Sonntag, 22. April 2018

Modernes Theater Weinheim

„Lautlose Flucht“ und stille Action

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Stellten am Samstag den ersten Gehörlosenfilm „Lautlose Fluicht“ im Modernen Theater vor: Filmkomponist Felix Barbarino und die Produzenten Magdalene und Reiner Mertz (v.l.n.r.). Reiner Merz spielt die Hauptrolle des Ray.

 

Weinheim, 14. Januar 2013. (red/ld) Ray ist der letzte Gehörlose auf der Welt und er ist auf der Flucht vor dem CI-Imperium, das ihm das Cochlear Implantat (CI) einsetzen will. Doch Ray will nicht hören (können) und flieht. Am Samstag zeigte das Moderne Theater den ersten Gehörlosen-Film. Dieser ist genauso ungewöhnlich, wie die Erfahrung, mit 200 meist gehörlosen Menschen im Kino zu sitzen.

Von Lydia Dartsch

Mit HĂ€nden kann man noch nicht mal flĂŒstern. Deshalb war es im vollbesetzten Kino des Modernen Theaters mucksmĂ€uschenstill, als am Samstagabend „Lautlose Flucht“ gezeigt wurde. Wenn sonst mal im VorfĂŒhrraum geflĂŒstert wird, glucksten die Zuschauer oder lachten laut, wenn ihnen eine Stelle besonders gut gefiel. Mehr war von ihnen nicht zu hören. 200 GĂ€ste hatte das Produktionsteam eingeladen, den Film von und mit Reiner Mertz zu sehen.

Der Film handelt von der VerdrĂ€ngung der Gehörlosen-Kultur durch die Verbreitung des Cochlear-Implantats, mit dem Gehörlose hören können. Regisseur Reiner Mertz spielt die Hauptrolle des Gehörlosen Ray. Er ist der letzte Taube auf der Welt und er ist auf der Flucht. Denn Dr. Miller (Koos de Ligt) hat mit seinem CI-Imperium die Macht ĂŒbernommen und alle Gehörlosen mit einem CI versehen – wenn es nötig war, auch zwangsweise. Nun darf niemand mehr gebĂ€rden, Gehörlosen-Zentren und -Schulen sind geschlossen. Und die Schergen des CI-Imperiums können ĂŒberall lauern.

Auf der Flucht vor Tauben-FĂ€ngern

In diese Welt wacht Ray nach einem Unfall auf. Seine Freunde sind verschwunden. In seiner Wohnung wohnen Fremde. Was ist passiert? Gemeinsam mit der attraktiven Chiara (Sandy Knispel) sucht Ray nach Antworten, nach seinen Freunden. Wem kann er trauen?

Ein Film von Gehörlosen ist ungewöhnlich, einzigartig und vor allem ungewohnt. SelbstverstĂ€ndlich werden gesprochene Dialoge in Untertiteln geschrieben. GerĂ€usche werden in Schrift beschrieben. Ray und Chiara gebĂ€rden auch miteinander, was ebenfalls in Untertiteln ĂŒbersetzt wird. Aber das ist nicht alles, was diesen Film anders macht.

Knappe, einfache Dialoge

Nur Ray spricht seinen Text selbst – manchmal gebĂ€rdet er, manchmal nicht. Bei den anderen Schauspielern fĂ€llt auf, dass ihre Mundbewegungen nicht exakt mit den gehörten Worten ĂŒbereinstimmen. Die meisten von ihnen sind selbst gehörlos, bewegen ihre Lippen und wurden anschließend synchronisiert, sagte Felix Barbarino, der die Filmmusik komponiert hat, nach der Vorstellung.

Auch die Einfachheit der Dialoge fĂ€llt auf: Als Ray nach dem heimlichen Besuch einer CI-Anlage weiter ins CI-Imperium fahren will, hĂ€lt ihn Chiara davon ab: In anderen Filmen hĂ€tte sich hier ein lebhafter Streit oder zumindest eine Diskussion entwickeln können. Stattdessen sagt Chiara lediglich: „Nicht heute. Morgen. Wir sollten etwas essen.“ Ray willigt ein: „Gut. Morgen.“

Der Schluss löst die Handlung als bösen Traum auf. ZurĂŒck bleibt die Frage, warum jemand, der hören könnte, es partout nicht will – eine Debatte, die in der Gesellschaft der hörenden Menschen so gut wie gar nicht gefĂŒhrt wird (siehe unser PortrĂ€t der gehörlosen Nele in Heddesheim unten bei verwandten Artikeln).

Man hört, was Taube sonst gebÀrden

Diese Knappheit der Diskussion ist bedingt durch die GebĂ€rdensprache, die Gehörlose nutzen, um sich zu verstĂ€ndigen. Der Zuschauer hört also genau das, was Gehörlose sonst gebĂ€rden. Die GebĂ€rdensprache besitzt deutlich weniger Vokabeln als die gesprochene deutsche Sprache: Aus den bestehenden 18.000 GebĂ€rden der deutschen GebĂ€rdensprache lassen sich 250.000 Vokabeln ausdrĂŒcken, merkt Julia Probst an, die wegen ihrer guten LippenlesefĂ€higkeiten immer wieder von den Medien gebucht wird. Die internationale GebĂ€rdensprache Gestuno zĂ€hlt laut Wikipedia noch weniger Wörter: rund 1.500. Sie setzt sich zusammen aus verschiedenen GebĂ€rdensprachen, wobei die europĂ€ischen Sprachen ĂŒberwiegen. Im Vergleich dazu zĂ€hlt das digitale Wörterbuch der deutschen Sprache ĂŒber 410.000 Wörter.

Das alles zusammen macht „Lautlose Flucht“ zu einem außergewöhnlichen Kinoerlebnis, auf das man sich als hörender Betrachter einlassen sollte und das das gehörlose Publikum restlos begeisterte – auch trotz einiger Logikfehler in der Geschichte. Zwar gab es keinen Schlussapplaus. Doch die Begeisterung, mit der die Menschen sich anschließend vor Plakaten und Aufstellern des Films fotografieren ließen zeugt davon. Noch gut eine Stunde nach Filmschluss war der Eingangsbereich voller Menschen, die begeistert ĂŒber den Film diskutierten: Und das ganz ĂŒberwiegend lautlos.

Über Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.