Freitag, 21. September 2018

Historische Wahl: 15 Mitglieder vertreten zunächst sechs Schulen und irgendwie alle

Der erste Weinheimer Jugendgemeinderat ist gewählt

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Weinheim, 16. März 2013. (red) Der 16. März 2013 ist ein historischer Tag. Zum ersten Mal wurde in Weinheim ein Jugendgemeinderat gewählt. 15 Mitglieder hat das Gremium, das im April zum ersten Mal zu einer konstituierenden Sitzung zusammen kommen soll. Heute wurden im Rathaus die Wahlergebnisse bekannt gegeben und ein Teil der Jugendgemeinderäte mit Handschlag durch Oberbürgermeister Heiner Bernhard zur Wahl beglückwünst – ein anderer Teil konnte wegen anderer Verpflichtungen nicht teilnehmen. Die Wahlbeteiligung war mit 42,12 Prozent enorm – das wird den Jugendgemeinderat verpflichten, ihre Wähler/innen gut zu vertreten.

Von Hardy Prothmann

Man konnte einigen der neu gewählten Jugendgemeinderät/innen die Aufregung und Spannung ansehen: OB Heiner Bernhard verlas die Ergebnisse und gratulierte jedem Mitglied des ersten Jugendgemeinderats in Weinheim mit einem herzlichen Handschlag. Am liebsten, so der Eindruck, hätte er jede/n geknuddelt, aber soweit ging es dann doch nicht.

In der Zeit vom 07.-16. März hatten von 2.588 Wahlberechtigten im Alter von 14 bis 19 Jahren insgesamt 1.069 Jugendliche ihre Stimme abgegeben. Eine rekordverdächtige Beteiligung von 42,12 Prozent – vergleicht man die Wahlbeteiligung mit anderen im Durchschnitt im Land.

Spannung pur: Wer wurde gewählt?

 

Schaut man auf die Zahlen, ist es einerseits ein „Traumergebnis“: Acht Jungen und sieben Mädchen ist nicht repräsentativ für sonstige politische Gremien, sondern nahezu eine ausgewogene Mischung. Das war es dann aber schon mit der Ausgewogenheit. Von den 15 gewählten Jugendgemeinderät/innen kommen insgesamt zehn aus dem Gymnasium und nur ein Vertreter aus einer Werkrealschule, vier aus Realschulen. Das Verhältnis von rund 50 Prozent Gymnasiasten und der anderen Hälfte aus Real-, Werkreal- und Hauptschülern bildet sich hier nicht ab. Und mit Özgen Yarimbiyik gibt es nur einen Vertreter mit Migrationshintergrund.

Immerhin: Die Stadtverwaltung hatte sich im Vorfeld der Wahl schon darauf verständigt, dass alle 24 Kandidaten – ungeachtet des Wahlausgangs – künftig in die Arbeit des Jugendgremiums eingebunden sein sollen. Wer nicht im 15-köpfigen Jugendgemeinderat Sitz und Stimme hat, kann als Ersatzperson dem Gremium beratend zur Seite stehen. Die Referentin des Ob, Gabi Lohrbächer-Gérard, die das Wahlprozedere geleitet hatte, beglückwünschte die neuen Jugendgemeinderäte. Sie versicherte, dass es gleich nach den Osterferien ein erstes Treffen geben wird, in dem das neue Gremium das weitere Vorgehen bespricht.

Wir freuen uns auf die Arbeit mit Euch,

erklärte OB Bernhard nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses. Die Wahl habe gezeigt, dass es keine Gräben zwischen den Schulen in Weinheim gebe, so der Rathauschef laut Pressemitteilung der Stadt. Tatsache ist, dass nur sechs der elf Schulen mitgemacht haben und Vertreter aus Gymnasien überproportional vertreten sind.

Der Oberbürgermeister sagte weiter:

Die Wahl zeigt, dass die Schulen enger zusammenrücken und das ist wichtig, denn nur gemeinsam sind wir stark.

Was das bedeutet, wird die Zukunft zeigen. Im Landtagswahlkreis Weinheim mit seinen zehn Gemeinden gibt es drei Jugendgemeinderäte. In Ladenburg, in Schriesheim, dort aber nicht wirklich aktiv, da es wegen eines vakanten Jugendsozialarbeiters keine Betreuung gibt und nun auch in Weinheim.

Die Jugendgemeinderäte (links im Hintergrund) sind gewählt – die Gremienarbeit liegt vor ihnen. Einen ersten Eindruck haben sie erhalten – Listen führen, kontrollieren…

 

Was ein solches Gremium leisten kann, hängt auch immer von den finanziellen Möglichkeiten ab. Der Jugendgemeinderat hat vom „richtigen“ Gemeinderat 10.000 Euro in die Kasse eingestellt bekommen. Das ist nicht viel Geld, um Projekte umsetzen zu können und OB Bernhard erklärte auf Nachfrage:

Dem Gemeinderat muss klar sein, dass das ein Einstiegsbetrag war, der so nicht zu halten sein wird.

Heißt – es wird mehr Geld brauchen, dass die jungen Leute für Projekte verplanen können dürfen. Bis zu Ausgaben von etwa 2.000 Euro wird sich niemand einmischen, so der Oberbürgermeister. Konkrete Nachfragen nach dem genauen Prozedere zu genehmigten Ausgaben, zur Zahl der Sitzungen, ob es Ausschüsse geben wird, werden nicht konkret beantwortet: Die jungen Leute sollen das selber regeln, heißt es. Hier tut sich ein Spannungsfeld auf: Mischt man sich zu sehr ein, nimmt man den jungen Leuten Raum, mischt man sich nicht ein, verlieren sie sich vielleicht in der Verantwortung. Hier sind Verwaltung, Gemeinderat und Jugendgemeinderat aufgerufen, sehr sensibel und konstruktiv miteinander umzugehen.

SPD-Stadtrat Wolfgang Metzeltin hat sich seit drei Jahren in die Planung eingebracht und sagt:

Das ist ein großer Erfolg. Ich habe sehr darauf geachtet, dass es keine parteipolitischen Durchwanderungen gibt und die Versuche gab es. Jetzt kann es losgehen und ich hoffe, dass wir auch die anderen Schulen gewinnen können.

Der neue Jugendgemeinderat konstituiert sich historisch – und genauso sind die Zeiten. Das dreigliederige Schulstystem ist im Umbruch und es wird sehr spannend sein zu erleben, welche Rolle der Jugendgemeinderat dabei einnimmt. Die Dominanz der gymnasialen Vertreter muss kein Hindernis sein, sondern kann einen Handschlag bedeuten. Einen der Verantwortung, die anderen Schüler/innen mitzunehmen. Denn wie OB Bernhard richtig sagte: Gemeinsam ist man stark.

Spannend wird sein, wie gemeinsam gemeint ist – schließlich gibt es einige Jugendgemeinderäte, deren Eltern Stadträte sind oder parteipolitisch engagiert – man darf überrascht sein, wie sich das auswirkt.

Die gewählten Vertreter werden nun angeschrieben und müssen die Wahl annehmen. Dann folgt die erste gemeinsame Sitzung und dann sind wir sicher alle gespannt, was der Jugendgemeinderat leisten kann und wie der „normale“ Gemeinderat sich auf die Arbeit der jungen Leute einlässt.

Einer hat es vermeintlich besonders schwer: Michael Bernhard, der Sohn des Oberbürgermeisters. Er ist erst 16 Jahre alt und muss schon früh lernen, dass es für ihn keine Sonderstellung gibt. Die Öffentlichkeit wird qua Geburt auf ihn besonders achten. Sein Vater hat im auf meine Nachfrage nur eins geraten: „Sprich langsam, damit Dich die Menschen verstehen können.“

Dem Gemeinderat kann man nur raten: Hört genau zu, was die Vertreter der Jugend zu sagen haben, damit ihr sie versteht. Ganz sicher liegt die größere Herausforderung und auch die größere Verantwortung beim Gemeinderat, die Stimme der Jugend zu verstehen, denn gefühlt repräsentieren die Gemeinderäte die Generation 50+ (wir haben leider keine genauen Daten – wer helfen kann, gerne per email). Der neue Jugendgemeinderat repräsentiert die Generation 14-15+. Dazwischen liegen Welten.

Fotos mit Genehmigung der Stadt Weinheim:

Michael Bernhard (16). Friedrich-Realschule

 

Sebastian Dallinger (15). Werner-Heisenberg-Gymnasium

 

Julia Diesner (17). Friedrich-Realschule

 

Frieda Fiedler (16). Werner-Heisenberg-Gymnasium

 

Maxim Flößer (17). Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium

 

Lars Goerke (14). Privatgymnasium

 

Lena Meyer (14). Dietrich-Bonhoeffer-Realschule

 

Lena Meyer (17). Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium

 

Julius Ott (16). Werner-Heisenberg-Gymnasium

 

Klara Pohl (16). Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium

 

Christian Quintel (16). Dietrich-Bonhoeffer-Werkrealschule

 

Nicolas Rieff (17). Werner-Heisenberg-Gymnasium

 

Sofia-Elena Rizzi (17). Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium

 

Özgen Yarimbiyik (16). Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium

 

Svenja Zur Brügge (17). Dietrich-Bonhoeffer-Realschule

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.