Montag, 15. Oktober 2018

Das Miramar nutzt auch regenerative Energiequellen

Enormer Energiebedarf

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Weinheim, 11. August 2014. (red/pro) Geothermie ist auch fĂŒr die Stadt Weinheim ein mögliches Thema – nach den Erfahrungen des Miramar aber kein einfaches. Jede Anlage ist nach Ansicht von GeschĂ€ftsfĂŒhrer Marcus Steinhart ein „Pilot-Projekt“. Welche Erfahrungen der Unternehmer damit gemacht hat, erzĂ€hlt er im Interview.

Von Hardy Prothmann

Das Erlebnis- und Familienbad Miramar hat einen enormen Energiebedarf. Die Kostenfaktoren Wasser, Heizung, Strom, die jeder Haushalt hat, bietet der Betrieb fĂŒr durchschnittlich rund 1.800 GĂ€ste am Tag. Rechnet man eine vierköpfige Familie sind das 450 Haushalte. Im Jahr verbraucht das Bad 5,5 Millionen Kilowattstunden Strom, 13 Millionen Kilowattstunden WĂ€rme und 80.000 Kubikmeter Wasser.

Da liegt es auf der Hand, in Sachen Energiemanagement innovativ zu sein. Vor 13 Jahren beantragte die Betreiberfamilie Steinhart eine Bohrerlaubnis fĂŒr Geothermie. 2002 ging die Anlage, die aus einer Tiefe von 1.050 Meter heißes Wasser fĂŒr die WĂ€rmegewinnung fördert, in Betrieb.

Marcus Steinhart sagt heute:

Es ist gut und richtig, dass wir das gemacht haben. Aber das hat auch so vielfĂ€ltige Probleme mit sich gebracht, dass ich mir das heute vielleicht anders ĂŒberlegen wĂŒrde.

Da war zunĂ€chst das wirtschaftliche Risiko. Zwei Millionen Euro hat die Bohrung gekostet, 1,5 Millionen Euro die Anlage an sich. Die Bohrung ging schnell – innerhalb von 14 Tagen:

Das geht auch nicht anders. Wenn der Bohrer bohrt, dann bohrt er ohne Unterbrechung. Ein riesiger Kran mit 80 Tonnen Zugkraft hielt den Bohrer und das GestĂ€nge. Ohne dieses Gegengewicht wĂŒrde der Bohrer wie ein heißes Messer durch Butter irgendwo im Nichts verschwinden. Das war beeindruckend.

Jede Geothermie-Anlage ist ein „Pilot-Projekt“.

Das liegt an den unterschiedlichen Bedingungen, die nie gleich sind,

sagt Marcus Steinhart:

Wir haben hier beispielsweise eine ErderwĂ€rmung von 3 Grad pro Hundert Meter, durchschnittlich sind es sonst 1,5 Grad. FĂŒr uns ist das gut. Unser Wasser kommt mit rund 65 Grad Celsius nach oben. Aber auch Schluff und Sand, der uns viele Pumpen kaputt gemacht hat, bis wir die richtige Lösung hatte. Das war viel Feinarbeit.

Das Wasser kommt ĂŒber eine Förderleitung nach oben, wird unter 8 Bar Druck gehalten, damit es nicht ausgast und ĂŒber eine „Schluckleitung“ wieder in die Tiefe geschickt. Zuvor muss es mit Filtern gereinigt werden, damit die Schluckleitung nicht verstopft. Die Anlage fördert neun Liter pro Sekunde. Über einen WĂ€rmetauscher wird die Energie entnommen:

Im Sommer heißen wir das Bad ausschließlich mit Geothermie.

Die 3,5 Millionen Euro Investition brachte das Unternehmen hart an den Rand der HandlungsfÀhigkeit:

FĂŒr sowas bekommen Sie kein Geld von der Bank. Wir haben uns dann mit der MVV verstĂ€ndigt. Die hat angeboten, die Anlage zu kaufen, wenn sie lĂ€uft und ĂŒber einen Contracting-Vertrag zahlen wir diese ĂŒber 15 Jahre ab. Das Risiko mussten wir ĂŒbernehmen.

ZusĂ€tzlich fördert das Miramar eigenes Wasser aus einem eigenen Brauchwasserbrunnen. Aber auch das Abwasser wird zum Teil aufbereitet und in den MĂŒhl-Bach geleitet, so dass es nicht in die Kanalisation gehen muss. Dazu kommt eine große Photovoltaik-Anlage, die rund 100.000 Kilowattstunden Strom erzeugt:

Das machen wir gerne und fĂŒhlen uns hier auch in der Pflicht, was nachhaltiges Wirtschaften angeht. TatsĂ€chlich können wir damit aber nicht ansatzweise unseren Bedarf decken und diese Art Stromerzeugung rechnet sich nur durch staatliche Förderung.

Eine kommende Herausforderung wird die energetische Sanierung sein. Das Bad wurde am 26. Oktober 1973 in Betrieb genommen, ist also 40 Jahre alt:

Hier gibt es natĂŒrlich viel zu tun – und das im laufenden Betrieb.

Um keine Energie zu verschwenden, werden beispielsweise die Außenbecken nachts abgedeckt und immer wieder die Technik auf den neuesten Stand gebracht. Aus seiner Erfahrung heraus sieht Marcus Steinhart die PlĂ€ne der Stadt in Sachen Geothermie kritisch:

Ein solches Projekt, das bis 3.000 Meter runtergeht, um kochendes Wasser fĂŒr die Stromerzeugung zu gewinnen, hat sicher eine GrĂ¶ĂŸenordnung von einer 20 Millionen Euro Investition. Und damit ein noch höheres Risiko als bei uns. Wenn ich eins gelernt habe, dann den Bergmannsspruch: Vor der Schippe ist es dunkel. Sie wissen nie, was auf Sie zukommt.

Das Bohrfeld des Miramar ist geschĂŒtzt – hier kann die Stadt also nicht bohren und die Investition ist nur mit Risiko zu tragen:

Wir haben beispielsweise kalkuliert, dass sich die Anlage nach zehn Jahren amortisiert hat. Das ist leider nicht der Fall, es wird ein paar Jahre lÀnger dauern. Wir hatten mit gut 300.000 Euro Ersparnis pro Jahr kalkuliert, tatsÀchlich sind es 250.000 Euro, denn der Betrieb der Anlage kostet ja auch.

Trotzdem ist Marcus Steinhart zufrieden:

Das Projekt ist schon klasse, weil es funktioniert. Langfristig rechnet sich das, aber es braucht einen langen Atem. Vor allem in den ersten Jahren gab es aber andauernd neue Probleme, kaputte Pumpen, angegriffene Rohre, dass ich davon ein paar graue Haare bekommen habe. Andererseits besuchen uns oft Schulklassen, um sich ĂŒber das Projekt zu informieren und das macht natĂŒrlich dann auch Freude.

Über Minh Schredle

Minh Schredle (22) hat 2013 als Praktikant bei uns angefangen und war seitdem freier Mitarbeiter. Von Dezember 2014 bis August 2016 hat er volontiert. Ab September 2016 ist er freier Mitarbeiter bei uns.