Donnerstag, 25. Mai 2017

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"Ich habe doch auch blaue Augen" - Paul Niedermann √ľberlebte als j√ľdischer Junge ein Konzentrationslager der Nazis

Von Karlsruhe bis Gurs – ein weiter Weg

Weinheim/Rhein-Neckar, 13. November 2014. (red/cb) Paul Niedermann ist 87 Jahre alt, Jude und einer der letzten Zeitzeugen des Nationalsozialismus. Als er 13 Jahre alt war, wurde er mit seiner gesamten Familie in ein Internierungslager nach Gurs in S√ľdfrankreich gebracht. Au√üer ihm und seinem Bruder hat keiner seiner Angeh√∂rigen diese Zeit √ľberlebt. Am 12. November war er nun zu Gast der¬†Johann-Philipp-Reis-Schule (JPRS) und hat √ľber die grausamen Erlebnisse berichtet.

Von Carolin Beez

Es ist Nacht und der eiskalte Wind weht vom Gebirge her zu den schäbigen Holzbaracken hinunter. Paul und sein kleiner Bruder (10) gehen in einer Traube von anderen Kindern hinter der jungen Frau her. Sie laufen direkt auf den hohen Stacheldrahtzaun zu, der das gesamte Gelände umgibt.

Hinter dem Zaun entdeckt der 14-jährige einen kleinen LKW. Als sie am Zaun ankommen, steigt eine Frau aus. Sie trägt eine französische Uniform. Auf der anderen Seite kommt der Fahrer aus dem Wagen. In der Hand hält er eine große rote Zange. Er rennt zum Zaun, an dem die Kinder warten. Zertrennt die untersten beiden Drähte, so dass ein kleines Loch entsteht.

Ohne einen Laut von sich zu geben, beginnen die Kinder hindurch zu kriechen. Als es Paul endlich durch den Zaun geschafft hat und zu dem Laster rennt, m√∂chte er vor Schreck am liebsten losschreien. Nur zweihundert Meter weiter sieht er den Wachposten mit seinem Gewehr √ľber der Schulter. Der Mann dreht den Fl√ľchtenden den R√ľcken zu.

So muss die Flucht der Kinder aus dem Arbeitslager Rivesaltes nach den Erzählungen Paul Niedermanns ausgesehen haben.

Bis heute geht mir dieses Bild nicht aus dem Kopf. Der Wachmann musste uns geh√∂rt haben, das Auto hat beim Wegfahren so geknattert, das konnte¬†man nicht √ľberh√∂ren.

beschreibt Paul Niedermann seine Flucht aus dem Arbeitslager der Nationalsozialisten im Jahr 1942.

Neugierige Sch√ľler, Lehrer und B√ľrgermeister

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Es ist eine unglaubliche Geschichte f√ľr die rund 300 Sch√ľler und Leherer, die am 12. November in der Aula des Berufschulzentrums sitzen. Auch B√ľrgermeister Dr. Torsten Fetzner und noch einige Mitglieder des Weinheimer Gemeinderats sind gekommen, um Geschichte durch einen Zeitzeugen zu erleben.

Es ist wichtig, √ľber seine eigene Vergangenheit Bescheid zu wissen, um nicht dieselben Fehler erneut zu begehen.

sagt der mittlerweile 87-j√§hrige Mann. Er erz√§hlt mit gro√üer Genauigkeit und kann sich an zahlreiche¬†Details genau erinnern. Er kommt mittlerweile an viele Schulen und reist durch ganz Frankreich, Deutschland und fr√ľher auch Amerika um Menschen von der damaligen Zeit zu berichten.

Paul Niedermann wurde am 01. November 1927 in Karlsruhe geboren. Hier hat er den Aufstieg der Nationalsozialisten 1933 miterlebt Рals sechsjähriger Junge, der gerade eingeschult wurde. Doch lange habe er die Schule nicht besuchen können.

Juden wurden von der Gesellschaft isoliert

Nachdem 1935 die N√ľrnberger Rassengesetze¬†verabschiedet wurden, mussten alle j√ľdischen Lehrer und restliche Beamte ihre Arbeit niederlegen. J√ľdische Freischaffende, zum Beispiel √Ąrzte oder Architekten, durften nur noch f√ľr Juden t√§tig werden. Und j√ľdische Sch√ľler wurden der Schule verwiesen.

Sp√§ter h√§tten die Kinder Unterricht in einer j√ľdischen Schule erhalten. „Wir hatten die besten Lehrer damals. Denn alle j√ľdischen Professoren, von gro√üen Universit√§ten, durften ja sonst nirgends mehr arbeiten.“

Mit der Zeit seien die Regelungen immer drastischer geworden, er h√§tte nicht mehr mit der Stra√üenbahn fahren d√ľrfen, nicht mehr ins Schwimmbad, ins Theater oder ins Kino gehen d√ľrfen. Der j√ľdische Teil der Bev√∂lkerung wurde so in der nationalsozialistischen¬†Gesellschaft vollst√§ndig isoliert.

Es war unvorstellbar, dass ein Jude in der gleichen Sitzreihe wie ein Arier saß. Aber Kinder, ich kann euch bis heute nicht sagen, was genau ein Arier ist. Ich hab auch blaue Augen, aber das hat niemanden interessiert. 

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Sehr emotional: In einem B√ľro eines SS-Offiziers entdeckte Paul Niedermann durch Zufall Bilder von Juden, die nach Auschwitz deportiert worden waren. Gleichzeitig entdeckte er damit auch das letzte Bild seiner Mutter.

Morgens trommelt¬†es auf einmal an der T√ľr.¬†Leute von der SS, SA, und Gestapo stehen davor. „Wir hatten 20 Minuten Zeit, unsere Sachen¬†einzupacken“, ez√§hlt¬†er.

Und dann kommt¬†die lange Fahrt.¬†Drei Tage und vier N√§chte – so lange habe es gedauert von Karlsruhe bis nach Gurs,¬†in einem der 4. Klasse Wagons. Die Holzwagen sind¬†bereits 1928 aus dem √∂ffentlichen Verkehr genommen worden, weil sie keinerlei Komfort boten – f√ľr die Deportation sind¬†sie „ausreichend“.

Familien wurden getrennt

Letztlich wären die Deportierten nach Frauen und Männern unterteilt in Holzbaracken gesperrt worden. Familien wären so auseinander gerissen worden. Die erste Zeit durfte Paul bei seiner Mutter wohnen, danach Рmit 13 Jahren Рgalt er als erwachsen und wurde in eine der Männerbarracken verlegt.

Die Zustände, so erzählt er, gehen ihm bis heute noch nicht aus dem Kopf. Er sei zu dieser Zeit ein großer abgemagerter Junge gewesen. Bei einer Körpergröße von einem Meter sechzig habe er nur 32 Kilo gewogen. In den Blocks hätten außerdem furchtbare hygienische Bedingungen geherrscht.

Ratten, Krankheiten, Ungeziefer

Paul Niedermann berichtet au√üerdem von Ratten, die F√ľ√üe anknabberten und Krankheiten √ľbertrugen oder andere Ungeziefer, die sich in den Klamotten und Haaren der Gefangenen einnisteten und Seuchen¬†verbreiteten. Teils starben Lagerinsassen ganzer Blocks an Thyphus oder anderen Krankheiten.

1942 wurde die Familie Niedermann dann von Gurs nach Rivesaltes verlegt. Von hier aus gelang Paul und seinem j√ľngeren Bruder dann die Flucht.

Damals kam eine Frau zu meinen Eltern und bot an meinen Bruder und mich aus dem lager zu befreien, es war keine leichte Entscheidung f√ľr meine Eltern, aber es war die einzige M√∂glichkeit.

Die Br√ľder wurden von Privatpersonen aus dem Lager befreit und kamen sp√§ter in ihrem haus unter. Hier bekamen sie nach fast zwei Jahren zum ersten Mal saubere Kleidung, Essen und ein Bett. Ihre Eltern wurden im selben Jahr von den Nationalsozialisten in Vernichtungslagern get√∂tet.

Flucht in die Schweiz

Durch die Hilfsorganisation OSE gelang es, den kleinen Bruder Arnold nach Amerika zu einer Tante zu bringen. Danach folgte eine Zeit in der Paul Niedermann mit anderen Kindern durch das besetzte Frankreich reiste und sich an verschiedenen Orten verstecken musste. 1943 sei ihnen die Flucht √ľber die Schweizer Grenze gelungen.

 

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W√§hrend seinem Vortrag legt Herr Niedermann sehr viel Wert darauf, dass die Sch√ľler seine Geschichte nachvollziehen k√∂nnen. Chronologisch geordnet f√ľhrt er die Zuschauer durch eine Zeit, die den Anwesenden sehr fremd und unwirklich vorkommt. Doch Zwischendurch schweift er immer wieder ab und berichtet ganz pers√∂nliche Dinge mit unfassbar vielen Details. Mathias Meder, Geschichtslehrer an der JPRS (rechts) muss den alten Mann oftmals bremsen und zum eigentlichen Thema zur√ľckf√ľhren.

 

Paul Niedermann wurde später zu einem Journalist und Fotografen, der in Frankreich oft seine Fähigkeit nutzte, deutsch zu sprechen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wohnt er mit seiner Familie in Frankreich.

Paul Niedermann als Zeuge in den „Barbie-Prozessen“

Nach mehr als 40 Jahren sprach Herr Niedermann das erste Mal √ľber seine Erlebnisse. Als Zeuge in den Prozessen gegen den SS-Offizier und Kriegsverbrecher Klaus Barbie. Dieser hatte, 1944 veranlasst 41 Kinder des j√ľdischen Kinderheims in Izieu, zu verhaften und nach Auschwitz zu bringen. Hier hatte¬†Paul Niedermann zuvor f√ľr einige Zeit im Garten gearbeitet hatte. Dort wurden sie wenig sp√§ter in den Gaskammern umgebracht.

Ich konnte nie begreifen, wie Gott es zulassen konnte, dass so viele Menschen getötet wurden. Ich habe immer versucht, das zu verstehen, aber meine Eltern wurden getötet, nur weil sie Juden waren, wie soll man das verstehen?