Sonntag, 25. Juni 2017

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Modernes Theater Weinheim

„Lautlose Flucht“ und stille Action

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Stellten am Samstag den ersten Geh√∂rlosenfilm „Lautlose Fluicht“ im Modernen Theater vor: Filmkomponist Felix Barbarino und die Produzenten Magdalene und Reiner Mertz (v.l.n.r.). Reiner Merz spielt die Hauptrolle des Ray.

 

Weinheim, 14. Januar 2013. (red/ld) Ray ist der letzte Gehörlose auf der Welt und er ist auf der Flucht vor dem CI-Imperium, das ihm das Cochlear Implantat (CI) einsetzen will. Doch Ray will nicht hören (können) und flieht. Am Samstag zeigte das Moderne Theater den ersten Gehörlosen-Film. Dieser ist genauso ungewöhnlich, wie die Erfahrung, mit 200 meist gehörlosen Menschen im Kino zu sitzen.

Von Lydia Dartsch

Mit H√§nden kann man noch nicht mal fl√ľstern. Deshalb war es im vollbesetzten Kino des Modernen Theaters mucksm√§uschenstill, als am Samstagabend „Lautlose Flucht“ gezeigt wurde. Wenn sonst mal im Vorf√ľhrraum gefl√ľstert wird, glucksten die Zuschauer oder lachten laut, wenn ihnen eine Stelle besonders gut gefiel. Mehr war von ihnen nicht zu h√∂ren. 200 G√§ste hatte das Produktionsteam eingeladen, den Film von und mit Reiner Mertz zu sehen.

Der Film handelt von der Verdr√§ngung der Geh√∂rlosen-Kultur durch die Verbreitung des Cochlear-Implantats, mit dem Geh√∂rlose h√∂ren k√∂nnen. Regisseur Reiner Mertz spielt die Hauptrolle des Geh√∂rlosen Ray. Er ist der letzte Taube auf der Welt und er ist auf der Flucht. Denn Dr. Miller (Koos de Ligt) hat mit seinem CI-Imperium die Macht √ľbernommen und alle Geh√∂rlosen mit einem CI versehen – wenn es n√∂tig war, auch zwangsweise. Nun darf niemand mehr geb√§rden, Geh√∂rlosen-Zentren und -Schulen sind geschlossen. Und die Schergen des CI-Imperiums k√∂nnen √ľberall lauern.

Auf der Flucht vor Tauben-Fängern

In diese Welt wacht Ray nach einem Unfall auf. Seine Freunde sind verschwunden. In seiner Wohnung wohnen Fremde. Was ist passiert? Gemeinsam mit der attraktiven Chiara (Sandy Knispel) sucht Ray nach Antworten, nach seinen Freunden. Wem kann er trauen?

Ein Film von Geh√∂rlosen ist ungew√∂hnlich, einzigartig und vor allem ungewohnt. Selbstverst√§ndlich werden gesprochene Dialoge in Untertiteln geschrieben. Ger√§usche werden in Schrift beschrieben. Ray und Chiara geb√§rden auch miteinander, was ebenfalls in Untertiteln √ľbersetzt wird. Aber das ist nicht alles, was diesen Film anders macht.

Knappe, einfache Dialoge

Nur Ray spricht seinen Text selbst – manchmal geb√§rdet er, manchmal nicht. Bei den anderen Schauspielern f√§llt auf, dass ihre Mundbewegungen nicht exakt mit den geh√∂rten Worten √ľbereinstimmen. Die meisten von ihnen sind selbst geh√∂rlos, bewegen ihre Lippen und wurden anschlie√üend synchronisiert, sagte Felix Barbarino, der die Filmmusik komponiert hat, nach der Vorstellung.

Auch die Einfachheit der Dialoge f√§llt auf: Als Ray nach dem heimlichen Besuch einer CI-Anlage weiter ins CI-Imperium fahren will, h√§lt ihn Chiara davon ab: In anderen Filmen h√§tte sich hier ein lebhafter Streit oder zumindest eine Diskussion entwickeln k√∂nnen. Stattdessen sagt Chiara lediglich: „Nicht heute. Morgen. Wir sollten etwas essen.“ Ray willigt ein: „Gut. Morgen.“

Der Schluss l√∂st die Handlung als b√∂sen Traum auf. Zur√ľck bleibt die Frage, warum jemand, der h√∂ren k√∂nnte, es partout nicht will – eine Debatte, die in der Gesellschaft der h√∂renden Menschen so gut wie gar nicht gef√ľhrt wird (siehe unser Portr√§t der geh√∂rlosen Nele in Heddesheim unten bei verwandten Artikeln).

Man hört, was Taube sonst gebärden

Diese Knappheit der Diskussion ist bedingt durch die Geb√§rdensprache, die Geh√∂rlose nutzen, um sich zu verst√§ndigen. Der Zuschauer h√∂rt also genau das, was Geh√∂rlose sonst geb√§rden. Die Geb√§rdensprache besitzt deutlich weniger Vokabeln als die gesprochene deutsche Sprache: Aus den bestehenden 18.000 Geb√§rden der deutschen Geb√§rdensprache lassen sich 250.000 Vokabeln ausdr√ľcken, merkt Julia Probst an, die wegen ihrer guten Lippenlesef√§higkeiten immer wieder von den Medien gebucht wird. Die internationale Geb√§rdensprache Gestuno z√§hlt laut Wikipedia noch weniger W√∂rter: rund 1.500. Sie setzt sich zusammen aus verschiedenen Geb√§rdensprachen, wobei die europ√§ischen Sprachen √ľberwiegen. Im Vergleich dazu z√§hlt das digitale W√∂rterbuch der deutschen Sprache √ľber 410.000 W√∂rter.

Das alles zusammen macht „Lautlose Flucht“ zu einem au√üergew√∂hnlichen Kinoerlebnis, auf das man sich als h√∂render Betrachter einlassen sollte und das das geh√∂rlose Publikum restlos begeisterte – auch trotz einiger Logikfehler in der Geschichte. Zwar gab es keinen Schlussapplaus. Doch die Begeisterung, mit der die Menschen sich anschlie√üend vor Plakaten und Aufstellern des Films fotografieren lie√üen zeugt davon. Noch gut eine Stunde nach Filmschluss war der Eingangsbereich voller Menschen, die begeistert √ľber den Film diskutierten: Und das ganz √ľberwiegend lautlos.

√úber Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.

  • souk

    „Die Geb√§rdensprache besitzt deutlich weniger Vokabeln als die gesprochene deutsche Sprache: Aus den bestehenden 18.000 Geb√§rden der deutschen Geb√§rdensprache lassen sich 250.000 Vokabeln ausdr√ľcken, merkt Julia Probst an, die wegen ihrer guten Lippenlesef√§higkeiten immer wieder von den Medien gebucht wird. Die internationale Geb√§rdensprache Gestuno z√§hlt laut Wikipedia noch weniger W√∂rter: rund 1.500. Sie setzt sich zusammen aus verschiedenen Geb√§rdensprachen, wobei die europ√§ischen Sprachen √ľberwiegen. Im Vergleich dazu z√§hlt das digitale W√∂rterbuch der deutschen Sprache √ľber 410.000 W√∂rter.“

    das ist richtig.
    leider wird im artikel nicht erklärt wieso es so ist.
    1. die deutsche schrift und lautsprache ist sehr viel √§lter als die deutsche geb√§rdensprache. deutsch existierte schon zb. im mittelalter, auch wenn es „nur“ mittelhochdeutsch ist. trotzdem sind es die anf√§nge zu dem heutigen deutsch.

    2. die deutsche geb√§rdensprache wurde durch den verbot der geb√§rdensprache per mail√§nder kongress 1880 unterdr√ľckt, erst vor 10 jahren wurde sie offiziell als eigenst√§ndige un anerkannte sprache im gesetz eingef√ľgt. im gesamten kann man so grob sagen, dass die geb√§rdensprache nur 300 jahre alt ist, die anf√§nge reichen zur√ľck zum 17.-18. jahrhundert (siehe abbe de l’eppe). dh die geb√§rdensprache hat also in der zeit nach dem kongress im jahre 1880 eine hundertj√§hrige unterdr√ľckung bzw. ausbremsung einer nat√ľrlichen sprachentwicklung erfahren. deshalb finde ich, den gesamtzahl der vokabeln, also 250.000 trotz der widrigkeiten bemerkenswert.

    3. gestuno ist eine noch j√ľngere sprache als die deutsche geb√§rdensprache. darum ist die anzahl von 1.500 vokabeln einfach nur nat√ľrlich.