Samstag, 25. November 2017

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Imagekampagne aus der "Odenwaldhölle"

Herzapfel aus dem Paradies

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Foto: Landratsamt Kreis Bergstraße

Der Erl√∂s der Aufkleber-Aktion ‚ÄěIch bin ein Odenw√§lder‚Äú flie√üt in weitere Therapiema√ünahmen der jungen Grasellenbacherin Joline Kolb. Das Bild zeigt neben Joline, Landrat Matthias Wilkes (links) sowie Mutter Jeanette Kolb und Bruder Leon. Foto: Landratsamt Kreis Bergstra√üe

 

Kreis Bergstra√üe/Rhein-Neckar, 21. Januar 2014. (red/ld) Die FAS-Redakteurin Antonia Baum bescherte mit ihrem Schm√§hartikel √ľber die von ihr bezeichneten „Odenwaldh√∂lle“ dem Landkreis Bergstra√üe eine hei√üe Debatte und – indirekt – eine neue Imagekampagne: „Ich bin ein Odenw√§lder“ erkl√§rt Landrat Matthias Wilkes seit Freitag auf seinem Auto. F√ľr 50 Cent pro St√ľck werden die Aufkleber in den Rath√§usern der Odenwald-Gemeinden sowie in den Touristeninformationen verkauft. Der Erl√∂s soll einem neunj√§hrigen M√§dchen zu Gute kommen, das seit ihrer Geburt k√∂rperlich behindert ist. Von Lydia Dartsch

In der Neujahrsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) beschrieb Antonia Baum mit „Dieses St√ľck Germany“ ihre Jugend in der „Enge“ und „Ein√∂de“ des Odenwalds. H√§tte sie ihren Heimatort nicht verlassen, w√§re sie Drogendealerin geworden oder gestorben, schreibt sie in dem Artikel.

Gezielt, gefeuert, getroffen: Der Artikel schlug ein wie eine Bombe. Landrat Matthias Wilkes verlangte in einem offenen Brief eine Richtigstellung, bezeichnete den Text als „bodenlose Frechheit“. Bei uns erhielt die Ver√∂ffentlichung der Stellungnahme 1.500 Facebook-Likes.

Der Text tauge als Schullekt√ľre, antwortete FAZ-Feuilletonchef Claudius Seidl. Er reihe sich ein in das literarische Genre der Gebietsbeschimpfungen. Dies best√§tige die Qualit√§t des Odenwalds als literarische Landschaft.

Als „nicht sonderlich originell“ bewertete hingegen der Germanist und Medienwissenschaftler Prof. Dr. Jochen H√∂risch von der Universit√§t Mannheim den Text im Interview mit uns. Als geradezu paradiesisch, also als genaues Gegenteil der H√∂lle, beschreibt Landrat Wilkes den Odenwald¬†auf das FAZ-Schreiben¬†in seiner¬†Stellungnahme:

Wir k√∂nnen unserem Herrgott vielmehr dankbar sein, dass er gerade f√ľr Familien und Kinder weiterhin einen Platz bereith√§lt, an dem in engem sozialen Zusammenhalt Werteorientierung und Wertma√üst√§be noch vermittelt und gelebt werden und damit gerade f√ľr junge Menschen eine ideale Basis und Grundlage darstellen, stabile Pers√∂nlichkeiten zu entwickeln.

Die Region biete viele kulturelle und Freizeitangebote. Zudem gebe es viel Natur. Im Vergleich zu Berlin, sei es ein Privileg im Odenwald zu leben, schreibt der Landrat und f√ľhrt als Argument an, dass sogar ein Medizinnobelpreistr√§ger und der Formel1-Weltmeister Sebastian Vettel sich die Region als Lebensmittelpunkt ausgesucht haben. Das sage viel √ľber die Qualit√§t aus, hei√üt es in der Antwort von Landrat Wilkes.

Egal, ob man mit einem solchen Text eine ganze Region und die Menschen, die gerne darin leben derart verunglimpfen darf oder ob der Text gar als Schullekt√ľre taugt. Als Lehrst√ľck k√∂nnte der Fall durchaus dienen: Nicht nur, weil er Frau Baum f√ľr kurze Zeit ein bisschen mediale Aufmerksamkeit beschert und sie in ihrer alten Heimat weniger ber√ľhmt als ber√ľchtigt gemacht hat.

Indirekt bescherte die Feuilletonistin dem Odenwald einen Imagekampagne – zumindest einen Anfang hierf√ľr. Denn die Region bekam dadurch nicht nur selbst viel Aufmerksamkeit. Man stellte fest, dass man an der Au√üenwirkung arbeiten muss.

1.000 Aufkleber in 45 Minuten vergriffen

„Ich bin ein Odenw√§lder“ soll deshalb k√ľnftig auf den Autos von Einheimischen und Besuchern des Odenwalds zu lesen sein. Seit Freitag gibt es den Aufkleber mit Herz-Apfel-Motiv in den Rath√§usern der Odenwald-Gemeinden und Touristeninformationen f√ľr 50 Cent zu kaufen.¬†Landrat Matthias Wilkes war der Erste, der am Freitag seinen Wagen mit dem Aufkleber versah. Die restlichen 999 Aufkleber der ersten Auflage waren bereits nach 45 Minuten vergriffen. Das Landratsamt lie√ü 2.000 Aufkleber nachdrucken. In einer Pressemitteilung schrieb Landrat Wilkes gestern, wie sehr ihn dieser Zuspruch freue:

Es ist sensationell, wie viele Odenwälder sich mit Ihrer Region identifizieren und den wunderbaren Aufkleber den Mitarbeitern in den Rathäusern geradezu aus den Händen reißen.

Der Erl√∂s des Aufklebers kommt der neunj√§hrigen Joline Kolb zu Gute, die von Geburt an k√∂rperlich behindert ist. Sie ist die Tochter der ersten Apfelprinzessin¬†Jeanette Kolb aus Grasellenbach. Das Geld soll f√ľr Therapiezwecke verwendet werden, hei√üt es dazu in der Ank√ľndigung des Landratsamts.¬†Die heute neunj√§hrige Joline sei als Fr√ľhchen zur Welt gekommen. Kurz nach der Geburt war eine¬†zelebrale¬†Bewegungsst√∂rung – eine nicht heilbare L√§hmung – diagnostiziert. Seit ihrem sechsten Lebensjahr sitzt Joline im Rollstuhl, so die Pressemitteilung.

Nach heutigem medizinischen Stand werde sie niemals laufen k√∂nnen. Ihre Familie habe dies vor Herausforderungen gestellt. Eine davon sei gewesen, das Haus barrierefrei umzubauen. Bereits dabei halfen der Familie verschiedene Spendenaktionen dabei, die daf√ľr notwendigen Ausgaben zu bezahlen.

Ob Frau Baum sich auch einen Aufkleber „Ich bin ein Odenw√§lder“ besorgt hat, ist nicht bekannt.

Foto: Landratsamt Kreis Bergstraße

Die Erstauflage des Aufklebers von 1.000 St√ľck war am Freitag nach 45 Minuten vergriffen. Ab heute gibt es Nachschub: Das Landratsamt lie√ü 2.000 neue Aufkleber drucken. Foto: Landratsamt Kreis Bergstra√üe

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.