – also in Sachen QualitĂ€t hoffe ich – insofern bin ich ĂŒberzeugt, dass Sie fĂŒr AufklĂ€rung sorgen und meine Fragen umfassend beantworten und Nachfragen aufgeschlossen sind.

In diesem Zusammenhang wĂŒrde mich auch sehr interessieren, wieso die Weinheimer Nachrichten immer nur „versteckt“ die Herkunft von Informationen „transparent“ machen. Sicher, in einem Halbsatz wird meistens etwas in der Art geschrieben „wie die Stadt in einer Pressemitteilung bekannt gibt“ – aber der Rest liest sich so, als sei er redaktionell erarbeitet worden. Kein Wunder, der Pressesprecher der Stadt, Roland Kern, ist ein frĂŒherer Journalist und versteht sein Handwerk.

Wir ĂŒbernehmen hĂ€ufig seine Presseinformationen, weil sie „den Kern“ der Sachen schildern und wir dankbar sind, unseren Leser/innen Informationen anbeiten zu können, die wir sonst personell nicht leisten könnten. Aber wir wĂŒrden niemals auf die Idee kommen, so zu tun, als seien diese Fremdinformationen Produkte unserer Redaktion. Wir schreiben immer die Quelle dazu und kennzeichnen die Texte als Zitat. Die Weinheimer Nachrichten hingegen verwenden das KĂŒrzel WN. Der unbedarfte Leser muss meinen, es handle sich um einen Bericht der Weinheimer Nachrichten.

Wir gehen bei unserem BemĂŒhen um Transparenz noch weiter und zollen Respekt: Herr Kern schreibt immer mal wieder sehr schön lesbare AutorenstĂŒcke. In Absprache mit ihm nennen wir ihn mit „Von Roland Kern“ als Autor. Am Ende des Artikels informieren wir unsere geneigten Leser/innen darĂŒber, dass Herr Kern Pressesprecher der Stadt ist. Die Leser/innen können dann selbst entscheiden, ob es sich um eine „unabhĂ€ngige“ Berichterstattung handelt oder nicht. Aus unserer Sicht ist sie auf jeden Fall eine dokumentarische. Damit haben wir kein Problem.

A propos Problem. Wie uns zugetragen worden ist und was wir in einer Anfangsrecherche bestĂ€tigt gefunden haben, sind Sie, Herr Propp, nicht nur Redaktionsleiter der Weinheimer Nachrichten, sondern gleichzeitig Pressesprecher eines großen Sportvereins in Weinheim. Diese Doppelfunktion ist aus unserer Sicht sehr erstaunlich.

FĂŒr mich drĂ€ngt sich hier natĂŒrlich sofort die Frage auf, was diese Doppelfunktion fĂŒr die journalistisch Berichterstattung bedeutet. Schreiben Sie als Pressesprecher Texte, die die Weinheimer Nachrichten dann mit einem kurzen Hinweis auf eine Pressemitteilung des Vereins verklausuliert als redaktionelle Berichterstattung darstellen? Ist so etwas tatsĂ€chlich vorstellbar?

Oder verhĂ€lt es sich anders: Sie wechseln den Hut des Redakteurs durch den des SportfunktionĂ€rs und lassen sich von einem kritischen Kollegen (sorry, unabhĂ€ngigen Zeitungsjournalisten der Lokalpresse Weinheimer Nachrichten) interviewen und stehen fĂŒr AuskĂŒnfte bereit?

Das ist sehr verwirrend und ich glaube, ich sollte die Initiative Tageszeitung befragen, ob eine Doppelfunktion dieser Art fĂŒr die Zukunft des QualitĂ€tsjournalismus förderlich sein kann.

Ich habe Ihnen jetzt einen langen, freundlich-interessierten Brief geschrieben, Herr Propp. Sie verzeihen, wenn ich auf den „Kollegen“ vorerst verzichte.

Zusammenfassend:

Woher stammen die wörtlichen Zitate aus der Gemeinderatssitzung?
Wieso zeigen die Weinheimer Nachrichten nicht transparent ihre Quellen auf?
Wie vereinbaren Sie Ihre Funktionen als verantwortlicher Redakteur einer Tageszeitung mit der des Pressesprechers eines Vereins, ĂŒber den oft in der Zeitung berichtet wird.

Ich freue mich auf Ihre Antworten.

Schöne GrĂŒĂŸe
Hardy Prothmann

In Ermangelung einer Antwort veröffentlichen wir eine frei erfundene, satirische Antwort.

Sehr geehrter Herr Prothmann,

können Sie nicht einfach wieder dahin zurĂŒckgehen, wo Sie hergekommen sind?

Kein Mensch braucht Ihre blöden Fragen und dieses nörglerische Getue von wegen Transparenz, Wahrhaftigkeit und diesem Mist.

Was in der Zeitung steht, ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.

FĂŒr wen halten Sie sich eigentlich? Glauben Sie im Ernst, dass irgendjemand die Wahrheit interessiert?

Ich bin kein popeliger Pressesprecher, sondern sogar Vorstand fĂŒr Öffentlichkeitsarbeit der TSG Weinheim und sogar im geschĂ€ftsfĂŒhrenden Vorstand. Wo bleibt Ihr Respekt? Investigativer geht’s doch gar nicht. Besser ich schreibe die Artikel und suche die Informationen zusammen als irgendso ein Vereinsdepp und einer von uns muss den MĂŒll dann mĂŒhevoll in ein annehmbares Deutsch zurĂŒckĂŒbersetzen. Das nennt sich Synergie, Win-Win, Sie Wichtigtuer.

Das machen wir als hochprofessionelles Medium ĂŒberall so. Wir nehmen die Text der Stadtverwaltung Weinheim und setzen Sie in die Zeitung mit dem KĂŒrzel WN. Schließlich haben wir Arbeit damit, wir drucken das und liefern es aus. Also gehört diese Leistung uns. Das ist demnĂ€chst sogar gesetzlich als Leistungsschutzrecht geschĂŒtzt. Wie ĂŒbrigens auch das von Ihnen verwendete Zitat – in Zukunft bekommen Sie dafĂŒr von uns eine saftige Rechnung.

Unsere Leser mĂŒssen nur das wissen, was wir objektiv wollen. Und wir wissen, was unsere Parteivertrauten, vor allem aus der SPD, sagen, was wir wissen und zu schreiben haben. Ebenso von den Anzeigenkunden. Die wissen schließlich am besten, was fĂŒr die jeweilige Klientel das Beste ist. Und das machen schließlich alle so. Das ist ein bewĂ€hrtes System.

Das war schon immer so und nur weil Sie das stört, werden wir daran noch lange nichts Ă€ndern. Und solche Leute wie der Bader, der schon ewig keine Anzeigen mehr bei uns schaltet – wieso sollte der vorkommen? Geht’s noch? Glauben Sie, wir machen das alles nur aus einer „Verpflichtung der Öffentlichkeit“ gegenĂŒber? Auf welchem Stern leben Sie denn?

Und was meinen Sie mit unbedarfte Leser? Ist uns doch egal, wer der Leser ist, Hauptsache, das Abo ist bezahlt. Und zwar pĂŒnktlich.

Sie mit Ihrem ganzen Gedöns von QualitÀt sind doch nur ein Selbstdarsteller, den keine Zeitung haben wollte. Genausowenig wie Zeitungen dieses Idioten-Internet brauchen.

Und damit Sie es wissen: Wir werden Sie einfach weiter ignorieren. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass wir auch nur einem unserer Leser zumuten, seine bislang gewohnte Sicht der Welt zu verÀndern?

Selbst der OberbĂŒrgermeister spricht immer nur von Zeitungen und nicht von Blödmann-Blogs. Reicht Ihnen das als Antwort?

Mit genervten GrĂŒĂŸen

C.P.

P.S. Diese Nachricht ist streng vertraulich und nicht fĂŒr die Öffentlichkeit bestimmt.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.