Montag, 11. Dezember 2017

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Gegenseitiges Abschreiben und Agenturh├Ârigkeit sind kein Journalismus

Wenn die Medien Amok laufen

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amoklauf

Der Sender RNF war schnell mit „Amoklauf“ bei der Hand.

Dossenheim/Weinheim/Heidelberg/Rhein-Neckar, 21. August 2013. (red) Das Drama von Dossenheim ersch├╝ttert die Menschen in der Region. Ein 71-j├Ąhriger Mann hatte zwei M├Ąnner erschossen, f├╝nf weitere Personen verletzt und sich dann selbst get├Âtet. Angeblich sollen die Feuerwehren von einem „Amoklauf“ sprechen. Doch das ist falsch.

Kommentar: Hardy Prothmann

Zum menschlichen Drama kommt h├Ąufig das mediale Drama hinzu. Drei Tote, f├╝nf Verletzte ist die f├╝rchterliche Bilanz des gestrigen Abends. Ein 71-j├Ąhriger Dossenheimer hat vermutlich im Affekt gehandelt und in der Gastst├Ątte „Ambiente“ der TSG Germania 1889 um sich geschossen. Ablauf und Motiv f├╝r die Bluttat sind bislang nicht bekannt.

Daf├╝r berichten verschiedene Medien diesen Satz, unter anderem beim SWR:

Die Polizei wollte zun├Ąchst nicht von einem Amoklauf sprechen, w├Ąhrend die Feuerwehren der Metropolregion Rhein-Neckar auf ihrer Facebook-Seite das Wort „Amoklauf“ jedoch benutzten.

stadtfeuerwehrverband

Von RNF erdacht, vom „Stadtfeuerwehrverband“ weiterverbreitet. Pressesprecher des Verbands ist Ralf Siegelmann, Sohn des Sender-Chefs Bert Siegelmann.

Vermutlich hat eine der Agenturen diese „Information“ verbreitet – und agenturh├Ârig wie viele Medien sind, wird das dann ohne Gegencheck ├╝bernommen und verbreitet.

Wir haben die Facebook-Seiten noch in der Nacht ├╝berpr├╝ft und konnte nirgends entsprechende Eintr├Ąge finden. Bis auf eine Fundstelle – die Facebook-Seite des Stadtfeuerwehrverbands Mannheim. Dabei handelt es sich aber nicht um eine offizielle Seite der Feuerwehren der Region.

Problematische Verquickung

Der Stadtfeuerwehrverband ist ein privater Verein. Pressesprecher ist Ralf Siegelmann. Dieser wiederum arbeitet beim lokalen TV-Sender Rhein-Neckar-Fernsehender (RNF) und ist der Sohn von Bert Siegelmann, Chef des Provinzsenders. Sowohl das RNF als auch der Stadtfeuerwehrverband benennen die Bluttat von Dossenheim als „Amoklauf“ – nach unserer Kenntnis sind dies die einzigen Belege, die sich auf die „Quelle“ des RNF reduzieren lassen. Es sind also nicht die Feuerwehren, die von Amoklauf sprechen, sondern der Provinzsender, der seine Sicht der Dinge ├╝ber eine vermeintliche Feuerwehren der Region-Seite verteilt.

Der Stadtfeuerwehrverband hat sich auch die Adresse www.feuerwehr-mannheim.de gesichert. Man k├Ânnte denken, das sei die offizielle Feuerwehrseite, ist sie aber nicht. Bei einer fr├╝heren Anfrage an die Stadt Mannheim, ob man ├╝ber das Auftreten Bescheid wisse und der Frage, ob es nicht problematisch sein k├Ânne, dass ein Mitarbeiter des Senders gleichzeitig Mitglied der Feuerwehr und Pressesprecher des privaten Vereins sei, wollte man das Problem nicht verstehen. Auch nicht, dass der Sender die Stadtfeuerwehrband-Seite auf Facebook nutzt, um ├╝berwiegend seine Nachrichten nochmals zu posten und zu verteilen. Was wie eine „Feuerwehrseite“ aussieht, ist in Wirklichkeit eine Seite, um Berichte des Senders zu pushen, der das anscheinend n├Âtig hat.

Nun f├Ąllt die problematische Verquickung aus Feuerwehr-Ehrenamt, Vereinssprecher und Mitglied eines journalistischen Mediums negativ auf die Wehren der Region zur├╝ck.

Ralf Mittelbach, Abteilungskommandant Stadt der Feuerwehr Weinheim, zeigt sich ver├Ąrgert ├╝ber die Darstellung:

Ich kann selbstverst├Ąndlich nicht f├╝r alle sprechen, aber wir Feuerwehren geben uns hier sehr viel M├╝he mit einer umfassenden, zutreffenden und verantwortlichen ├ľffentlichkeitsarbeit. Die ungepr├╝fte Behauptung in verschiedenen Berichten, die Feuerwehren im Raum w├╝rden von einem Amoklauf sprechen, ist falsch und einfach unversch├Ąmt. Wir halten uns aus der Bewertung raus, das ist Sache der Polizei.

Die Feuerwehr Weinheim war mit einem Seelsorgeteam am Einsatz gestern Abend beteiligt.

F├╝r Zeitungen, Sender und vor allem Agenturen gilt insbesondere bei solch tragischen Ereignissen noch genauer als genau zu arbeiten. Sonst bringt man Beteiligte – in diesem Fall Helfer – in ein unsch├Ânes Licht, nur, damit man „Amoklauf“ von Dossenheim schreiben kann.

Das Rhein-Neckar-Fernsehen f├Ąllt immer wieder mit problematischen Berichten auf. K├╝rzlich zeigte der Sender das Foto eines Mannes, der drohte, sich von einer Rhein-Br├╝cke zu st├╝rzen. Selbst nach Hinweis an die Reaktion, dass man Menschen in Ausnahmesituationen nicht auch noch vorf├╝hren sollte, blieb das Foto ver├Âffentlicht. Ende 2011 hatte der Sender auf seiner Website minutenlang in einem Video gezeigt, wie Bestatter die Leiche eines Unfallopfers in einen Sarg zu wuchten versuchen. Erst nach unserer Berichterstattung entfernte der Sender das grausige Material.

Wer nicht auf Inhalte vertraut, muss sein Gl├╝ck auf Teufel komm raus mit der Sensation machen – und kalkuliert Kollateralsch├Ąden mit ein.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.