Mittwoch, 20. Juni 2018

OB Bernhard als NPD-Kumpel?

Braunes „Weihnachtsgeschenk“ als billige Propaganda

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jan jaeschke mit ob heiner bernhard

Links der NPD-Kreisvorsitzende Jan Jaeschke, rechts der Oberb├╝rgermeister Heiner Bernhard (SPD). Das Foto wurde auf der Facebook-Seite des Rechtsradikalen ver├Âffentlicht.

 

Weinheim, 19. Dezember 2013. (red) Der rechtsradikale NPD-Kreisvorstand Jan Jaeschke hat dem Oberb├╝rgermeister Heiner Bernhard (SPD) gestern ein braunes Weihnachtsgeschenk gemacht. Es basiert auf T├Ąuschung und soll Denunziation erzeugen. Heiner Bernhard umarmt den Rechten kumpelhaft und lacht zusammen mit ihm in die Kamera.

Von Hardy Prothmann

Der Oberb├╝rgermeister zusammen mit einem Neonazi gut gelaunt auf einem Foto? Der OB legt dem Rechtsextremen sogar die Hand auf die Schulter und l├Ąchelt ganz entspannt. Kann das wirklich sein?

Offensichtlich kann das sein. Bildmanipulationen sind nicht zu erkennen. Daf├╝r handelt es ich klar um den Oberb├╝rgermeister und einen jungen Mann, der auch als Jan Jaeschke zu erkennen ist – wenn man ihn kennt.

Der st├Ądtische Sprecher Roland Kern erkl├Ąrte am Abend telefonisch:

Wir haben heute Mittag von dem Foto erfahren und nach meinen Recherchen ist das Foto zwei bis drei Jahre alt und vermutlich im Gr├╝nen Baum aufgenommen. Der Oberb├╝rgermeister hat die andere Person nicht gekannt und selbstverst├Ąndlich nicht gewusst, dass es sich dabei um den NPD-Funktion├Ąr Jan Jaeschke handelt. F├╝r ihn war das ein junger Mann, der sich mit dem Oberb├╝rgermeister ablichten lassen wollte. Jeder, der die B├╝rgern├Ąhe von Herrn Bernhard kennt, wei├č, dass er immer f├╝r ein gemeinsames Foto zu haben ist, weil er offen mit den Leuten umgeht und nicht nach der Gesinnung fragt. H├Ątte er den NPD-Funktion├Ąr erkannt, w├Ąre dieses Foto nie entstanden. Der Oberb├╝rgermeister kann sich nicht an die Szene erinnern.

Die Datierung k├Ânnte stimmen. Von Jan Jaeschke gibt es auf Facebook keinen Hinweis, wo und wann das Foto entstanden ist. In den vergangenen drei Jahren habe ich Jan Jaeschke bei ├Âffentlichen Auftritten fast ausschlie├člich im Anzug gesehen, immer gut rasiert, die Haare links (!) gescheitelt und mit einer anderen Brille als auf dem Foto. Er macht bis heute einen milchbubigen Eindruck, auf dem Foto wirkt er trotzdem j├╝nger. Zudem wurde er vor ein paar Wochen zusammengeschlagen und trug multiple Platzwunden am Kopf davon. Auch davon ist nichts zu sehen.

Er selbst hat das Foto bei Facebook ├Âffentlich gemacht. Auf eine Frage: „Wenn das der B├╝rgermeister ist und wie der grinst hat er Jan nicht erkannt oder Jan ist ├╝bergelaufen“, antwortet er:

├ťbergelaufen bin ich nicht. Glaub eher, der hat mich nicht erkannt. Oder schon zu viel getrunken. Ich finds genial ­čÖé

Der Weinheimer NPD-Funktion├Ąr Jan Jaeschke bei der „Kundgebung“ in Ludwigshafen. im Januar 2012.

Andere Kommentatoren meinen, das Foto mache „die Karriere kaputt“ und sorge f├╝r einen „Skandal“. Man merkt den Kommentatoren die Schadenfreude an. Der Jaeschke hat den OB erwischt.

Jeder, der den Weinheimer Oberb├╝rgermeister kennt, wei├č, dass er so ein Typ ist, der gerne Leute in den Arm nimmt. Sogar Journalisten ­čśë . Jemanden, der sich offen zeigt, mit einem so billigen Trick reinzulegen, zeigt die geistige Reife von Herrn Jaeschke und den Kommentatoren. Die ist nicht vorhanden. Vermutlich erkennt fast niemand Jan Jaeschke auf der Stra├če – er ist zwar als politisch Aktiver eine ├Âffentliche Person, aber eben eine weitgehend unbekannte.

Trotzdem geh├Ârt so ein Foto unter die Kategorie „H├Ątte nicht passieren d├╝rfen“. Die Ver├Âffentlichung jetzt, ein halbes Jahr vor der Kommunalwahl, mitten in der Debatte um die Aufnahme von 200 Asylbewerbern in Weinheim, kommt nat├╝rlich ungelegen.

Die linke Seite „indymedia“ spart nicht mit Kritik:

F├╝r AntifaschistInnen ist dieses Foto einmal mehr Beweis daf├╝r, dass sich KommunalpolitikerInnen wenig bis ├╝berhaupt nicht mit Nazi-Strukturen in ihren St├Ądten und Gemeinden auseinandersetzen. Beispiele hierf├╝r gibt es viele – exemplarisch sei hier nur die Stadt Rauenberg genannt, die den j├Ąhrlichen Aufmarsch von Neonazis am „Volkstrauertag“ toleriert und schweigend hinnimmt. Heiner Bernhard jedenfalls t├Ąte gut daran, sich ├╝ber seine braunen Einwohner gr├╝ndlicher zu informieren. Als ehemaliger Leiter des Amtes f├╝r ├Âffentliche Ordnung in Heidelberg hat er doch bestimmt einen guten Draht zu den Bullen vom Staatsschutz. Aber, halt! Ganz vergessen: Die haben ja noch nie was von Nazis geh├Ârt.

Der Oberb├╝rgermeister Heiner Bernhard muss nun ├╝berdenken, ob er sich weiter b├╝rgernah zeigt oder sich zur├╝ckh├Ąlt, wenn er jemanden nicht kennt oder nicht einzusch├Ątzen wei├č. Er ist definitiv „reingefallen“ – doch das passiert auch einem Obama mit einem Geb├Ąrdendolmetscher, der sich als Betr├╝ger herausstellt.

Trotzdem sollte der Oberb├╝rgermeister eine pers├Ânliche Erkl├Ąrung in Betracht ziehen, auch wenn der Anlass sehr ├Ąrgerlich ist.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.