Freitag, 28. Juli 2017

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Spannende Ermittlungen vs. Sommerloch mit Moneten und Geldadel

Schmiergeld-Razzia: Haftrichter entscheidet heute

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cargo city

Bei der Vergabe von ErbpachtbauplĂ€tzen auf dem GelĂ€nde Cargo City SĂŒd soll Schmiergeld geflossen sein. Foto: Fraport AG Fototeam Stefan Rebscher

 

Rhein-Neckar/Viernheim/Weinheim/Heidelberg, 10. Juli 2013. (red) Der Sommer 2013 bringt eventuell einen Wirtschaftskrimi. Seit Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Frankfurt – gestern hat sie zugeschlagen. Bundesweit wurden 28 Wohnungen und BĂŒros von 200 Beamten und 14 StaatsanwĂ€lten durchsucht. Drei von zehn VerdĂ€chtigen wurden vorlĂ€ufig festgenommen, Werte in Höhe von knapp drei Millionen Euro beschlagnahmt. Und als wĂ€re das nicht alles spannend genug, gibt es fĂŒr unsere Region einen „großen“ Namen: JĂŒrgen B. Harder – der mit der van Almsick.

Von Hardy Prothmann

Drei wegen diverser Wirtschaftsstrafen verdĂ€chtige MĂ€nner werden heute gegen 13:00 Uhr dem Haftrichter in Frankfurt vorgefĂŒhrt, der die HaftgrĂŒnde prĂŒfen muss. Es geht um einen möglichen Millionenschaden fĂŒr die Fraport AG, um mindestens 630.000 Euro Schmiergelder, die in Zusammenhang mit ImmobiliengeschĂ€ften bei „Cargo City SĂŒd“ gezahlt worden sein sollen.

Es geht um den Verdacht der Bestechlichkeit im geschĂ€ftlichen Verkehr, der Untreue, des Betrug, der GeldwĂ€sche und der Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit der Entwicklung der Logistik-Immobilie Cargo City SĂŒd, wie die Staatsanwaltschaft mitteilt. Neben den drei vorlĂ€ufig festgenommenen Personen wird gegen sieben weitere ermittelt – unter anderem den hier ansĂ€ssigen Unternehmer JĂŒrgen B. Harder. Das berichten verschiedene Medien ohne Quellenangabe. Doris Möller-Scheu, OberstaatsanwĂ€ltin, gibt freundlich Auskunft, soweit es „ermittlungstaktisch“ möglich ist und bestĂ€tigt den Namen auf Anfrage nicht.

Auf die Razzia folgt die Skandalisierung

Gestern Nachmittag gab es erste Hinweise auf eine großangelegte Razzia. Leser meldeten sich bei uns mit „Beobachtungen“ und „Gehörtem“. Es soll um Durchsuchungen gehen, unter anderem beim Immobilienunternehmer JĂŒrgen B. Harder (53) – fĂŒr Medien wie Bild ein gefundenes Fressen, denn Harder ist mit dem Ex-Schwimmstar Franziska van Almsick (35) liiert. Das Paar hat zwei Kinder. Harder gilt als steinreich, mit guten Verbindungen. Als erstes nennt die Bild-Zeitung den Namen.

Bei der Recherche wird klar, dass niemand den Namen dementiert, aber tatsĂ€chlich keine unserer Quellen eine belegbare Information geben kann, die den Namen bestĂ€tigt. Deswegen haben wir Namen in unserem ersten Bericht auch weggelassen. Am Nachmittag geht unsere Nachricht online. „Lokaler Bauunternehmer soll verhaftet worden sein“ steht in der Überschrift. Und das „soll“ haben wir richtig gesetzt, weil der „lokale Bauunternehmer“ vermutlich (noch) nicht verhaftet worden ist, wie sich spĂ€ter heraustellt. Wir versuchen, Nachrichten zu ĂŒberbringen, aber Zweifel deutlich zu machen. Denn wir verlassen uns im Gegensatz zu anderen nur auf belegbare Quellen.

Nun haben Bild, Welt, Hessischer Rundfunk, SWR und andere im Laufe des Abends mehrere Namen veröffentlicht. Eine offizielle Quelle nennt kein Medium. Die eindeutigste Tatsachenbehauptung veröffentlicht der SWR:

Der Partner der frĂŒheren Schwimmerin Franziska van Almsick, der Heidelberger ImmobilienhĂ€ndler JĂŒrgen B. Harder, ist ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten.

Damit ist die Treibjagd eröffnet. Es geht um einen Aufsteiger, Moneten, um Geldadel, eine Goldmedaillen-Gewinnerin, fast 20 Jahre Altersunterschied, gemeinsame Kinder, LebensverhĂ€ltnisse, Jet-Set, GerĂŒchte. „Die Medien“, also ein Teil davon, werden sich darauf stĂŒrzen. Herr Harder muss sich warm anziehen. Seine LebensgefĂ€hrtin auch. Und das mitten im Hochsommer.

Indizien

Indizien auf die Person gibt es, weil mindestens vier der 28 Durchsuchungen in unserem Berichtsgebiet stattfanden: In Viernheim zwei (wo die  J.B. Harder Verwaltung GmbH & Co. KG sitzt), in Weinheim eine (LĂŒtzelsachsener Straße, wo Harder ein Anwesen hat), eine in Heidelberg (wo Harder wohnt). Die J.B. Harder Verwaltung GmbH & CO.Kg hat weitere GeschĂ€ftsadressen in Hockenheim und Frankfurt/Main – auch in diesen StĂ€dten gab es Durchsuchungen. In Hockenheim weiß eine Mitarbeiterin von nichts, die „Herrschaften“ seien gerade zu Mittag, da ist es rund 15:00 Uhr.

Ein Sprecher der Fraport AG bestĂ€tigt nur, dass die Staatsanwaltschaft Einsicht in Unterlagen haben wollte und man durchweg kooperiert habe. Aber sonst keine AuskĂŒnfte geben könne, auch nicht ĂŒber den vermeintlichen HauptverdĂ€chtigen, der bis Juni 2008 als leitender Angestellter bei der Fraport AG tĂ€tig war. Vermutlich ist die Fraport AG sogar nur „geschĂ€digt“.

Klar ist, dass Harder mindestens eine Halle im Gebiet Cargo City SĂŒd entwickelt und verkauft hat. Ein weiteres Indiz, aber kein eindeutiger Beleg. „Die Medien“ werden trotzdem berichten. Die Bild im Boulevard-Stil und viele andere, die bei der Bild abschreiben und einen scheinbar objektiven Stil pflegen. Beispielsweise der Mannheimer Morgen:

JĂŒrgen B. Harder, der mit seinem ehemaligen Schwiegervater, dem Viernheimer Immobilienunternehmer Werner F. Gutperle, den Golfplatz Gut Neuzenhof in Heddesheim betreibt, war gestern nicht erreichbar. „Kein Kommentar“ war die einzige Auskunft einer freundlichen Dame am Telefon der J. B. Harder Verwaltung GmbH & Co. KG.

Namen, Beziehungen, Geld & Glamour – es lebe der Boulevard

Was bitte haben der Schwiegervater und der Golfplatz in Heddesheim mit den aktuellen Ermittlungen zu tun?

Das Ende des Artikels im Mannheimer Morgen zeigt, worum es geht: Möglichst viele Namen ins Spiel zu bringen.

In der Metropolregion Rhein-Neckar ist Harder bekannt als erfolgreicher Projektentwickler mit einer großen AffinitĂ€t zum Sport. Der Golfer aus Leidenschaft gilt als enger Freund von SAP-MitgrĂŒnder Dietmar Hopp. Der 53-JĂ€hrige soll im September 2012 Ex-Schalke-Manager Andreas MĂŒller zu 1899 Hoffenheim geholt haben. Franziska van Almsick (35) lernte Harder, dessen Name in Magazin-Berichten gerne das Adjektiv „millionenschwer“ vorangestellt wird, 2005 kennen – zwei Jahre spĂ€ter zog der Schwimm-Star nach Heidelberg. Das Paar hat zwei Söhne.

„Leidenschaft“, „enger Freund“, Dietmar Hopp, Andreas MĂŒller, Hoffenheim, van Almsick, „millionenschwer“ – noch mehr Namen und Anspielungen. Hier winkt ein tolles Thema, abseits eines langweiligen Wahlkampfs und am Eingang zum Sommerloch. Der SWR bringt den Namen der LebensgefĂ€hrtin sogar zuerst:

Razzia bei van-Almsick-Partner JĂŒrgen B. Harder

Was von „den Medien“ immer wieder gerne vergessen wird, ist die Unschuldsvermutung. Und leider auch, nur belegbare Informationen zu veröffentlichen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, dann muss sie Anklage erhaben, dann gibt es ein Gerichtsverfahren und erst mit dem Urteil ist entschieden, zu welcher Auffassung das Gericht aufgrund der Beweislage gekommen ist.

Fixierung auf Skandale – nicht auf AufklĂ€rung

Soweit die Theorie. Jörg Kachelmann könnte da eine andere Geschichte erzĂ€hlen. Der erlebte die vermutlich grĂ¶ĂŸte jemals in Deutschland versuchte mediale Hinrichtung. Am Ende wurde er frei gesprochen. Bis dahin hatten Bunte, Bild und wie sie alle heißen und auch regionale Medien dem Volksaffen Zucker gegeben, sich an ihm abgearbeitet und gut verdient.

„Die Medien“ in ihrer Fixierung auf Skandale, die man möglichst an Personen und absolut an Bildern festmachen muss, werden auf Teufel komm raus die Geschichte machen. Pardon, die vielen, vielen Geschichten. Die allermeisten werden nur dem Gaffen dienen oder der Aufregung. Kleine Details werden fĂŒr neue Überschriften reichen, die Story wird dann in umgeschriebenen Varianten immer wieder neu erzĂ€hlt.

Zur spannenden Geschichte, also, was die Staatsanwaltschaft eigentlich verfolgt, Schmiergeld, Betrug, Steuerhinterziehung, etc., werden die wenigsten Medien konsequent recherchieren – denn das ist harte Arbeit und das kann man nur schlecht bebildern, das ist unsexy und weder gut fĂŒr die Auflage noch fĂŒr die Quote.

Die Operation „Cargo City SĂŒd“ verlief verdeckt. Irgendwann am Vormittag verschafften sich die Ermittler auch in mindestens einem Weinheimer Anwesen Zutritt, um die WohnrĂ€ume zu durchsuchen. Noch nicht einmal die Polizeidirektion Heidelberg war eingeweiht – das Landeskriminalamt angeblich schon, wie wir auf Nachfrage erfahren haben. Hatte man Sorge, dass die Operation nicht einwandfrei laufen könnte? Eine Frage, die gestellt werden muss – ob sie jemand beantwortet, ist fraglich. Wir haben noch niemanden gefunden…

Aus einer Quelle erfahren wir, dass die drei festgenommenen Personen die „Nehmer“ sind, also die Schmiergeldbezieher. Der Hinweis könnte bedeuten: Die anderen sieben VerdĂ€chtigen sind Schmiergeldzahler. Heißt ĂŒbersetzt – die KĂ€ufer der geschmierten Immobilien haben mit Sicherheit das Schmiergeld mitbezahlt, ob mit oder ohne Wissen. Auch diese Frage ist spannend.

Die Schmiergeldzahlungen sollen ĂŒber einen 73-jĂ€hrigen liechtensteiner TreuhĂ€nder mittels fingierter Rechnungen abgewickelt worden sein. Auch der TreuhĂ€nder wurde laut Staatsanwaltschaft verhaftet. Insgesamt soll die Schmiergeld-Summe 630.000 Euro betragen. Zur Sicherung der Vermögensabschöpfung wurden Beschlagnahmungen von Werten in Höhe von 2,9 Millionen Euro vorgenommen.

Dokumentation der Pressemitteilung:

„Bundesweite Durchsuchungen wegen des Verdachts der Bestechung im geschĂ€ftlichen Verkehr

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt, Schwerpunktstaatsanwaltschaft fĂŒr Umwelt- und Wirtschaftsstrafsachen, fĂŒhrt ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Bestechung und Bestechlichkeit im geschĂ€ftlichen Verkehr, der Untreue, des Betruges, der GeldwĂ€sche und der Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit der Entwicklung der Cargo City SĂŒd am Flughafen Frankfurt/M.

Das Verfahren richtet sich derzeit gegen 10 Beschuldigte.

Einer der Beschuldigten (50) war bis Juni 2008 als leitender Angestellter bei der Fraport AG mit der Entwicklung der Cargo City SĂŒd beschĂ€ftigt. In diesem Zusammenhang entwarf er Vorstandsvorlagen fĂŒr die Vergabe von Erbbaurechten und schloss anschließend fĂŒr die Fraport die entsprechenden VertrĂ€ge mit verschiedenen Unternehmen ab. Mit diesen VertrĂ€gen verpflichteten sich die jeweiligen Erbbauberechtigten gegenĂŒber der Fraport, das betreffende ErbbaugrundstĂŒck am Frankfurter Flughafen mit GebĂ€uden fĂŒr Speditions- und Logistikbetriebe zu bebauen und diese Betriebe dauerhaft zu betreiben oder betreiben zu lassen. In diesem Zusammenhang wird der Beschuldigte verdĂ€chtigt, als Gegenleistung fĂŒr die bevorzugte Bestellung von Erbbaurechten von zwei Firmen Schmiergeldzahlungen erhalten und von einer weiteren Firma gefördert zu haben. Ferner soll er fĂŒr den Verkauf eines GrundstĂŒckes auf dem Caltex-GelĂ€nde Schmiergeldzahlungen entgegengenommen haben.

Die Schmiergeldzahlungen sollen grĂ¶ĂŸtenteils ĂŒber Scheinrechnungen eines liechtensteinischen TreuhĂ€ndlers an einen Frankfurter Immobilienmakler generiert worden sein. Insgesamt sollen ca. 630.000,00 Euro auf ein liechtensteinisches GeschĂ€ftskonto ĂŒberwiesen und sodann in bislang nicht genau bestimmbarer Höhe weitergeleitet worden sein. Zudem soll der ehemalige Mitarbeiter der Fraport mit einem der Beschuldigten einen Beratungsvertrag abgeschlossen haben, ĂŒber den ebenfalls Schmiergelder generiert worden sein sollen.

Heute wurden bundesweit sowie in Liechtenstein insgesamt 28 Wohnungen und GeschÀftsrÀume durchsucht. Dabei waren ca. 200 Polizeibeamte und 14 StaatsanwÀlte im Einsatz. Zur Sicherung der Vermögensabschöpfung bestehen dingliche Arreste in Höhe von insgesamt ca. 2.900.000,00 Euro.

Der beschuldigte ehemalige Fraport-Mitarbeiter, der 53-JÀhrige Immobilienmakler und der 73-JÀhrige liechtensteiner TreuhÀnder wurden aufgrund bestehender Haftbefehle festgenommen.

Doris Möller-Scheu
OberstaatsanwĂ€ltin“

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.