Sonntag, 18. August 2019

Literaturprofessor Jochen Hörisch bewertet FAZ-Pamphlet

Die skandalisierte „Odenwaldhölle“ – nicht sonderlich originell

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„Ästhetische Massaker sind eher langweilig“, sagt der renommierte Germanist Jochen Hörisch.

 

Rhein-Neckar/Kreis Bergstraße, 10. Januar 2013. (red/pro/ms) Die Feuilleton-Redakteurin Antonia Baum beleidigte mit ihrem Pamphlet gegen den Odenwald eine gesamte Region. Von der FAZ wird der Text verteidigt: Das „literarische Stück“ tauge sogar bestens als „Schullektüre“, antwortete die FAZ auf Schreiben des Landrats Matthias Wilkes und der Bürgermeister. Der Literatur- und Medienwissenschaftler Jochen Hörisch bewertet im Interview, welche literarischen Qualität er dem Text zumisst und welche Motivation die Verfasserin vermutlich hatte.

Interview: Hardy Prothmann

Herr Professor Hörisch – der FAZ-Feuilleton-Chef Claudius Seidl verteidigt Antonia Baums „Odenwaldhölle“ als literarisches Werk. Wie beurteilen Sie die literarischen Qualitäten des Textes?

Prof. Dr. Jochen Hörisch: Es handelt sich in jeder Hinsicht um einen grenzenüberschreitenden Text. Hier werden die Grenzen des Anstands ebenso überschritten, wie die des Journalismus‘ und die der Literatur. Es ist definitiv kein fiktionales Werk, aber mit der Wirklichkeit nimmt es die Autorin auch nicht so genau. Vor allem ist der Text eines: Provokativ. Denn, wenn Grenzen so deutlich überschritten werden, erzeugt das eine Menge Aufmerksamkeit. Und das auch noch unter dem Deckmantel einer seriösen Sonntagszeitung: Sie hat es auf einen Skandal angelegt und erfolgreich erreicht, was sie vorhatte. In dem Sinne wiederum ein sehr konventionelles, nicht sonderlich originelles Spiel – aber es funktioniert.

Konsequent destruktiv

Ist es also ein gelungenes Stück?

Hörisch: Der Text hat zumindest die gleiche Faszination wie alle enthemmten Texte. Wenn man als Kriterium für Literatur heranzieht, ob die Komposition konsistent und in sich stimmig ist, dann haben wir hier ein literarisches Werk. Der Text ist destruktiv gegen eine feindselig wahrgenommene Umwelt, aber so konsequent destruktiv, dass er auch destruktiv gegen die Autorin selbst ist: „Eine schlechte Welt hat mich schlecht gemacht“ – auch wenn das wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben muss. Aber dadurch, dass sie sich auch selbst denunziert, intime Fakten über eigenes Fehlverhalten preisgibt, gewinnt der Text zunächst eine gewisse Überzeugungskraft. Und ich muss gestehen, beim Lesen ein bisschen von diesem düsteren Charme fasziniert worden zu sein.

Plakativer Unfug einer kalkulierten Provokation

Überlegen wir mal, wozu Literatur eigentlich gut ist: Einmal zum Beispiel, um in fremde, faszinierende Welten führen zu lassen. Oder es kann einem neuartige Gedanken vorhalten. Oder eben auch einfach unterhalten. Aber welche Funktion erfüllt denn solche „Literatur“?

Hörisch: Das ist eine sehr fundamentale Frage. Ganz grundsätzlich lässt sich sagen, dass Literatur fast immer einen alternativen Entwurf zu einer bestehenden Vorstellungen von der Realität bietet. Zum Beispiel gibt es die Ansicht, Wissenschaftler seien immer sehr rationale Menschen mit penibler Vorgehensweise – in „Faust“ bekommen wir dagegen ein ganz anders Bild aufgezeigt: Das eines leidenschaftlichen Wissenschaftlers, der nach Enthemmung strebt. Gegensätze sind immer spannend. Die Frage ist, wie radikal man dabei vorgeht. Ist es noch legitim, eine so extreme Enthemmung darzustellen, wie Frau Baum es getan hat? Die meisten Menschen im Odenwald sehen ein gut funktionierendes Vereinsleben, schöne, unberührte Natur und geordnete soziale Strukturen – Frau Baum stellt die Gegend so dar, als sei sie die reinste Hölle. Aber so extrem, so plakativ, wie sie das gemacht hat, kann das leicht als Unfug abgetan werden. Vermutlich wäre es viel eindrücklicher, wenn sie eine Reihe kleinerer, subtilerer Unheimlichkeiten aufgezählt hätte. Umstände, die unstimmig wirken im bestehenden Bild und dazu animieren, es zu überdenken. Aber mit so einer vollen Breitseite erreicht sie ganz sicher keine inhaltliche Auseinandersetzung.

Ästhetisches Massaker ist eher langweilig

Aber eine Menge Aufmerksamkeit – ist das vielleicht eine Form des Marketings, um sich besonders zu positionieren?

Hörisch: Auf jeden Fall, da stecken eine Menge sehr kalkulierter Provokationen drin, die auch funktionieren – nicht in dem Sinne, dass sie stimmen, sondern dass sie als Provokation funktionieren. Und mit Provokationen Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist eine gängige Methode. Das haben auch die Großen gemacht: Brecht, Benn, sogar Goethe. Die haben sich zu ihrer Zeit richtig was getraut. Heute kann man vielleicht sagen: „Toll, dass das noch jemand wagt.“ Aber zumindest als Literaturwissenschaftler ist man inzwischen gelangweilt von einer Strategie, die schon viel zu häufig ge- bzw. missbraucht wurde. Mit einer sprachlichen Kalaschnikow rumrennen und ein ästhetisches Massaker verursachen können viele – jetzt muss sie zeigen, ob sie auch Kleingeld rausgeben kann.

Die FAZ attackiert mit diesem Text gezielt ein positives Heimatgefühl. Was für einen Sinn hat das, so etwas zu veröffentlichen?

Hörisch: Im Grunde ist es für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation: Die Zeitung erreicht eine hohe Auflage, die Autorin viel mehr Bekanntheit und um die Region gibt es einen Riesenwirbel – auch nicht unbedingt schlecht für Birkenau und Rimbach, die jetzt deutlich bekannter sein dürften. Die Orte müssen nur was draus machen.

So ein unfeiner Text passt nicht zur FAZ

Aber hätte die FAZ nicht wenigstens kennzeichnen sollen, dass es sich nicht um einen journalistischen Bericht handelt? Schließlich hat so fiktional-verzerrte Darstellung überhaupt nichts mehr mit Journalismus zu tun.

Hörisch: Auf jeden Fall wäre eine eindeutige Kennzeichnung als Literatur hilfreich und stilsicher gewesen. So leidet das Image der Zeitung stark. Die FAZ hat doch eigentlich ein sehr feines Image – so unfein in die Offensive zu gehen, passt überhaupt nicht. Vermutlich wäre so ein Text nicht erschienen, wenn es keine Probleme mit den Leserzahlen gäbe: Wie bei fast allen Printmedien sinkt auch die Auflage der FAZ, insbesondere beim jungen Publikum. Hier scheint man Aufmerksamkeit um jeden Preis erreichen zu wollen – auch wenn der langfristige Image-Schaden am Ende schlimmer sein könnte.

Trotzdem verteidigt der Feuilleton-Chef Claudius Seidl das Stück weiterhin. Er geht sogar so weit zu sagen, man solle es als Schullektüre behandeln. Taugt so ein einseitiger Text als „Bildungslektüre“?

Hörisch: Wenn der Text allein für sich stehend behandelt würde, sicher nicht. Aber ein Vergleich wäre vielleicht ganz spannend: Worin unterscheiden sich die Schilderungen des Landlebens von Antonia Baum beispielsweise von denen von Andreas Maier, der ganz herausragende Romane schreibt, die alle auch in der Provinz angesiedelt sind. Allerdings geht dieser Autor viel sensibler vor, schafft es, Ambivalenzen zu erzeugen. Manche Idiotie des Landlebens wird hier feinfühligen, erzählenswerten Erlebnissen gegenübergestellt, die so woanders nie hätten stattfinden können. Antonia Baum macht sich das einfacher: Alles ist schlecht. Alles wird rücksichtslos und verletzend attackiert.  Wenigstens macht sie das auch mit sich selbst – sonst wäre der Text nur schwer zu ertragen.

Öfter mal Dreigroschenoper lesen

Darf künstlerische Freiheit alles oder muss man sich auch „verantworten“?

Hörisch: Wenn Autoren ernst genommen werden wollen, übernehmen sie Verantwortung für ihr Wort.

Antonia Baum hat nun auf Anfrage gegenüber einiger Zeitungen erklärt, sie wolle niemandem zu nahe treten und keinen persönlich beleidigen. Eine enttäuschend banale Antwort, finde ich. Kann man denn jemanden, der seine destruktive Konsequenz so schnell öffentlich revidiert, ernst nehmen.

Hörisch: Dass sie so etwas gesagt hat, ist interessant. Eigentlich darf man das nicht durchgehen lassen. Wenn ein Autor oder eine Autorin sagt: „Vergesst, was ich damals geschrieben habe, dafür übernehme ich keine Verantwortung“, dann kann man so jemanden nicht ernst nehmen. Das erinnert an die Worte in Brechts Dreigroschenoper: „Man schlage ihnen ihre Fressen / Mit schweren Eisenhämmern ein. / Im Übrigen will ich vergessen / Und bitte sie, mir zu verzeihn.“

Zur Person:
Jochen Hörisch hat an der Universität Mannheim den Lehrstuhl „Neuere Germanistik II: Neuere deutsche Literatur und qualitative Medienanalyse“ inne. Er forscht und lehrt als Ordinarius seit 1988 in Mannheim. Der Vater von drei Kindern lebt selbst im Odenwald – in Schriesheim-Altenbach und kennt das Weschnitztal sehr gut, da er dort gerne wandert. Der 63-Jährige forscht schwerpunktmäßig zu Gott, Geld und Medien, hat weltweit zahlreiche Gastdozenturen wahrgenommen und ist ein gefragter Gesprächspartner in Funk und Fernsehen, sowie fleißiger Autor sehr vieler Bücher.

Mitarbeit: Minh Schredle

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.