Mittwoch, 20. September 2017

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Die Mannheimer Straßenschule bietet Jugendlichen mit Problemen eine zweite Chance

Den Sprung von der Straße schaffen

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Ute Schnebel hatte die Idee für die Mannheimer Straßenschule, die sie vor drei Jahren bei Freezone gegründet hatte und seitdem koordiniert.

 

Mannheim/Rhein-Neckar, 09. Dezember 2013. (red/ld) Für ihre Mitmenschen aus dem bürgerlichen Umfeld gelten sie als „Loser“ – Verlierer. Statt eines geregelten Lebens mit Schulabschluss, Ausbildung und Berufsleben, sind sie irgendwann ausgestiegen, wurden rausgeschmissen oder einfach aus der Bahn geworfen. So ist das Leben. Ihres ist eigentlich chancenlos, sollte man meinen. Doch diese Annahme ist falsch!

Von Lydia Dartsch

„Dannie“ lehnt sich gelassen zurück. Sie heißt eigentlich anders und es ist ihr egal, ob wir ihren richtigen Namen verwenden oder sie fotografieren. Die 23-Jährige steht zu ihrem Leben, das irgendwann aus dem Ruder lief. Sie spricht offen über ihren Ausstieg aus der Gesellschaft, den Drogen, ihre anstehende Geschlechtsumwandlung und vor allem über ihren Neuanfang. Wir geben ihr trotzdem einen anderen Namen und zeigen auch nicht ihr Gesicht, um sie zu schützen, für alle Fälle.

Im nächsten Jahr will Dannie ihren Realschulabschluss bestehen und danach eine Schreinerlehre machen. Dafür büffelt sie seit ein paar Monaten in der Straßenschule von Freezone, der Anlaufstelle in Mannheim für Straßenkinder, beziehungsweise Kinder, deren Lebensmittelpunkt auf der Straße liegt, wie die amtliche Bezeichnung lautet. Denn obdachlose Kinder gebe es nicht, sagt die Leiterin von Freezone, Andrea Schulz.

Dass sie wieder Ziele hat, habe Dannie ihrer Ex-Freundin zu verdanken, sagt sie. Diese habe sie vor etwa zwei Jahren vor die Wahl gestellt:

Ich will keinen Loser an meiner Seite haben. Krieg Dein Leben auf die Reihe!

Aus der Reihe getanzt war Dannies Leben, als ihre zehn Jahre ältere Schwester mit 18 Jahren ausgezogen ist. Sie sei diejenige gewesen, die sich um Dannie gekümmert hatte. Im Gegensatz zu ihren Eltern: Ihr Vater habe meistens auswärts gearbeitet, ihre Mutter abends spät von der Arbeit gekommen. Dannie sei „so nebenher gelaufen“, wie sie sagt.

Vor der Einschulung sei dann Legasthenie bei ihr festgestellt worden. Ob die Diagnose richtig oder falsch war, wisse Dannie nicht. Mit der Diagnose kam das Mädchen auf die Förderschule. Mit 16 Jahren machte sie ihren Hauptschulabschluss – ohne Englischnote. Es folgte ein berufsvorbereitendes Jahr in einer Hauswirtschaftsschule. Dort sollte sie noch einmal den Hauptschulabschluss machen. Das sah Dannie nicht ein, lehnte ab. Ab dann habe sich auch an der Schule niemand mehr für sie interessiert. Dannie brach ab, schlug sich mit Ein-Euro-Jobs durch: Das sei sinnlos und diene nur dem Zweck, nicht in der Arbeitslosenstatistik aufzutauchen, helfe aber nicht. Irgendwann kam keine Post mehr vom Amt. Sie sei „eben durchs Raster gefallen“, sagt sie.

 

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Büffeln für den Abschluss und die Chance, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Diese Jugendlichen haben Pläne für ihr Leben.

 

Es folgten drei Jahre Orientierungslosigkeit. Dannie nennt das „Party“. Sie habe viel gefeiert, viel getrunken. Ihre Eltern haben sie weiter bei sich wohnen lassen, finanzierten sie, auch ihre Sucht: Marihuana und Pep, ein synthetisch hergestelltes Amphetamin. Billige Alternative zu Kokain.

Der Weckruf ihrer damaligen Freundin kam an: Dannie suchte Wege zurück in geordnete Bahnen. Sie versuchte ihre Mittlere Reife an der Volkshochschule nachzuholen und fiel nach einem halben Jahr durch die ersten Prüfungen: Über 1.000 Euro habe sie damals in den Sand gesetzt. Das werfe ihre Mutter ihr noch heute vor, sagt sie:

Denen ist es egal, ob man im Unterricht mitkommt oder nicht. Wer es nicht schafft, bleibt auf der Strecke.

Anders geht es bei der Straßenschule der Anlaufstelle Freezone: Auf jeden der ehrenamtlichen Lehrer kommen ein, höchstens zwei Schüler. Entweder sind die Lehrer selbst ausgebildete Pädagogen oder Studenten, wie Lisa Stickler, die gerade im Masterstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Mannheim studiert. Heute gibt sie Dannie ihre erste Chemie-Stunde.

Eigentlich habe sie schon immer gerne Jugendarbeit gemacht, sagt Lisa Stickler. Jetzt, in ihrem Masterstudiengang, habe sie wieder Zeit dafür. Es gebe für sie auch immer etwas zu tun, sagt sie. Wie viel Stoff sie ihren Schülern vermitteln kann, hänge von den Schülern ab. Es gebe viele Aufs und Abs. Das könne frustrierend sein, aber die Erfolge fangen das wieder auf: In den drei Jahren, in denen die Straßenschule besteht, haben vier Schüler die Mittlere Reife gemacht. Zehn haben den Hauptschulabschluss geschafft. Ihre Zeugnisse und Fotos hängen zur Motivation an den Wänden.

 

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In Pakistan aufgewachsen, im fernen Mannheim ausgesetzt: Kinderheim, Hauptschulabschluss. Für die Lehrstelle fehlt die Englischnote. Die Geschichten der Jugendlichen sind vielfältig.

 

Auch der 17-Jährige Farid ist motiviert, seinen Hauptschulabschluss mit Englischnote zu schaffen. Eine Lehrstelle hat er schon. Dazu fehlt ihm nur noch die Arbeitserlaubnis. Die Aussicht darauf verbessere sich mit dem Abschluss, hofft er. Seit zwei Jahren lernt er Deutsch. Seit einer Woche Englisch und er komme schnell voran, sagt seine Lehrerin Fionnualla Frank.

Dabei hat Farid bei Null angefangen. Er erzählt: Mit 14 setzte ihn sein Vater in Pakistan in den Flieger nach Deutschland. Farid wurde von einem Mann, den sein Vater kannte, nach Mannheim gebracht und ausgesetzt. Warum, will er nicht erzählen. Er sagt: „Einfach so.“

Den Abschluss schaffen für die Lehrstelle

Eine Polizeistreife kontrollierte ihn. Als er sich nicht ausweisen konnte, kam er in ein Kinderheim, beantragte Asyl und bekam es, er ging in Mannheim zur Schule und schaffte den Hauptschulabschluss ohne die Englischnote. Die Straßenschule sei seine Chance, sagt er.

Die Idee zur Straßenschule hatte Ute Schnebel, die die Schule koordiniert. Sie hatte zuvor als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Masterstudiengang Straßenkinderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gearbeitet. Ihre Schüler kommen zuerst zur Anlaufstelle Freezone, dann zu ihr.

 

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14 Jugendliche haben hier schon ihren Abschluss gemacht. 4 davon die Mittlere Reife. Die Zeugnisse an den Wänden spornen an.

 

Lernen darf, wer dazu bereit ist. Die Schüler sollen es durchziehen. Unterricht ist montags bis donnerstags von 17:00 bis 20:00 Uhr. Zunächst werde der aktuelle Stand ermittelt und geschaut, welche Ziele realisierbar sind. Der Unterricht werde dann so organisiert und gestaltet, dass die Schüler optimale Lernbedingungen haben, sagt Frau Schnebel.

Freiwilligkeit sei auch in der Arbeit der Anlaufstelle oberste Grundregel, sagt Andrea Schulz, die Freezone vor 16 Jahren mitgegründet hat und sie nun gemeinsam mit Markus Unterländer leitet. Wer zu ihnen nach J7, 23 kommt, und Hilfe möchte, erhält sie, um wieder auf die Füße zu kommen. Der erste Schritt dazu sei wieder Vertrauen zu fassen, sagt sie:

Die Kinder und Jugendlichen haben an einem Punkt in ihrem Leben schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht.

Die Gründe dafür sind vielfältig: Eine kaputte Beziehung zu den Eltern, Missbrauch, oder man kommt mit der Situation in der Patchworkfamilie nicht zurecht. Meist sind die Jugendlichen, die in die Anlaufstelle kommen, zwischen 15 und 25 Jahre alt. Um bei Andrea Schulz ein offenes Ohr und Hilfe zu finden, müsse man nicht erst auf der Straße leben, sagt sie. Wer nicht weiß, wo er schlafen soll, kann in der Unterkunft „Streetnight“ übernachten, wenn genug Platz ist. Die Betten sind begehrt.

Einzige Bedingung für die Hilfe bei Freezone, Streetnight und der Straßenschule: Man muss sich an die strengen Regeln halten. Alkohol und Drogen sind verboten. Ebenso Waffen, verbale und körperliche Gewalt sowie Tauschgeschäfte. Man will keinen Ärger unter den Jugendlichen provozieren. Rauchen ist nur im Hof erlaubt. Wer sich daran nicht hält, wird verwarnt. Wer dann noch die Regeln verletzt, landet wieder auf der Straße.

Ein Problem der großen Städte

Wie viele Jugendliche genau in der Metropolregion Rhein-Neckar ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben ist nicht bekannt. Im Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis geht man davon aus, dass solche Probleme lediglich in größeren Städten zu finden sind. In Heidelberg gebe es keine bekannten Fälle von Kindern, die auf der Straße leben, schreibt Christina Eula vom Amt für Öffentlichkeitsarbeit auf unsere Nachfrage. Notaufnahmeplätze gebe im Luise-Scheppler-Heim, wenn es doch einmal nötig sei, jemanden kurzfristig aufzunehmen. Auch in Mannheim sind keine Zahlen bekannt.

In Weinheim seien solche Fälle selten, sagt Volker Kugel von der mobilen Kinder- und Jugendarbeit, die über dem Café Central in der Innenstadt angesiedelt ist. Ein bis zwei Mal im Jahr komme es vor, dass Kinder oder Jugendliche sich melden, weil sie nicht wissen, wo sie übernachten sollen. Herr Kugel und Elke Weitenkopf bieten den Jugendlichen allgemein eine Anlaufstelle für Probleme und geben, wie auch die Anlaufstelle Freezone in Mannheim, Hilfestellung bei der Lösung.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.