Freitag, 14. Dezember 2018

Nachgefragt: Wie wird aus einer politischen PR-Meldung ein redaktioneller Text in der RNZ?

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Ist das Umtexten einer politischen PR-Meldung tatsÀchlich geeignet, als redaktioneller Text veröffentlicht zu werden? Oder ist das Betrug am Leser?

Weinheim, 17. November 2011. (red) Nicht nur der Politik, sondern auch den Medien muss man „auf die Finger schauen“, wenn seltsame Dinge passieren. Aktuell erschien in großer Aufmachung am 15. November ein Text in der RNZ, den angeblich der Redakteur Stefan Hagen geschrieben hat. Das Problem: Dieser Text ist mit allen wesentlichen Inhalten und teils wortgleich bereits am 14. November 2011 erschienen – auf der Homepage des CDU-Landtagsabgeordneten Georg Wacker.

Von Hardy Prothmann

Eigentlich sollen die Medien als „vierte Gewalt“ ja die Politik kritisch begleiten. Das ist auch gut so. Schlecht wird es, wenn Medien mit der Politik gemeinsame Sache machen.

Am 27. November gibt es eine Volksabstimmung ĂŒber das Schicksal von Stuttgart 21. Am 15. November erscheint in der Rhein-Neckar-Zeitung ein Text, der jeden Zusammenhang zwischen S21 und dem Ausbau der S-Bahn Rhein-Neckar zurĂŒckweist.

Angeblich seien Kritiker widerlegt – es gebe keinen Zusammenhang. S21 habe keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung der S-Bahn, so lautet die Botschaft kurz zusammengefasst. Die „Gegenseite“ wurde fĂŒr diesen Text nicht gehört. Ein klarer handwerklicher Fehler.

Mehr als erstaunlich ist, dass dieser angeblich redaktionelle Text bereits einen Tag zuvor erschienen ist. Als Information des CDU-Landtagsabgeordneten Georg Wacker. Und erstaunlich ist, dass tags drauf beispielsweise die CDU Ladenburg ebendiesen Text als „Pressemitteilung“ verschickt.

Da kommen Fragen auf: Beispielsweise zur UnabhĂ€ngigkeit und Überparteilichkeit der Rhein-Neckar-Zeitung. Wie kann es sein, dass ein einseitiger Text, der zudem unwahre Aussagen enthĂ€lt, es als ein von einem Redakteur gefertigten Artikel in die Rhein-Neckar-Zeitung schafft?

Wir haben versucht, von der Rhein-Neckar-Zeitung Auskunft zu erhalten. Ob wir eine Antwort erhalten ist offen. Aber auch keine Antwort wÀre eine Antwort.

Links:

Originalartikel beim CDU-Landtagsabgeordneten Georg Wacker

Artikel in der RNZ

Dokumentation unserer Anfrage:

An die Chefredaktion RNZ

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 15. November 2011 berichtet die RNZ in der Ausgabe 264 auf Seite 9 unter der Überschrift „Verzögerungen Ja – aber nicht wegen S21“ ĂŒber einen nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen S21 und dem Ausbau der S-Bahn Rhein-Neckar.

Der Redakteur Stefan Hagen zitiert darin Herrn Wacker und andere CDU-Mitglieder und beruft sich auf ein Schreiben des Verkehrsministeriums.

Nach unseren Recherchen handelt es sich bei dem angeblich durch Herrn Hagen verfassten Text in allen wesentlichen Teilen um einen Text, der von Herrn Wacker am 14. November, also einen Tag zuvor auf dessen eigener Homepage veröffentlicht worden ist.

Wir haben dazu berichtet:
http://www.weinheimblog.de/2011/11/16/offener-brief-an-die-cdu-weinheim-unredlich-ist-wer-falsch-zeugnis-ablegt/

Unser Versuch, die UmstÀnde der Entstehung dieses Textes zu erfragen, ist gescheitert. Herr Hagen hat uns telefonisch folgendes mitgeteilt:

“Das ist mein Text, ich habe den verfasst und bearbeitet. Ich bedanke mich herzlich.”

Dann legte Herr Hagen auf.

Wir wĂŒrden nun gerne wissen, ob es bei der RNZ ĂŒblich ist, PR-Texte von politischen Parteien, insbesondere der CDU, inhalts- und auch wortgleich als selbstĂ€ndig verfasste redaktionell-journalistische Leistungen von Redakteuren zu veröffentlichen?

Wenn dem so ist, wĂŒrden wir gerne in Erfahrung bringen, wie sich das mit einem unabhĂ€ngigen und objektiven Journalismus vertrĂ€gt? Sollten Sie keinen ĂŒberparteilichen und unabhĂ€ngigen Journalismus betreiben, hat sich die Frage natĂŒrlich erĂŒbrigt. Dann hĂ€tten wir aber gerne eine kurze BestĂ€tigung, dass Sie einen parteiischen und abhĂ€ngigen Journalismus betreiben und verantworten.

DarĂŒber hinaus möchten wir gerne wissen, ob es vielleicht sogar vorstellbar ist, dass Herr Hagen den Text fĂŒr Herrn Wacker geschrieben hat und seine Aussage, es handle sich um „seinen“ Text somit zutreffend ist. Dann wĂ€re unsere Feststellung, dass es sich nicht um einen Text von Herrn Hagen handelt, natĂŒrlich haltlos.

Eventuell war Ihnen nicht bekannt, dass Herr Hagen, unabhĂ€ngig davon, ob er seinen eigenen Text oder den von Herrn Wacker, umgeschrieben hat. Wenn dem so ist, wĂŒrde uns interessieren, welche Konsequenzen Sie aus dieser Kenntnis ziehen?

WĂ€ren Sie eventuell bereit, sich bei Ihren Lesern zu entschuldigen und einen Text an gleicher Stelle zu veröffentlichen, der die „unglĂŒckliche“ Genese dieses Propaganda-StĂŒcks erklĂ€rt? Vielleicht sogar verbunden mit einer Versicherung, dass Sie alles dafĂŒr tun, dass sich solche „unglĂŒcklichen“ Veröffentlichungen nicht wiederholen?

Wir bedanken uns recht herzlich vorab fĂŒr Ihre Antwort.

Mit freundlichen GrĂŒĂŸen
Das Weinheimblog.de

Hardy Prothmann

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.