Dienstag, 22. August 2017

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Stadt Weinheim plant Geothermie-Kraftwerk

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So funktioniert schematisch ein Geothermie-Kraftwerk. Hei├čes Wasser wird hochgef├Ârdert, daraus l├Ąsst sich elektrische Energie und Fernw├Ąrme gewinnen. Das abgek├╝hlte Wassser wird wieder zur├╝ckgeleitet. Quelle: Stadt Weinheim

Weinheim/Rhein-Neckar, 17. Mai 2011 (red) Die Stadt Weinheim plant ein Geothermie-Projekt. Die bergbaulichen Rechte hat sich die Stadt gesichert – gesucht werden einer oder mehrere Investoren. Au├čerdem sollen die B├╝rger umfassend beteiligt werden – dass ist auch n├Âtig, denn so rosig, wie der 1. B├╝rgermeister Dr. Torsten Fetzner das Projekt heute in einer Pressekonferenz vorgestellt hat, wird es nicht sein. Risiken und Chancen m├╝ssen abgewogen werden. Die Stadt Bruchsal beispielsweise ist alles andere als gl├╝cklich mit ihrem defizit├Ąren Geothermie-Kraftwerk.

Von Hardy Prothmann

Soviel steht fest: Ohne eine umfassende B├╝rgerbeteiligung wird dieses Projekt f├╝r „Stress“ sorgen. Geothermie galt lange als Zukunftstechnologie – aber auch eine mit Risiken.

Zukunft oder Risiko?

Die Erdbeben in den St├Ąrken 2,7 und 2,4 der Richterskala, die im August und September 2009 im pf├Ąlzischen Landau aufgetreten sind, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Betrieb der dortigen Geothermie-Anlage zur├╝ckzuf├╝hren. Einige H├Ąuser erlitten leichte Sch├Ąden. Die Anlage ist in etwa vergleichbar mit dem von der Stadt Weinheim vorgestellten Projekt. Mehrere B├╝rgerinitiativen gegen die Anlage sind entstanden.

Die Ursache soll ein Betriebsfehler gewesen sein, sagt der von der Stadt Weinheim beauftragte Berater Dr. Jochen Bauer. Er sieht wegen andersartiger tektonischer Bedingungen eine nur sehr geringe Gefahr f├╝r Erdbeben in unserer Region – ausschlie├čen l├Ąsst sich dies aber nicht.

Das Projekt werden wir redaktionell umfangreich begleiten, da das Interesse der ├ľffentlichkeit sicherlich hoch ist.

Insgesamt soll das Kraftwerk rund 30 Millionen Euro kosten. Eine Million Euro werden die geologischen Untersuchungen kosten, je rund sieben Millionen Euro die Bohrkan├Ąle bis in 3.000 Meter Tiefe.

Von dort soll dann rund 160-┬░ Celsius hei├čes Wasser nach oben gef├Ârdert werden – rund 60-70 Liter pro Sekunde. Dieses hei├če Wasser treibt eine Turbine an, die Strom erzeugt. In einem zweiten Schritt soll das Wasser auch Fernw├Ąrme erzeugen, bevor es durch einen R├╝ckkanal wieder in die Tiefe zur├╝ckbef├Ârdert wird.

Vorteile und H├╝rden.

Der Vorteil liegt auf der Hand. Das hei├če Tiefenwasser sprudelt laufend – die Betreiber k├Ânnen unabh├Ąngiger vom Energierohstoffmarkt ihre Preise kalkulieren. „Im Sinne einer energieautonomen Kommune ist das ein Zukunftsprojekt“, sagte Dr. Torsten Fetzner beim Pressetermin. Zudem werde kein CO2 erzeugt und im Gegensatz zur Windenergie die „Gegend nicht optisch beeintr├Ąchtigt“. Bis zu 5.000 Vier-Personen-Haushalte k├Ânnten mit Strom versorgt werden.

„Die mit Abstand gr├Â├čte H├╝rde wird sein, einen Kapitalpartner zu finden“, sagte Dr. Bauer. Der Grund: „Solaranlagen sind erprobt, daf├╝r Kapitalgeber zu finden, ist relativ einfach. Geothermie-Projekte sind zwar nicht neu, aber im Vergleich weniger erprobt – das hei├čt, das Risiko ist nicht so leicht kalkulierbar.“

Gemeint ist zuv├Ârderst das finanzielle Risiko. Zwar ist sich der Berater sicher, dass man nach den geologischen Untersuchungen sehr genau wird bohren k├Ânnen, aber das Risiko einer Fehlbohrung (F├╝ndigkeitsrisiko) bleibt. Trifft man nicht die richtige Stelle, sind sieben Millionen Euro vergebens investiert worden.

Dr. Jochen Bauer, Referentin Jutta Ehmsen und B├╝rgermeister Fetzner bei der Projektvorstellung. Bild: weinheimblog.de

Die Stadt hat sich deshalb an die gro├čen EVUs (Energieversorgungsunternehmen) gewandt: „Wir w├╝rden beispielsweise sehr gerne mit der EnBW zusammenkommen“, sagte Dr. Fetzner. Auf Nachfrage best├Ątigte er, dass aber auch ein Investorenkonsortium denkbar w├Ąre, eventuell in Verbindung mit einem Investorenfonds, an dem sich auch B├╝rger beteiligen k├Ânnten. Auch ein Zusammenschluss mehrerer Kommunen f├╝r die Investition und den Betrieb sei denkbar. Nicht denkbar ist hingegen, dass die Stadt Weinheim das Projekt alleine stemmt, denn daf├╝r fehlt der verschuldeten Stadt das Geld.

Bislang wurden trotzdem bereits f├╝r drei Gutachten rund 63.000 Euro investiert – das dritte Gutachten war mit 88.000 Euro das bislang teuerste, davon tr├Ągt die Stadt aber nur 28.000 Euro, der Rest wird von der Stadtwerke GmbH Weinheim bezahlt, die aber mehrheitlich der Stadt geh├Ârt.

Rechte, Nutzung, Belastung.

Bereits im Jahr 2007 hatte sich die Stadt „den Claim“, also die Bergbaurechte gesichert: „Damit bleiben wir handlungsf├Ąhig und verhindern, dass jemand anderes ohne uns das Projekt angeht.“ Hintergrund ist, dass das „Bergbaurecht“ das „Baurecht“ schl├Ągt – hei├čt: Baubeh├Ârde ist zwar die Stadt, aber die Interessen eines Bergbauprojekts liegen h├Âher.

„Der Rhein-Neckar-Raum eignet sich hervorragend f├╝r geothermische Nutzung“, sagte der Berater Dr. Bauer. Die Temperaturen im Untergrund seien hier h├Âher als in anderen Gebieten Deutschlands. Der besondere geologische Aufbau mache das Vorhandensein von „hei├čen Grundwasserspeichern sehr wahrscheinlich“.

Gleichzeitig seien Probleme, wie sie in Staufen und Basel aufgetreten seien, wegen der geologischen Bedingungen nicht zu erwarten. In Staufen kam es von 2007 bis Ende 2010 zu Erdbewegungen, weil eine „Gipskeuperschicht“ sich in Folge von Probebohrungen mit Wasser vollgesogen hatte. Infolgedessen hob sich das Erdreich pro Monat um etwa einen Zentimeter – rund 250 Geb├Ąude wurden dadurch besch├Ądigt, die Kosten werden auf rund 50 Millionen Euro gesch├Ątzt.

„Diese geologische Beschaffenheit gibt es hier nicht“, sagte Dr. Bauer.

„Aus unserer Sicht machen wir hier Pionierarbeit“, sagte Dr. Fetzner. Die Stadt Weinheim will das Projekt am 30. Mai 2011 um 19:30 Uhr im Alten Rathaus der ├ľffentlichkeit mit einem B├╝rgergespr├Ąch vorstellen. Bislang habe man nur an Weinheimer B├╝rgerinnen und B├╝rger gedacht.

Auf Nachfrage, weil m├Âgliche geologische Risiken auch die Nachbargemeinden betreffen w├╝rden, sagte Dr. Fetzner, dass man ├╝berlegen werde, inwieweit auch diese miteinbezogen w├╝rden.

Der „Claim“, den sich Weinheim gesichert hat, ist unter Umst├Ąnden nicht ausreichend. Man pr├╝ft deshalb, diesen zu erweitern. Deshalb habe man auch mit Viernheim bereits Gespr├Ąche aufgenommen, weil man neue Bergbaurechte auch das Gebiet der Stadt betreffen w├╝rde (siehe Karte, Gebiete links der Markierung).

F├╝r die Region um Weinheim sieht der Berater Dr. Bauer das geplante Projekt ├╝brigens erst als Anfang – bis zu zehn dieser Geothermie-Kraftwerke seien vorstellbar.

Realiserte Projekte mit Problemen.

Auf Weinheimer Gemarkung gibt es bereits ein Geothermie-Projekt. Das „Miramar“ hat eine Tiefenbohrung bis 1.000 Meter vorgenommen, um die W├Ąrme f├╝r den eigenen Betrieb zu nutzen. Hier k├Ânnten aber nur ca. sieben Liter in der Sekunde gef├Ârdert werden, weil sonst zuviel Sand mittransportiert werde, der die Filter verstopft.

In Hirschberg wurde am heutigen Abend ebenfalls „hei├č“ ├╝ber Geothermie diskutiert – wegen der geplanten tieferen Bohrung der Miramar-Geothermie. Dort wartet man nun ein Gutachten ab. Der ├ťberlegung, ein eigenens Gutachten in Auftrag zu geben, stand B├╝rgermeister Manuel Just eher skeptisch gegen├╝ber. Die Sorge einiger Gemeinder├Ąte galt hier vor allem dem Grundwasser.

Beim Pressetermin wurde auch auf eine Geothermie-Anlage in Bruchsal verwiesen. Dort ist man gar nicht gl├╝cklich und will sich am liebsten aus dem Projekt zur├╝ckziehen, wie unsere Recherchen ergaben. Die Anlage, als Forschungsprojekt ausgewiesen, ist defizit├Ąr. 74,9 Prozent geh├Âren den Stadtwerken Bruchsal, 25,1 Prozent dem Konzern EnBW, der wohl ├╝berproportional mehr finanziert.

Tats├Ąchlich gibt es technische Probleme. Wie uns berichtet wurde, m├╝ssen au├čerplanm├Ą├čig h├Ąufig die Pumpen ausgetauscht werden. In Bruchsal wurde das Projekt jedenfalls schon „hei├č“ diskutiert, wie bei bruchsal.org umfangreich dokumentiert.

Anmerkung der Redaktion:

bruchsal.org ist eine nicht-kommerzielle lokaljournalistische Online-Plattform, die vom Herausgeber des weinheimblogs, Hardy Prothmann, in den Anf├Ąngen journalistisch beraten wurde und zu der gute Kontakte bestehen.

bruchsal.org hat beispielsweise mit aufgedeckt, dass ein CDU-Stadtrat Wahlbetrug begangen hat und deswegen mittlerweile verurteilt worden ist.

Den rotumrandenten "Claim" hat Weinheim sich gesichert - eventuell sollen weitere Rechte links des Gebiets gesichert werden. Quelle: Stadt Weinheim