Montag, 11. Dezember 2017

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Dr. Torsten Fetzner im Interview über seine Amtszeit(en)

„Es geht nur im Gespräch“

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Weinheim, 16. Mai 2013. (red/pro) Die Amtszeit des Ersten Bürgermeister Dr. Torsten Fetzner endet im November. Er wird sich zur Wiederwahl stellen. Im Interview mit dem Weinheimblog.de zieht er Bilanzen – was war, was kommt. Der Bauingenieur ist ein Schöngeist in der politischen Landschaft – nicht nur in Weinheim. Er spielt mehrere Instrumente und hat den Spitznamen „der singende Bürgermeister„. Sein Tagesgeschäft sind aber Baugruben, Schlamm und Beton. Dafür ist er als Baubürgermeister zuständig. Seit 1991 bis zu seiner Wahl 2005 war er im Gemeinderat tätig. Die Politik hat sich seitdem sehr verändert. Auch ihn – und er findet sich damit sehr gut zurecht.

Von Hardy Prothmann

Wer den Ersten Bürgermeister Dr. Torsten Fetzner nicht kennt, sollte eine Gelegenheit wahrnehmen, ihn kennen zu lernen. Der Mann sucht mit offener Haltung das Gespräch und den Austausch. Gerne auch als „singender Bürgermeister“. Tatsächlich aber professionell als Fachmann – sein Zuständigkeitsbereich bei der Stadt hat mit allem zu tun, was „Bau“ angeht. Der gebürtige Karlsruher ist Bauingenieur und lebt seit 1985 in Weinheim.

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Dr. Torsten Fetzner. Seit 1991 im Gemeinderat, seit 2005 Erster Bürgermeister. Studierter Bauingenieur. Leidenschaftlicher Musiker. Hat ein Faible für Traktoren, aber vor allem fürs Gespräch.

 

Neben der Musik ist seine Leidenschaft das Tanzen: Insbesondere Salza. Als Bürgermeister muss er oft auf mehreren „Hochzeiten“ tanzen, sich unterschiedlichsten Forderungen widmen. Das tut er mit einem guten Gefühl für Rhythmus – auch gegenläufigen. Aber auch mit klaren Ansagen. Persönlich erscheint er manchmal schüchtern – aber das täuscht. Der Mann hat seine Meinungen und vertritt sie auch, wenn es schwierig wird.

Aus meiner Sicht ist Dr. Torsten Fetzner ein Gewinn für die Stadt Weinheim und seine Wiederwahl sollte beschlossene Sache sein, wenn nicht ein vielversprechender anderer Kandidat antreten sollte. Sehr positiv fällt auf, wie offen der Mann mit den Menschen umgeht (siehe hier unser Interview mit ihm – vermutlich das erste Live-Interview mit einem Bürgermeister in Deutschland über Facebook). Und obwohl er manchmal schüchtern wirkt und sich selbst nicht als mutig charakterisiert, scheut er das offene Wort nicht. Auch das macht ihn aus: Er sucht das Gespräch und ist selbstkritisch. Das macht den Mann besonders.

Herr Dr. Fetzner, im November stellen Sie sich erneut zur Wahl als Erster Bürgermeister. Werden Sie einen Wahlkampf machen, sofern es einen Gegenkandidaten geben sollte?

Dr. Torsten Fetzner: Nein, das macht für mich keinen Sinn, weil der Gemeinderat eigentlich ständig in meine Arbeit eingebunden ist. Der weiß ja, was ich mache. Ich werde den Fraktionen natürlich anbieten, dass ich in die Fraktionssitzung komme, um mich Fragen zu stellen. Ich werde aber nicht aktiv irgendwelche Aktionen starten.

Manche interpretieren Ihre Auftritte als Gitarre spielender Sänger als Wahlkampfaktion. Ich persönlich finde das sehr sympathisch – bei mir machen Sie damit Punkte. Gegner werden das als „Populismus“ brandmarken. Warum machen Sie das?

Musik macht Spaß und ist schön

Fetzner: Es macht mir einfach Spaß und es ist schön, Musik mit den Menschen zu teilen. Entstanden ist das durch Zufall: Ich war auf einer Weihnachtsfeier des VdK und habe gefragt, ob ich alternativ zu einer Festrede mal ein paar Lieder spielen soll. Das nahm seinen Lauf und ich wurde immer wieder angefragt. Das Prädikat des singenden Bürgermeisters ist hoffentlich nicht alles, was ich zu bieten habe.

Dann widmen wir uns mal Ihren anderen Qualitäten. Wenn Sie die vergangenen siebeneinhalb Jahre bis heute zurückblicken, welches Projekt hat Ihnen am meisten Freude bereitet?

Fetzner: Die Entwicklung der Hildebrandsche Mühle, weil wir damals von einem völlig aussichtslosen Unterfangen ausgegangen sind, dort ein Bordell verhindern zu können. Letztlich haben wir es doch geschafft, einen Investor zu gewinnen, der dort jetzt auch los gelegt hat.

Hildebrand Mühle August 1999 Luftbild Wolf-Rüdiger Pfrang

Hildebrand Mühle August 1999 – Puff verhindert. Luftbild Wolf-Rüdiger Pfrang

Was war ihr Anteil daran?

Fetzner: Ich bin mit dem Eigentümer in Kontakt getreten und habe sehr viele Gespräche geführt und konnte ihn dazu bewegen, über Alternativen zu dieser Bordell-Nutzung nachzudenken. Dadurch war der Weg frei, dass sich Investoren gemeldet haben.

Musste der Eigentümer sich dann auch bewegen, also hat er dadurch ein schlechteres Geschäft gemacht?

Fetzner: Man weiß ja nicht, ob die Nutzung als Bordell tatsächlich funktioniert hätte. Aber er war schon auf dem Weg, er hat viel Geld in die Planung investiert. Ich habe schon etwas auf die Moral gepocht und gesagt: Es kann ja nicht sein, dass Sie als in Weinheim bekannter Bauherr diese Immobilie erworben haben und gegen den Widerstand der gesamten Bevölkerung ein Bordell errichten.

Welches Projekt hat Ihnen am wenigsten Freude bereitet?

Fetzner: Was mir im Moment nicht sehr viel Spaß macht, ist das Thema Windenergie, weil ich mich da ein Stück weit machtlos fühle. Es ist wahnsinnig schwer, den komplizierten Sachverhalt der Bevölkerung verständlich zu machen.

Haben Sie mal versucht, in Stuttgart aktiv zu werden? Die Bundestagskandidatin Franziska Brantner hat die rheinland-pfälzische Lösung der konzentrierten Standorte außerordentlich gelobt. Das wäre theoretisch in Baden-Württemberg und Weinheim genauso möglich. Das haben Sie so aber noch nicht versucht?

Wind of change und große Probleme

Fetzner: Wir haben Briefe an den Ministerpräsidenten geschrieben, auch mit der Bitte, ein Gespräch zu bekommen. Außerdem habe ich im Juni einen Termin mit dem Umweltministerium in Stuttgart. Ich hatte das Thema auch schon vor zwei Jahren, insbesondere wegen der Geschwindigkeit, mit dem diese gesamte Planung umgesetzt werden sollte, mit dem Umweltminister Franz Untersteller diskutiert. Was ich ein bisschen schade finde, ist, dass die Grünen hier so wenig an die eigene Landesregierung appellieren. Ich glaube, dass die meisten zwar die Problematik erkennen, aber aus einer falsch verstandenen Loyalität nicht auf den Ministerpräsidenten oder den Umweltminister zugehen und Abhilfe fordern.

Was ist den falsch verstandene Loyalität?

Fetzner: Dass man denkt, man muss alle Beschlüsse und Entscheidungen der Landesregierung gut finden, nur weil man dort jetzt in der Regierungsverantwortung ist. Ich denke in einer lebendigen und gelebten Demokratie muss es auch möglich sein, Kritik bei den eigenen Leuten anzubringen. Das kommt mir im Moment zu kurz.

Mehrheitsumsetzer

Wie bewerten Sie die Politik des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer, der ja bei den Grünen massiv in der Kritik steht?

Fetzner: Wir haben politisch wesentlich gleiche Überzeugungen. Wir kennen uns über die Bürgermeistertätigkeit, da in Stuttgart öfter Treffen sind. Boris Palmer ist sehr konsequent in seiner Haltung. Er äußert seine Meinung offen und dabei ist ihm völlig egal, ob er Beifall erntet oder nicht. Ich muss zugeben, dass ich nicht immer so mutig bin. Er hat auch eine grüne Mehrheit in Rat. Die Grünen sind dort die größte Fraktion und können sich immer aussuchen, mit wem sie koalieren wollen. Diese Situation haben wir in Weinheim nicht. Ich muss die Mehrheitsbeschlüsse des Gemeinderats umsetzen.

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Auch hier außergewöhnlich: Seit Herbst 2012 hat Dr. Torsten Fetzner Social Media entdeckt und probiert neugierig aus, wie das so geht mit Facebook.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat aus ihrer Sicht?

Fetzner: Ich empfinde sie ausnahmslos mit allen Fraktionen als sehr gut.

Hat sich aus Ihrer Sicht etwas während Ihrer Amtszeit die Arbeit des Gemeinderats verändert? Der Umgang mit Themen, eine Veränderung in der Diskussionsfreudigkeit, im Umgang miteinander?

Fetzner: Bei den Themen genießen Energie, Klimaschutz oder auch Landschaftsschutz einen sehr viel größeren Stellenwert im Gemeinderat als früher. Da hat sich ein anderes Bewusstsein entwickelt. Darüber hinaus ist der Gemeinderat kritischer gegenüber der Verwaltung geworden. Ich empfinde das nicht als unangenehm, denn es eröffnet die Möglichkeit über Diskussionen andere Lösungen zu finden. Ich war vor meiner Bürgermeistertätigkeit selbst seit 1991 im Gemeinderat und unter dem Oberbürgermeister Uwe Kleefoot gab es noch ein ganz anderes Verhältnis zwischen Verwaltung und Gemeinderat, weil es im Gemeinderat einzelne Persönlichkeiten gab, die zusammen mit der Verwaltungsspitze die Politik in Weinheim bestimmt haben. Heute ist das so nicht mehr möglich. Es gibt in allen Fraktionen verschiedene Meinungen und Tendenzen. Diese Entwicklung sehe ich als sehr positiv an.

Manchmal geht es unter den Gemeinderäten rund, beispielsweise beim Thema Breitwiesen. Was denken Sie, wenn es manchmal sehr ruppig zugeht?

Fetzner: Ich sehe es als Aufgabe der Verwaltung, bei zu hitzigen Diskussionen zu versuchen, die Debatte wieder auf eine sachliche Ebene zu lenken. Ich glaube, da hilft meine ruhige Art ganz gut.

Der Gemeinderat ist insgesamt ziemlich betagt. Was bedeutet das für die Politik? Ist es manchmal schade, wenn man nur ein Rentnergremium vor sich hat? Wäre es nicht besser, wenn mehr junge Leute, wenn mehr junge Leute im Gremium wären?

Politisches Engagement ist nicht sehr attraktiv

Fetzner: Ich würde mir schon wünschen, dass es ausgeglichener wäre. Der Gemeinderat sollte ja auch ein Spiegelbild der Bevölkerung sein. In der gibt es ja auch nicht nur Menschen über 60 Jahre, sondern auch junge Menschen. Ich bin ziemlich froh, dass wir jetzt einen Jugendgemeinderat haben, in dem Jugendliche an die Politik herangeführt werden. Denn gerade, wenn man im Arbeitsleben steht, ist es nicht besonders attraktiv, sich politisch zu engagieren. Man steht ja häufig in der Kritik – auch als Gemeinderat. Das ist nicht gerade das, was sich ein junger Mensch für seine Freizeit vorstellt, wenn er sich gerade im beruflichen Aufbau befindet und eine Familie gründet.

Wie war das bei Ihnen? Warum haben Sie das gemacht? Was treibt einen an?

Fetzner: Ich war ehrenamtlich im Umweltschutz tätig, ich war beim BUND und beim NABU aktiv. Ich habe dann gemerkt, dass man mehr erreichen kann, wenn man politisch aktiv ist und seine Meinung öffentlich darstellen kann. Deshalb bin ich in die Politik gegangen. Dabei in die Nähe von Umweltverbänden, deshalb war es klar, dass ich für die Grünen kandidiere. Dann war ich vierzehn Jahre Stadtrat.

Vierzehn Jahre im Gemeinderat zu verbringen, gegen eine geringe Aufwandsentschädigung und wenig Einfluss in einer kleinen Partei: Wie schafft man so eine Zeit?

Fetzner: Man braucht eine gewisse Leidensfähigkeit und den Glauben, dass man wirklich etwas erreichen kann. Es hat auch eine Weile gedauert, bis ich im Gemeinderat überhaupt wahrgenommen wurde und meine Beiträge überhaupt ernst genommen worden sind.

Aktivere Menschen – dank Internet

Was halten Sie von der „Zuschauer-Resonanz“ bei Gemeinderatssitzungen?

Fetzner bei Senioren

Dr. Torsten Fetzner teilt seine Liebe für Musik mit den Menschen – hier Senioren. Kritiker polemisieren, er mache damit „Wahlkampf“. Fetzner sagt: Musik verbindet die Menschen.

Fetzner: Viele kommen nur, wenn sie sich persönlich betroffen fühlen. Ich habe aber den Eindruck, dass die Besucherzahlen mittlerweile gestiegen sind. Es gibt auch mehr Themen, die alle Weinheimer betreffen. Überhaupt habe ich dass Gefühl, dass in der Bevölkerung ein größeres Bewusstsein entstanden ist, auch Verwaltung und Politik zu kritisieren. Das ist meiner Meinung nach eine gute Entwicklung, weil ich Kritik als positiv sehe. Heute setzen sich die Menschen viel aktiver ein, sammeln Unterschriften und treten selbstbewusst auf.

Das hängt sicher auch damit zusammen, dass die Menschen an mehr Informationen herankommen und sie schnell und vernetzt über das Internet verteilen können. Was halten Sie davon?

Fetzner: Durch das Internet kann man sehr schnell Informationen verbreiten und ein großes Meinungsbild abfragen. Das ist klasse – ich bin ja seit einigen Monaten auch bei Facebook aktiv und lerne das Medium zu schätzen. Ein anderer Aspekt des neuen bürgerschaftlichen Engagements ist, dass es viele engagierte, gebildete Menschen gibt, die sich jetzt an die Spitze von Bewegungen setzen. Die Zeit der Aktivisten, die sich an Bäume ketten, ist vorbei. Heute wird intellektuell argumentiert. Somit entsteht eine ganz neue Qualität von Bürgerbewegungen. Das schlägt natürlich bis nach Stuttgart oder Berlin durch. Solche Menschen sind natürlich auch „anstrengend“, weil man ganz andere Ansprüche erfüllen muss. Ich finde das sehr spannend.

Ohne die BI Bahnlärm hätten wir nicht so viel erreicht

Inwieweit unterstützt z.B. die Initiative Bahnlärm Sie in ihrer Politik und umgekehrt?

Fetzner: Die Herren treiben uns an und das ist gut so. Ich denke nicht, dass wir so aktiv geworden wären, wenn diese drei Herren nicht ständig aktiv gewesen wären. Man muss auch ehrlich genug sein, das zuzugeben. Ein wesentlicher Verdienst von dem, was wir erreicht haben und von dem, was wir sicherlich noch erreichen werden, haben wir der BI Bahnlärm zu verdanken.

Es gibt noch eine zweite Bürgerinitiative zum Thema Breitwiesen in Weinheim. Haben Sie immer noch Lust auf das Projekt?

Fetzner: Es geht um die Verantwortung und auf die habe ich Lust. Alle Argumente sind ausgetaucht – die Positionen stehen fest. Jetzt muss eine Entscheidung her. Deshalb ist es gut, dass der Bürgerentscheid kommt. Mir ist es wichtig, dass viele daran teilnehmen, damit er nicht am Quorum scheitert. Das wäre wirklich katastrophal, auch für mein Demokratieverständnis. Außerdem hoffe ich, dass wir ein eindeutiges Ergebnis bekommen, damit wir weiterarbeiten können. Wenn die Bevölkerung Breitwiesen ablehnen sollte, werden wir Hammelsbrunnen erschließen. Denn der Druck von außen ist groß.

Weinheimer Bürger und Landwirte demonstrierten gegen die Ausweisung der Breitwiesen.

Weinheimer Bürger und Landwirte demonstrierten gegen die Ausweisung der Breitwiesen.

Was meinen Sie damit?

Fetzner: Wir haben ständig Ansiedlungsinteressen. Nicht nur aus dem Logistikbereich, sondern auch aus dem Bereich produzierendes Gewerbe.

Warum wollen die nach Weinheim und nicht nach Mannheim?

Fetzner: Meiner Einschätzung nach, weil die Konversionsflächen in absehbarer Zeit nicht entwickelt werden. Ich schätze, dass vor 2015/16 nichts passiert. Das ist auch das Problem in Weinheim, dass wir die Flächen noch nicht entwickelt haben. Meiner Meinung nach sollte man auch nicht bei jedem Unternehmen sofort zugreifen. Man muss sich vorher Gedanken machen, was man in so einem Gebiet überhaupt haben will.

Ist Breitwiesen der erste Bürgerentscheid in Weinheim?

Fetzner: Es gab früher schon einmal einen Bürgerentscheid zu einem Hotel Anfang der 80-er Jahre, das aufgrund eines Bürgerentscheids nicht gebaut wurde.

Warum nutzt man das Instrument „Bürgerentscheid“ nicht öfter?

Fetzner: Der Bürgerentscheid muss vom Bürger ausgehen. Die Hürden sind ziemlich hoch, da man sehr viele Unterschriften sammeln muss. Es ist ein unglaublich hoher Aufwand. Die Politik an sich sagt: Wir sind die gewählten Vertreter der Bevölkerung und wir entscheiden.

Zäher Weg zum Bürgerentscheid

Die Zurücknahme des Aufstellungsbeschlusses war Grundvoraussetzung für den Bürgerentscheid. Die Rücknahme wurde empfohlen und es kam zur erforderten Mehrheit im Gemeinderat. Wie war der Weg bis zum Bürgerentscheid aus Ihrer Sicht?

Fetzner: Sehr zäh. Obwohl Oberbürgermeister Heiner Bernhard und ich uns absolut einig waren, dass wir nur mit einem Bürgerentscheid zu einer sinnvollen Entscheidung und einer Beruhigung der Bevölkerung kommen.

Was wird die Verwaltung, die wie die Mehrheit des Gemeinderats die Entwicklung der Breitwiesen befürwortet, unternehmen, um diese Haltung zu bewerben?

Fetzner:Der Vorgang ist rechtlich genau festgelegt. Es wird eine Informations-Broschüre geben, die vermutlich zusammen mit der Wahlkarte an die Bevölkerung verschickt wird. In dieser Broschüre werden sowohl die Pro- als auch die Kontra-Argumente aufgeführt.

Es wird also ausgewogen informiert werden?

Fetzner: Die BI hat die Möglichkeit, ihre Position in der Broschüre darzustellen.

Also bildet der Flyer zwei Postionen ab: Die Seite, die Breitwiesen befürwortet und die Seite der Gegner. Kann die BI selbst bestimmen, was da rein kommt?

Fetzner: Ja, allerdings versuchen wir es untereinander abzugleichen, damit nichts darin steht, was nicht wahr ist. Die BI wird auch ihren Platz haben und ich hoffe, dass wir das im Einvernehmen schaffen. Ich habe auch gehört, dass die BI sich nach einer Werbe-Agentur umschaut. Das heißt, dass wohl eine eigene Kampagne gestartet werden wird. Ich hätte mich gefreut, wenn wir das von der BI direkt erfahren hätten. Es wird immer Transparenz von der Verwaltung eingefordert, aber die Bi agiert im Verborgenen. Ich finde, wenn man Transparenz fordert, dann sollte sie von beiden Seiten kommen. Das vermisse ich fast immer bei BI.

Realistische Kostenrechnungen fehlen noch

Ein nächstes großes Projekt ist die Umgestaltung der Schullandschaft und deren Gebäude. Ist die Entscheidung des Gemeinderats, das Projekt auf 18 Millionen Euro zu reduzieren, eine Gefährdung des Projekts?

Fetzner: Man muss ehrlich sagen, dass wir das nicht wissen. Das Projekt ist mit 20 Millionen Euro angesetzt worden, weil diese Summe im Haushalt darstellbar ist. Wir haben gesagt: „Das Geld kriegen wir zusammen, also können wir für das Geld etwas bauen.“ Wenn nur 18 genehmigt sind, dann müssen wir eben mit diesem Geld das Projekt realisieren oder, wenn nicht möglich, dem Gemeinderat mitteilen: „Wir müssen andere Projekte streichen und dafür das Schul-Projekt aufstocken“. Im nächsten Schritt benötigen wir jetzt erstmal eine realistische Kostenrechnung.

Könnte man nicht auch die Wirtschaft als Sponsor ins Boot holen und Klassenräume nach Unternehmen benennen?

Fetzner: Interessanter Vorschlag, darüber werde ich mal nachdenken.

Was sind die nächsten Schritte und wann sehen Sie realistisch betrachtet das Schulprojekt umgesetzt?

Fetzner: Jetzt kommt eine Machbarkeitsstudie. Die wurde im ATU schon beschlossen. Nach der Machbarkeitsstudie wird es dann in die Planung gehen. Dann wissen wir auch, wie viel das Projekt kostet und ob wir das alles gestemmt bekommen. Die Planung dauert mindestens ein Jahr. Das Bauen selbst dauert ungefähr eineinhalb Jahre. Es kommt aber ganz darauf an, ob das Rolf-Engelbrecht-Haus ganz abgerissen wird oder ob man es saniert, was mein Favorit wäre. Damit kann man Geld und Zeit sparen.

Enttäuschende Kritik

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Großes Aufregerthema – Standorte für Windkraftanlagen. „Es ist sehr schwer, den Bürgern die Thematik zu erklären“, sagt Dr. Torsten Fetzner und versucht es trotzdem immer wieder.

Fetzner: Ja, wir sind für uns schon ein Stück weiter, weil wir jetzt einen Vorschlag unterbreitet haben mit zwei gemeinsamen Hallen für die Ortsteile. Es haben sich ja bislang ausnahmslos alle Ortschaften geweigert, an dem Moderationsprozess teilzunehmen oder sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Etwas enttäuschend ist, welche Kritik jetzt kommt. Der Vorwurf, dass man etwas völlig Unmögliches in den Raum geworfen habe, aber selbst keine Ideen hat, wie wir mit der verzwickten Situation klarkommen sollen, ist enttäuschend. In Rippenweier fiel sogar das Wort „shizophren“. Das finde ich nicht ganz fair. Man muss nicht mit dem Vorschlag einverstanden sein, aber man sollte sich wenigstens die Mühe machen, sich Gegenvorschläge zu überlegen.

Dann gäbe es also zwei neue Hallen, die sich je zwei Ortschaften teilen.

Fetzner: Genau. Dabei gibt es zwei Probleme: Das eine Problem ist das Hallenbad in Hohensachsen, das dann perspektivisch aufgegeben werden müsste. Wobei das auch einem Gemeinderatsbeschluss entspricht. Außerdem haben wir noch das Thema Keltensteinhalle, die ja mit neuen Solaranlagen und neuer Wärmeversorgung in einem gutem Zustand ist. Jetzt sind Gerüchte aufgekommen, dass die Halle abgerissen werden soll. Das ist natürlich Quatsch. Man wird diese Halle weiter betreiben, bis sie irgendwann in die Jahre gekommen ist, so dass man sie nicht mehr weiter sanieren sollte. Dann ist diese gemeinsame Halle in Oberflockenbach aber schon da. Im Moment ist es so, dass wir eine Halle für Oberflockenbach bekommen und eine für Lützelsachen/Hohensachsen und die Keltensteinhalle weiter unterhalten wird.

Ist es für die Nutznießer dann nicht eigentlich ein Vorteil, wenn man eine gemeinsame Halle betreibt, weil sie von der gemeinsamen Ausstattung deutlich mehr bieten könnte?

Fetzner: Doch, das sehen wir auch so. Die Halle ist dann technisch und energetisch auf dem neuesten Standard. Wir erhoffen uns daraus, dass wir geringere Unterhaltskosten haben.

Was für Investitionen muss man bei zwei neuen Hallen aufbringen?

Fetzner: Fetzner: Es kommt darauf an, was man dagegen rechnet. Wir könnten an den Altstandorten eine Bebauung realisieren. Diese Erlöse können wir gegen rechnen. Die Kosten dürften sich grob auf 6 Millionen pro Halle belaufen, abzüglich der Erlöse müssten wir insgesamt rund 5 Millionen Euro stemmen.

Es geht nur im Gespräch

Wie knackt man die Haltung der Ortschaften?

Fetzner: Das geht nur im Gespräch. Man muss Überzeugungsarbeit leisten. Wenn die Ortschaftsräte und die Ortschaften zufrieden sind, wird sich der Gemeinderat nicht dagegenstellen.

Haben Sie den Eindruck, dass man überwiegend mit sehr altem Standortdenken konfrontiert wird?

Fetzner: Ja. Aber das nutzt uns nichts, wenn man das zu negativ sieht. Wir haben gute Ortschaftsräte, finde ich. Dieses Ortsteil-Denken ist schon da und auch verständlich. Es existiert ein örtlichen Charakter. Die Ortschaften bestehen seit Jahrhunderten. Man muss Verständnis dafür haben, dass sie ihre eigene Identität haben wollen. Es ist ja auch ganz reizvoll, dass Oberflockenbach eben nicht die Weststadt ist.

Sie würden also sowohl in Oberflockenbach als in der Weststadt für die Menschen singen?

Fetzner (lacht): Herr Prothmann, die Frage nehme ich jetzt nicht ernst und falls doch – ja klar!