Dienstag, 22. August 2017

Error, no Ad ID set! Check your syntax!

„Und das Licht! So gemütlich!“ – bei freiem Eintritt

Print Friendly, PDF & Email


Rhein-Neckar, 09. Mai 2011 (red) Marietta berichtet aus ihrem bewegten Alltag. Ihre Geschichten kosten keinen Eintritt und sind mitten aus dem Leben – manchmal geht die Phantasie mit ihr durch, aber viellicht auch nur wegen der Realität. Doch was ist real, was phantastisch? Bei Marietta mischen sich die Sphären. Im Mittelpunkt steht der Mensch und der ist immer überraschend. Vor allem die eigenen Eltern. Und vor allem dann, wenn Fäsbuk auf Schwarzwald und Urlaubsträume trifft.

Von Marietta Herzberger

Es ist unvermeidlich. Drei- bis viermal im Jahr hat irgendeiner im ersten bis zweiten Verwandtschaftsgrad Geburtstag und man findet sich ein. Die Lokalität wechselt dabei ständig. Mal ist es die Wohnung meiner Eltern, mal unsere, mal der Balkon meiner Eltern oder unsere Terrasse.

Gelegentlich darf es auch mal ein Restaurant sein. Das kommt bei meinen Eltern aber nur in Frage, wenn das Restaurant bekannt, der Koch gut und ebenfalls bei meinem Vater bekannt ist. Die Hauptkriterien sind grundsätzlich und in jedem Fall der Preis, Nähe der Gaststätte sowie Größe und Konsistenz der Schnitzel und des Kochs. Bevorzugt sind Kegelbahnen mit Anschluss an die Gastronomie und Schützenvereine.

Wie bei de Gerda.

„Des schmeckt do fascht so gud wie bei de Gerda, sach ich. Un koschte duts beinoh nix. Do geh mer gern hi, gell Gerda!“, pflegt Hannes zu loben, wenn es geschmeckt hat, reichlich und günstig war.

Das Schicksal legte meinen diesjährigen Geburtstag auf einen Dienstag. Ich mag Dienstage. Nur nicht an meinem Wiegenfeste. Die obligatorische Einfindung meiner Eltern fand auf unserer Terrasse statt. Nachdem ich morgens meine Kollegen bereits mit reichlich Kuchen und Gebäck beglücken durfte – selbstgekauft versteht sich, denn von einer perfekten Hausfrau bin ich ungefähr so weit weg wie Papua Neuguinea von Toiletten mit fließend Wasser – schnitt ich am Nachmittag den in der Vorwoche gekauften und frisch aufgetauten Käsekuchen an.

Bitte glauben Sie nun nicht, meine Eltern wären mir auch nur im Ansatz zuwider. Nein, im Gegenteil. Ich liebe sie, wie eine Tochter ihre Eltern nur lieben kann. Mit all ihren kleinen Fehlern und liebenswerten Macken, welche im Alter bisweilen zutage treten. Ich trenne sie nur strikt von meinem Freundeskreis, der an meinen Geburtstagen zu einem anderen Zeitpunkt geladen wird. Aus Kostengründen und um unerträgliche Gesprächsspitzen zu vermeiden.

Es klingelt. Der Hund öffnet die Tür. Das Kind stürzt hinterher. Mein Mann brüllt: „Deine Eltern sind da!“

Schnell lege ich noch Servietten neben die Teller und bearbeite den Käsekuchen leicht mit den Fäusten. Wirkt authentischer. Dann haste ich ebenfalls zur Tür. Es ist ein heiteres Willkommen. Küsschen links, Küsschen rechts. Die stets selbstlose Ella will wissen, ob Opa auch ihr Geschenke mitgebracht hat, während der Hund an Oma Gerda hochspringt und versucht sie abzulecken.

„Der Kuche iss awer gud.“

Mein Mann hilft seinem Schwiegervater Hannes aus der Jacke. Bei Gerda hat das der Hund schon erledigt. Ella versucht ihre Oma in ihr Zimmer zu ziehen, um ihr die neue Bettwäsche zu zeigen. Das Ganze spielt sich auf ungefähr 1,5 qm Flur ab. Schließlich hat jeder sein Küsschen auf der Wange, die Jacke an der Garderobe, Geburtstagswünsche an mich übermittelt und mir das jährliche Geldgeschenk nebst Söhnlein Brillant überreicht.

Ella ist sauer, weil keiner ihre Bettwäsche bewundern will. Ich seufze. Auch das geht vorüber und wir an den Tisch.

„Der Kuche iss awer gud“, lobt mich Papa, „Hoscht den selwer gebagge?“

Mein Mann springt für mich in die Bresche: „Schmeckt der wie gekauft, Hannes?“
„Ah nää, isch froog jo nur.“

„Noch Kaffee?“

„Noch Kaffee?“, lächele ich meine Mutter an.

„Nee Kind“, winkt sie ab, „du weißt doch, so spät am Nachmittag-€¦dann schlaf ich wieder nicht.“

„Die verträgt des nimmer, die Gerda. So iss des hald, wemmer ald werd“, sinniert Hannes.

Gerda nickt bedeutungsschwer: „Na ja, man muss schon auf die Ernährung achten. Auch wenn man nicht weiß, wie lange man noch lebt-€¦“

Großes Kino: „Wie war denn euer Urlaub?“

Meine Tochter Ella verdreht die Augen und kaut Käsekuchen.

„Wie war denn euer Urlaub?“, wechselt mein Mann galant das Thema.

Ich habe einen guten Ehemann. Er erspürt negative Schwingungen sofort und steuert dagegen. Anders als ich. Ich steuere immer direkt drauf zu. Wir ergänzen uns. Aber ich schweife ab-€¦

Der Blick, das Licht - 20 Jahre. Urlaub ist was schönes. Jeder hat eine andere Vorstellung davon. Marietta zahlt für die Extra-Vorstellung noch nicht mal Eintritt. Bild: wikipedia/Arminia

Leider ist Gegensteuern auch nicht immer die beste Wahl. Unwissentlich gibt er damit den Startschuss für Hannes gefürchtete Monologe.

„Mama?“, mein cleveres Kind erkennt die Situation pfeilschnell und versuchte, sich zu retten, „Darf ich raus, spielen gehen? Ich bin satt.“

„Klar“, sage ich neidvoll und entlasse sie mit einem huldvollen Wink in die Freiheit.

„Also des hädds bei uns frieher net gewwe“, entrüstet sich Hannes mit erhobenem Zeigefinger, „Mir häwwe am Tisch sitze bleiwe misse, bis-€¦“

„Wo wart ihr in Urlaub?“ Mein Mann beugt sich nach vorne und schaut meinen Vater interessiert an. Wie macht er das nur? Ich lehne mich zurück, schaue alles andere als interessiert und atme tief.

„Ja, wo war mer in Urlaub?!“, kläfft mein Vater ungläubig, „Do wo mer immer sin. Seid zwonzisch Johr jetz schun.“

Besänftigend schiebt sich meine Mutter dazwischen: „Ach Hannes, lass doch“, und zu uns gewandt, „Beim Häuserwirt im Schwarzwald. Ihr wisst doch, der mit nur einer Ferienwohnung.“

Wir nicken eifrig und haben nicht den Hauch einer Ahnung.

Hannes haut begeistert mit der Hand auf den Tisch: „Also des iss ä suber Wohnung!“ Kurze Pause. „Awwer pass uff! Die derfter net in Fäsbuk oder im Innerned oder so zeige, gell! Sunschd griehe mer die vielleicht nimmer, wenn die donn jeder will!“ Wieder eine kurze, dieses Mal jedoch mahnende Pause. Das Gewicht der Worte soll sich setzen.

„Die hot alles, die Wohnung-€¦Ä Kisch mit Gscherrspielmaschien unn e riese Schlofzimmer mit äm riese Bett. „Jo, allerdings…“, Hannes schaut meinen Mann taxierend an, „fer disch kenns e bissl eng werre, so um do so uff die Seit ons Bett zu kumme mit deiner Greeß und deiner Breit-€¦“.

„Wie? Ich bin doch noch gar nicht breit!?“ Mein Mann ist sichtlich belustigt. Ich bin peinlich berührt und rühre meinen Kaffee um. Das mache ich bereits seit Beginn des Gesprächs.

„Ja nä, ich mähn doch so vom Zugang zum Bett her und so. Isse bissl eng, aber mir reicht des.“

„Achso-€¦“, allgemeines Nicken. Nur nicht näher drauf eingehen.

Er fährt fort mit seiner Lobeshymne: „Ach, un des Wohnzimmer. So ä großes Wohnzimmer. Net altmodisch. Eher-€¦modern. Un ä Leddersofa, eschd Kunschtledder. So ä großes Ums-Eck-Sofa. Do hoscht viel Blatz unn-€¦“

„Ach und das Licht“, mischt sich schwärmend meine Mutter ein, „Wenn man da das Licht anmacht, das ist ja so gemütlich, so gemütlich. Da kann man abends sitzen -€¦ach, so gemütlich.“

Suttereng

Hannes pflichtet ihr begeistert bei: „Die Terrass! Die Terass. So schee. Wonn du do drausse hogscht-€¦“

„Ja, so gemütlich! Und das Licht!“ Mutters Augen glänzen.

„Möchte jemand ein Bier?“, fragt mein Mann. Ich nicke benommen. Eigentlich trinke ich kein Bier. Aber die Kaffetasse ist leer und Bier ist besser als gar kein Alkohol.

„Des iss so schee, wonn du do hoggscht. Okay, die Aussicht iss net so toll, weil do de Parkplatz direkt vor de Terass iss-¸ aber-€¦“

„-€¦das Licht. So gemütlich“, ergänzt Mama.

Prost, ein Bier aufs Licht!

Hannes nippt am seinem Bier: „ Also-€¦die Wohnung-€¦so was Guudes.“

„Und das Licht!“

„In de Kisch steht-´n riese Tisch. Do konscht dro sitze.“ Hannes wackelt leicht mit dem Kopf: „Un die Leit, die am Fenschder vorbei laafe, die stere net.“
Gerda nickt zustimmend.

„Wisster, die Wohnung liegt im Suttereng, do kenne die Leit net so nei gucke, wonn se vorbei laafe. Auch net ins Schlofzimmer. Awwer mer sinn jo Friehuffsteher!“
Frühaufsteher? Was? Habe ich etwas verpasst? Kurz eingenickt?

„Wieso Frühaufsteher?“, frage ich perplex.

Vom Vogel, vom Frühaufsteher und Briefträger.

„Ah, weil uns donn de Briefträger net steert.“

Nun ist auch mein weiser, stets jeder Situation gewachsener Mann irritiert: „Briefträger?“

„Ei jo, weil doch die Briefkäschde direkt am Schlofzimmer sin, so vun ausse, verschdehscht?“

Gerda lächelt erhaben: „Ja, wenn der Briefträger morgens um sechs Uhr die Briefe einwirft, dann sind wir ja schon lange wach.“

„De friehe Vogel,-€¦kennt er doch, des Sprichword, gell?“

Müde lächle ich meinen Vater an. Was will ich eigentlich? Andere zahlen für so was Eintritt.

„Und das Licht! So gemütlich!“

„Gerda, mir packens. Danke fer den leckere Kuche und des Bier“, sagt mein Vater und drängt seine Frau. Ella zeigt ihr noch schnell die Bettwäsche, mein Mann räumt auf.

„Un ja ned ins Fäsbuk stelle, sonschd gibt’s Ärscher“, sagt mein Vater noch. „Nein, Papa, bestimmt nicht.“

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen über den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos überzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir wünschen unseren Lesern viel Lesespaß mit ihren Texten!

  • Biene

    Wieder hab ich mich köstlich amüsiert über deine neue Geschichte. Wie ausm werklische Läwe

  • Marietta

    Eijo her. Die beschde Gschichde schreibt ewwe des Läwe, gell.

    Danke, liebe Sabine

    Deine Marietta