Donnerstag, 23. November 2017

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Jan Jaeschke als "Gast" beim Neujahrsempfang

NPD besucht die Grünen

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Der rechte NPD-Funktionär Jan Jaeschke (Weinheim) bei einer Kundgebung Anfang Mai 2012 am Neckarauer Marktplatz (Mannheim).

 

Weinheim, 10. Februar 2014. (red) Die NPD bei den Grünen – nicht vorstellbar? Ist aber so. Der NPD-Kreisvorsitzende Jan Jaeschke hat den Neujahrsempfang der Grünen besucht und mischte sich unter die Gäste. Angeblich sollen ihm auch mehrere grün-alternative Funktionsträger die Hand geschüttelt haben, weil sie nicht wussten, wen sie vor sich hatten.

Von Hardy Prothmann

Kurz vor Weihnachten erwischte es Oberbürgermeister Heiner Bernhard (SPD). Der ließ sich mit dem NPD-Kreisvorsitzenden Jan Jaeschke freundlich grinsend für ein gemeinsames Foto ablichten. Ganz einnehmender, jugendnaher Oberbürgermeister legte Herr Bernhard dem Vertreter einer rechtsradikalen Gesinnung auch noch den Arm um die Schultern und lächelte sein schönstes Politikerlächeln.

Jetzt hat es die Grünen erwischt. Jan Jaeschke mischte sich unter die Gäste des Neujahrsempfangs. Hörte brav inmitten der Zuschauer zu, was die Grünen so politisch von sich gaben.

Begrüßung per Handschlag

Nach unseren Informationen haben ihn auch mehrere grüne Funktionsträger mit Rang und Namen in der Stadt per Handschlag begrüßt. Man zeigt sich schließlich bürgernah und ist froh um jeden, der kommt.

Aber kann das wirklich sein, dass man den Kreisvorsitzenden der NPD nicht erkennt?

Der Landtagsabgeordnete und Stadtrat Hans-Ulrich Sckerl bestätigte uns auf Anfrage, dass bei der GAL (Grün-alternative Liste) später bekannt geworden ist, dass Herr Jaeschke die Veranstaltung besucht haben soll:

Den GAL-Verantwortlichen ist bei rund 100 Leuten nichts aufgefallen. Man muss  Herrn J. auch nun wirklich nicht „kennen“.

Ist das so? Immerhin ist Hans-Ulrich Sckerl einer der entschiedensten Gegner der rechtsradikalen NPD und hat sich politisch umfassend dafür stark gemacht, die Partei verbieten zu lassen. Und dann weiß er noch nicht einmal, wie der Kreisvorsitzende der NPD, der auch im Landesvorstand ist und den Bundesparteitag 2013 in Sulzbach in der eigenen Stadt organisiert hat, aussieht?

NPD-Funktionär „unbekannt“?

Jan Jaeschke ist zudem die treibende Kraft hinter einer Vielzahl von Demonstrationen in Nordbaden in den vergangenen drei Jahren. Diese Aktivitäten sorgten für massive Gegendemonstrationen und erhebliche Polizeieinsätze, die für die Steuerzahler Kosten in Höhe von mehreren hunderttausend Euro verursacht haben. Und dann weiß man nicht, wer der Mann ist und wie der aussieht? Kann das wirklich sein? Die NPD vor Ort – ein gesichtloses Phantom?

Jan Jaeschke lacht sich ins Fäustchen und bestätigt auf Anfrage seine Teilnahme beim Neujahrsempfang:

Es ist richtig, dass ich beim Neujahrsempfang der Grünen war. Also Bürger Weinheims interessiere ich mich eben auch für die Aktivitäten der anderen in Weinheim vertretenen Parteien und bin durchaus bereit, alles zu unterstützen, was gut für die Menschen der Region ist. So habe ich auch schon öfters Initiativen z.B. der CDU/JU unterstützt. Ich habe u.A. den Grünen in Sinsheim wie vielen selbsternannten Kämpfern gegen rechts bereits mehrfach offene Diskussionsrunden angeboten und würde an solchen auch wann immer mir dies möglich ist teilnehmen.

Auch das ist zutreffend. Bei einer Veranstaltung der Politikwissenschaftlerin Ellen Esen in Sinsheim Ende 2013 wollte Jan Jaeschke teilnehmen. Hier wurde er erkannt und nicht eingelassen. Herr Jaeschke sagt dazu:

Leider sind die meisten Vertreter anderer Parteien zu dieser Objektivität im Umgang mit dem politischen Gegner, gerade wenn dieser rechts steht, nicht bereit. Doch sollte meiner Meinung nach nicht die Parteienzugehörigkeit, sondern das Wohl der Bürger unser Handeln bestimmen. Das wäre gelebte Demokratie und echte Meinungsfreiheit.

Der Weinheimer NPD-Funktionär Jan Jaeschke bei der „Kundgebung“ in Ludwigshafen im Januar 2012.

Das ist natürlich Mummpitz. Die rechtsradikale NPD lehnt die demokratisch-verfasste Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland ab und hat somit keinen glaubwürdigen Anspruch, sich auf „Demokratie“ und „echte Meinungsfreiheit“ zu berufen.

Provokantes Spiel

Aber die Partei spielt damit und versucht zu provozieren, indem sie demokratische Veranstaltungen zu stören versucht oder „demokratische Rechte“ wie die Versammlungs- und Meinungsfreiheit für sich einfordert, obwohl sie diese am liebsten abschaffen würde.

Wegschauen, nicht-wissen, nicht-kennen sind sicherlich keine guten Strategien, um den Rechtsextremen glaubwürdig entgegenzutreten. Nach Oberbürgermeister Heiner Bernhard (SPD) hat es nun die Grünen erwischt.

Andere Parteien und Wahllisten sollten sich das zu Herzen nehmen und aufmerksamer agieren, bevor es normal wird, dass sich Rechtsextreme unters Volk mischen und so tun, als wären sie demokratisch orientiert und interessiert.

Insbesondere in Weinheim und der Debatte über die Asylbewerber muss man von allen demokratischen Parteien und engagierten Menschen erwarten, dass sie zumindest die öffentlichen „Gesichter“ der Rechtsradikalen zweifelsfrei erkennen.

Es mag bitter erscheinen, aber solange sich jemand an die Regeln hält, muss man jedem den Zugang zu öffentlichen Veranstaltungen gewähren. Eine lebendige Demokratie hält das aus. Aber niemand ist verpflichtet, sich mit einem Rechtsradikalen freundlich lächelnd ablichten zu lassen und auch nicht, diesem die Hand zu schütteln.

SPD und Grüne haben sich vorführen lassen. Ausgerechnet. Vielleicht folgt ja die Erkenntnis, Rechtsradikale „mitten unter uns“ nicht nur abstrakt zu bekämpfen, sondern real zu erkennen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Elisabeth Kramer

    Lieber Hardy Prothmann,

    natürlich beschleicht mich ein ungutes Gefühl bei der Erkenntnis, dass ein NPD-Mann bei uns auf dem Neujahrsempfang war – wenn es denn so war.

    Aber: Hätten wir ihn rausschmeißen sollen?

    Ich finde das Ganze der Aufregung nicht wert. Hat der Rheinneckarblog 4 Wochen nach dem Empfang keine besseren Themen?

    Falls wir etwas daraus lernen: OK, den Jaeschke, den werden wir ab jetzt erkennen. Und nicht mehr freundlich sein zu jedem. Vielleicht auch nicht mehr zu jedem Medienmenschen, der einfach nur auf Sensatiönchen macht.
    Beste Grüße
    Elisabeth Kramer

  • hardyprothmann

    Liebe Frau Kramer,

    gucken Sie sich bitte auf dem Weinheimblog.de um oder auf anderen Seiten unseres Netzwerkes. Ich bin sehr sicher, dass Sie jede Menge interessante Themen finden. Versprochen!

    Sehr hübsch ist beispielsweise der Text von Lydia Dartsch, die sich das Grün-rote Bürgerbeteiligungsverfahren für Weinheim als Schablone genommen hat.
    http://www.weinheimblog.de/30/wie-ein-buergerbeteiligungsfahrplan-das-thema-asylbewerber-entspannen-koennte/18014.html

    Ich finde es schade, dass Sie nach diesem Text offensichtlich Ressentiments gegen „Medienmenschen“ haben. Ich hoffe sehr, dass sich daraus keine pauschalen und feindliche Gefühle entwickeln. Denn Feindlichkeit ist immer schlecht.

    Wenn Sie nochmal in sich gehen, bin ich mir sicher, dass Sie unsere journalistische Leistung anerkennen und vielleicht sogar nochmal überlegen, warum unser Text vordergründig eine Kritik an den Grünen ist, bei nochmaligem Nachdenken aber ein Geschenk.

    Ich bin mir sicher, Sie schaffen das.

    Wenn nicht, kann ich ganz sicher mit Ihrer Ablehnung leben. Mein Job ist nicht, grüne oder andere Politiker glücklich zu machen.

    Klar führt der Text Euch Grünen vor – auf Basis der darin geschilderten Ereignisse und Fragen. Das ist keine Sensation und kein Sensatiönchen. Aber vielleicht ein Zeitpunkt, mal kurz innezuhalten, nachzudenken und dann weiterzumachen.

    Ich werde gerne über gute Aktionen der Grüne auch in Zukunft berichten und ich werde einen Teufel tun, mich von Ihren Zeilen beeindrucken zu lassen. Wenn was schlecht läuft, schreibe ich das auch auf.

    So geht Journalismus, Frau Kramer. Willkommen im Hier und Jetzt und in der Zukunft.

    Beste Grüße zurück
    Hardy Prothmann

    • Alexander Stern

      Hallo, Herr Prothmann…sehr interressant ihre antwort, und auch etwas befremdet, denn immerhin lebt die presse, von ihren lesern, nicht von eigener politischen Einstellung, dabei sollten sie auch mal in sich kehren, und das bedenken, wenn möglich…ausserdem, sollte man sich auch die Meinung der Leser zu herzen nehmen, und dies , auch wenn möglich, zum nachdenken, und auch als Kritik ansehen…niemand ist vollkommen, und sollte sich auch so fühlen, das hatten, wir alles schon in Deutschland, auch nach 1945…Alexander Stern

      • hardyprothmann

        Guten Tag!

        Allein, dass wir inhaltlich argumentativ auf Kommentare antworten, sollte zeigen, dass wir diese ernst nehmen.

        Frau Kramer ist nicht nur Leserin, sondern Stadträtin. Ihre Ankündigung, „nicht mehr freundlich zu jedem Medienmenschen“ zu sein, kann man auch als Bedrohung der Pressefreiheit verstehen.

        Da wir Frau Kramer kennen, gehen wir davon aus, dass sie das etwas echauffiert geschrieben hat und es nicht wirklich so meint. Wenn doch, wäre es schade, wenn sich die Zeit in Richtung vor 1945 zurückdreht.