Donnerstag, 19. Oktober 2017

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Weinheimer Menschen im Portr√§t: Stadtf√ľhrer Franz Piva erz√§hlt Anekdoten und Historisches

Mehr Gerberei als Weinseligkeit

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Weinheim, 10. Juni 2014. (red/ld) Dass Weinheim mal 200 Hektar Weinberge hatte, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Denn eigentlich lebten die Menschen hier fr√ľher von der Gerberei, sagt Stadtf√ľhrer Franz Piva. Auch mit Wein hat der Name „Weinheim“ nichts zu tun.

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Stadtf√ľhrer Franz Piva wei√ü jede Menge interessante Informationen und Anekdoten zu berichten.

Von Lydia Dartsch

Am Samstagnachmittag l√§sst sich eine Gruppe aus Edingen-Neckarhausen durch den Schlosspark und das Gerberviertel f√ľhren. Es ist ein Geburtstagsgeschenk zum 60. Geburtstag. Man trifft sich im Schlosspark am Weiher, nur wenige Meter vom Blauen Hut entfernt und st√§rkt sich erstmal mit dem mitgebrachten Kaffee und Kuchen. Im Anschluss an die Stadtf√ľhrung soll auf einer Fahrt mit der historischen Stra√üenbahn weitergefeiert werden. Doch zun√§chst wollen die gut 50 Geburtstagsg√§ste etwas √ľber die Geschichte Weinheims¬†erfahren.

Vor allem die Historie des Weinanbaus interessiert die Gruppe. Doch Stadtf√ľhrer Franz Piva, der sie erz√§hlen soll, muss ihnen sagen, dass diese Geschichte recht kurz ist. Denn obwohl Weinheim einige Jahrhunderte zuvor noch rund 200 Hektar Weinreben gehabt habe, haben die Menschen in der Stadt vor allem von der Gerberei gelebt:

Der Wein war nur f√ľr den Eigenbedarf,

sagt Herr Piva. Er sieht mit seinem schwarzen Filzhut, in dem ein paar lange wei√üe Federn stecken, und dem wei√üen Hemd mit Pluster√§rmeln ein bisschen so aus, als k√§me er eben aus dieser Zeit. Normalerweise geh√∂re zu seinem Kost√ľm noch eine Weste, ein Umhang und Gamaschen, sagt er. Doch das Wetter ist an diesem Samstag viel zu warm daf√ľr.

Der Weinheimer Wein sei wahrscheinlich wenig schmackhaft gewesen, sagt Herr Piva. Die Menschen haben ihn angebaut, um ihn – wegen was wohl – zu trinken. Zwei bis drei Vollrausche im Monat galten damals als gesundheitsf√∂rdernd, sagt er. Das habe an der schlechten Wasserqualit√§t gelegen, die dadurch bedingt war, dass Abf√§lle und F√§kalien nicht √ľber eine Kanalisation geleitet und das Wasser in einer Kl√§ranlage gereinigt worden sei. Dadurch war das Wasser oft bakteriell belastet. Die Menschen wurden krank.

Wein ist vergoren und war daher bakteriell gesehen in Ordnung. Deshalb habe man die Reben vor allem nach Menge angebaut, nicht nach Qualit√§t. Um ihn lange haltbar zu machen, wurde er mit Kr√§utern und Gew√ľrzen versetzt – hier liege der eigentliche Ursprung des Gl√ľhweins, sagt er.

Einen Teil ihres Weinertrags mussten die B√ľrger an Kirche und Adel abgeben. Etwa 30 Prozent habe der Anteil in der Regel betragen, sagt Franz Piva. Dies habe regelm√§√üig auch Weinpanscher auf den Plan gerufen, die versuchten, ihren Wein mit billigeren Apfel- oder Birnenwein zu strecken: „Die bekamen dann Kerkerhaft im Roten Turm“, sagt Piva und schl√§gt den Bogen zur mittelalterlichen Strafverfolgung. Dort h√§tten die Delinquenten einige Tage gesessen und h√§tten sich die Folterwerkzeuge anschauen k√∂nnen. Das habe damals gereicht, um sie von der Kriminalit√§t zu kurieren, sagt er. Die schweren F√§lle hingegen, also die wegen Mordes oder Pferdediebstahls Verurteilten, seien in den Blauen Hut gebracht worden, wo sie ihre letzten Tage bis zur Hinrichtung am Galgen und sp√§ter durch die Guillotine fristeten.

An diesem Punkt wei√ü der Stadtf√ľhrer sehr viel zu erz√§hlen. Vor allem Anekdoten: Von der Burg Windeck, die zun√§chst gebaut wurde und dann geschleift werden musste, weil Tillie, der zuvor Weinheim erobert hatte, die Eigentumsrechte des Grundst√ľcks nicht gekl√§rt hatte. Oder dass¬†dieser Tillie nach der Eroberung Weinheims verf√ľgt hatte, dass ihm sein Weinanteil auf das Schlachtfeld nachgefahren werde. Witze seien dar√ľber gemacht worden. Franz Piva erz√§hlt einige. Getrunken habe Tillie den Wein bestimmt nicht. Er sei ein erfolgreicher Feldherr gewesen. Franz Piva folgert:

Der Tillie hat den Wein bestimmt seinen Gegnern gegeben, dass denen davon schlecht wird.

Weiter geht die F√ľhrung durch den Schlossgarten. Franz Piva erz√§hlt, wie der Graf von Bergheim den Park und den Exotenwald angelegt hatte, als dessen Familie noch im Besitz des Schlosses und des Parks war. Er empfiehlt eine Runde auf dem Mammutbaumweg, wo man Mammutb√§ume finden k√∂nne, die h√∂her seien als die Windeck. Er erz√§hlt von dem japanischen Schnurbaum, wie sie zuhauf auf dem Marktplatz stehen und er erz√§hlt wieso sie auch „Bienenweide“ genannt werden. Auch der Gingko-Baum und die libanesische Zeder sind Teil seines Vortrags. Immer gepaart mit einem Scherz:

Die Zeder ist kerngesund. Ihr Schicksal w√ľnscht man aber keinem Menschen. Denn sie ist breiter als hoch.

Im Schlosshof geht es weiter mit Anekdoten √ľber den regionalen Adel: Wie der Kurf√ľrst Carl-Theodor nach M√ľnchen musste zum Beispiel und dabei mehr Kegel – uneheliche Kinder – als eigene Kinder mitgenommen habe. „Passen Sie also auf, wenn Sie mit Kind und Kegel verreisen“, sagt er und die Gruppe lacht. Es geht weiter auf den Marktplatz und dann ins Gerberviertel, wo eines der √§ltesten erhaltenen Fachwerkh√§user steht, dessen unterer Teil j√ľnger ist als der obere und selbst dieses Haus hat eine eigene Geschichte. Durch die Judengasse geht es dann weiter zu einem der √§ltesten noch erhaltenen Gerberh√∂fe der Stadt.

Die Gruppe aus Edingen-Neckarhausen kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus: „Der macht das toll“, sagt ein Mann aus der Gruppe, der in Edingen-Neckarhausen selbst F√ľhrungen anbietet. Eine Frau sagt, ihr haben die Erkl√§rungen zu den Pflanzen im Exotenwald am besten gefallen und nach dem Abschluss am Marktplatzbrunnen kommt ein Mann auf Franz Piva zu, um sich zu bedanken:

Man merkt, dass Sie das mit Leidenschaft machen.

Es mache ihm ja auch Spa√ü, sagt er. Dann verabschiedet Franz Piva¬†sich von der Gruppe, nachdem er erz√§hlt hat, woher der „Wein“ in „Weinheim“ kommt. Heute abend macht er noch eine Fackelf√ľhrung. Dann im Dunkeln. Mit einer anderen Route. Mit anderen Geschichten. Davon hat Weinheim eine Menge zu bieten. Wer wissen m√∂chte, warum Weinheim so hei√üt und was es sonst noch zu wissen gibt, l√§uft am besten mal selbst bei einer F√ľhrung mit.

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√úber Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.