Montag, 15. Oktober 2018

Fortsetzung im Prozess gegen Weinheimer Vermieter

„So legt man keinen Kamin still!“

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"Das Blech passte zu gut, u

HĂ€tte der Angeklagte wissen mĂŒssen, was er da tut? „Um einen Kamin verschließen zu dĂŒrfen, mĂŒssen alle Hausbewohner zuerst in Kenntnis gesetzt werden. Dann wird die Feuerstelle abgeklemmt und die Öfen werden verschlossen.“ Am Donnerstag sagte der Schornsteinfeger des Weinheimer Vermieters als Zeuge aus. Es geht um versuchten Mord und gefĂ€hrliche Körperverletzung,

 

Mannheim/Weinheim, 15. Juli 2013. (red/ae) Am Landgericht Mannheim wird heute der Prozess gegen einen Vermieter aus Weinheim wegen des Vorwurfs des versuchten Mordes und der gefÀhrlichen Körperverletzung fortgesetzt. Er hatte im Januar den Kamin seines Mietshauses abgedeckt, ohne die zwei Bewohnerinnen zu informieren. Beide hatten dabei Rauchgasvergiftungen erlitten. Bei der Verhandlung am vergangenen Donnerstag hatten der Schornsteinfeger und dessen Mitarbeiter ausgesagt. Mit ihnen soll der Angeklagte zuvor gesprochen haben.

Von Alina Eisenhardt

Als erste Zeugen wurden die Tochter der NebenklĂ€gerin, Alin H., und deren Verlobter Sven S. in den Zeugenstand gerufen. Sie seien am Tag des Geschehens, dem 14. Januar, gegen 17:00 Uhr bei der GeschĂ€digten eingetroffen, um einkaufen zu gehen. Da diese ĂŒber Unwohlsein und Kopfschmerzen klagte, gingen Frau H. und Herr S. nur zu zweit einkaufen.

Dass meine Mutter Kopfschmerzen hat, kommt bei ihr sehr selten vor,

sagte sie.

Als die beiden zurĂŒckkehrten, schlief die Mutter und schreckte bei der Ankunft hoch. Der Hund sei außergewöhnlich aufgeregt gewesen. Dann seien sie in die KĂŒche gegangen. Die Zeugin Alin H. beschrieb den Gang der KlĂ€gerin als “schwankend”. Der Ofen sei den Tag ĂŒber in Betrieb gewesen, habe aber nicht richtig geheizt, was die NebenklĂ€gerin auch angemerkt hatte.

Im Ofen lag viel Glut, aber es waren keine Flammen da,

sagte ihr Verlobter Sven S. bei seiner Vernehmung. Er und Alin H. sagten aus, dass sie sich die gesamte Zeit ĂŒber normal gefĂŒhlt hĂ€tten.

Allerdings bemerkte Frau H. einen merkwĂŒrdigen Geruch im Hausflur, wie “nach verbranntem Plastik”, den Herr S. bestĂ€tigte. In der Wohnung sei der Geruch nicht feststellbar gewesen.

90% des Kamins waren abgedeckt

Die Zeugen Ralf M. und Rolf T. von der Feuerwehr Weinheim berichteten ĂŒber den Feuerwehreinsatz. Gegen 19:00 Uhr habe Ralf M. einen Anruf von der Nachbarin der KlĂ€gerin entgegengenommen. Sie habe von einem seltsamen Geruch im Flur berichtet:

Frau G. war zwar gefasst, aber sehr unsicher, wie sie die Situation einschÀtzen sollte. Sie konnte den Geruch nicht zuordnen.

Kurz nach 19:00 Uhr traf die Feuerwehr an dem Wohnhaus ein. Feuerwehrmann Rolf T. stellte eine leichte Rauchentwicklung im Haus fest. Das Feuer im Ofen der Wohnung der KlÀgerin habe gebrannt, sagte er. Auf dem Speicher wurde dann das Blech, das den Kamin abdeckte, gefunden.

90% des Kamins waren abgedeckt. Das Blech hat hervorragend gepasst. Das kann man so eigentlich nur mit einer Schablone machen,

sagte Herr T. Im Protokoll wird festgehalten:

Es scheint, als sei das BlechstĂŒck böswillig dort platziert worden.

Der Rechtsanwalt der NebenklÀgerin fragte, wie Herr T. die Situation einschÀtze, dass der Angeklagte den Kamin verschlossen hat.

Wird der Kamin benutzt, obwohl er verschlossen wurde, besteht potenziell Lebensgefahr. Ich schĂ€tze, Herr E. mĂŒsste das bei seinem Beruf wissen. Das weiß eigentlich jede Hausfrau.

Die Rauchgase konnten nicht abziehen

Schornsteinfeger Joachim K. sagte aus, dass er am Abend des 14. Januar wegen des Verdachts auf einen Schornsteinbrand angerufen worden war. Bei der Untersuchung des Kamins habe er das Blech gefunden und es entfernt.

Um einen Kamin verschließen zu dĂŒrfen, mĂŒssen alle Hausbewohner zuerst in Kenntnis gesetzt werden. Dann wird die Feuerstelle abgeklemmt und die Öfen werden verschlossen. Der Ofen war im Prinzip verschlossen, die Rauchgase konnten nicht abziehen. Bei geschlossenem Kamin besteht Lebensgefahr.

Auf die Nachfrage des Richters, ob das Blech seiner EinschĂ€tzung nach fĂŒr diesen Zweck angefertigt worden sei, antwortete Herr K. lediglich:

Es gehörte da nicht hin.

Der Schornstein des Hauses liegt im ZustĂ€ndigkeitsbereich des Schornsteinfegers Alexander L. Er war am 04. Januar im besagten Haus, um den Kamin zu sĂ€ubern. Laut Herrn L. benahm sich Herr E. normal. Er habe lediglich angemerkt, dass er den Kamin eventuell abmelden wĂŒrde. Im Haus gibt es einen zweiten Kamin, der bereits ordnungsgemĂ€ĂŸ stillgelegt worden war. Das Thema “Kaminbrand” kam wĂ€hrend der SĂ€uberung nicht zur Sprache.

„So legt man keinen Kamin still!“

Auf die Frage, ob Herr E. einen Mitarbeiter kontaktiert hatte, um ĂŒber Maßnahmen zur Stilllegung zu sprechen, antwortete Herr L.:

Er kontaktierte den Mitarbeiter lediglich, um ĂŒber einen Kehrtermin zu sprechen.

Der Richter fragte den Zeugen, ob er es schon einmal erlebt habe, dass ein Kamin auf so unorthodoxe Weise stillgelegt wurde. Herr L. antwortete:

Das ist das erste Mal in meiner beruflichen Laufbahn, dass ich so etwas gesehen habe. So legt man keinen Kamin still!

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.