Donnerstag, 25. Mai 2017

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Bürgerinformation im Rolf-Engelbrecht-Haus

Flüchtlingsunterbringung: Freude und Ängste

Weinheim, 23. September 2014. (red/ld) „Wir freuen uns auf die Asylbewerber“, sagte Frieda Fiedler vom Jugendgemeinderat bei der Bürger-Informationsveranstaltung zur Flüchtlingsunterbringung in Weinheim im Rolf-Engelbrecht-Haus. Rund 200 Menschen waren gekommen. Vertreter von Verwaltung, der Asyl-Arbeitskreise aus Schwetzingen, Ladenburg und Weinheim sowie des Rhein-Neckar-Kreises und der Polizei beantworteten die Fragen der rund 200 Besucher. Dabei waren nicht alle Statements so positiv, wie die des Jugendgemeinderats.

Rund 200 Besucher waren am Freitagabend ins Rolf-Engelbrecht-Haus gekommen.

Rund 200 Besucher waren am Freitagabend ins Rolf-Engelbrecht-Haus gekommen.

 

Von Lydia Dartsch

Die Mitglieder des Jugendgemeinderats haben sich schon Gedanken gemacht, wie die bei den Jugendlichen und Kindern der Flüchtlinge gegen Langeweile angehen können: „Wir wollen Gespräche mit Vereinen aufnehmen und sie so einbinden“, sagt sie auf dem Podium. Vorwiegend Familien sollen an den drei Standorten untergebracht werden. Die Stadtverwaltung hat dafür ein Grundstück im Schleimweg in Sulzbach sowie eines in Lützelsachsen, südlich des Sandloch-Sportplatzes vorgesehen. Ein weiterer Standort in der Theodor-Heuss-Straße soll am kommenden Mittwoch im Gemeinderat beschlossen werden.

Die dortige Bürgerinitiative steht diesem Vorhaben mindestens „skeptisch“ gegenüber. „Wir sind grundsätzlich für die Aufnahme von Flüchtlingen gegenüber“, sagt deren Vertreter Hans-Peter Egger. Es sei aber wichtig, dass Bürger und Flüchtlinge gemeinsam in Ordnung leben können, sagt er. Man sei in der Straße „sehr aufgewühlt“ und wünsche sich eine dezentrale Unterkunft. Mit anderen Worten: „Flüchtlinge gerne, aber nicht vor meinem Haus“. Wie schon zu Beginn des Prozesses, als es noch darum ging, 200 Flüchtlinge an der Heppenheimer Straße unterzubringen.

BI Weinheim West wähnt sich auf „Alibi-Veranstaltung“

Dass die Grundstückspreise in den Keller gehen und das Nah-Erholungsgebiet Waidsee an Attraktivität verlieren könnte, sind nur zwei Sorgen der BI, die sie auf ihrer Homepage formuliert. Zudem erwarte man, dass es nicht mehr ausreichend Kindergarten- und Schulplätze gebe, wenn die Unterbringung realisiert würde. Bei 70 bis 100 Flüchtlingen – wie in der Gemeinderatsvorlage für Mittwoch steht – wären das rechnerisch rund 43 Kinder, die sich in der Weststadt auf vier Schulen und fünf Kindergärten aufteilen. Abgesehen von den Kindern, die von ihren Eltern betreut werden. Eine Überlastung ist anhand dieser Zahlen nicht ersichtlich.

Also ein ähnliches „Alibi-Argument“ wie die ebenfalls auf der Homepage formulierten Sorgen um das ökologische Gleichgewicht. Was das alles mit Flüchtlingen zu tun haben soll, erklärt Herr Egger nicht – „Alibi“-Sorgen. Als „Alibi-Veranstaltung“ bezeichnete Herr Egger die Bürgerinformation und die Versammlungen zuvor: „Ich weiß gar nicht, was das heute bringen soll.“

Polizei hat keine Sorgen um Kriminalität

Polizeirevierleiter Holger Behrendt und Jugendgemeinderätin Frieda Fiedler.

Polizeirevierleiter Holger Behrendt und Jugendgemeinderätin Frieda Fiedler.

Ein Austausch von Informationen zwischen Stadtverwaltung, Bürgerschaft und Kreis lässt sich als Ziel erfassen. Sorgen um Kriminalität macht sich der Leiter der Weinheimer Polizeireviers, Holger Behrendt, jedenfalls nicht. Mit den bereits aufgenommenen 70 Flüchtlingen habe man keine Probleme. Diese sehe er im Gegenteil bei den Anwohnern: „Ich habe eher die Befürchtung, dass Ängste geschürt werden“, sagt er. Was Kriminalität angeht, gebe es Vergehen, die ohnehin nur von Ausländern begangen werden können: Darunter fallen Illegale Einreise oder die Verletzung der Residenzpflicht.

Für die Betreuung der Flüchtlinge an den drei Standorten ist der Rhein-Neckar-Kreis zuständig. Zwei Sozialarbeiter sollen dort täglich für die Menschen ansprechbar sein, sagt Sozialarbeiter Christoph Kölmel. Sie seien auch für die Bürger/innen ansprechbar, wenn etwas sei. Derzeit ist ein Sozialarbeiter für 120 Flüchtlinge zuständig. Er finde es gut, wenn an den Standorten nur 80 Personen untergebracht würden: „Das wird eine gute Sache“, sagt er.

Ansprechpartner für Asylbewerber und Anwohner

Was ist nachts und am Wochenende? Will eine Bürgerin wissen, die ihre Frage, wie die anderen Besucher auf eine Karte geschrieben hat. Sollte es in der Nacht zu Störungen kommen: „Dann machen Sie es wie bei Ihren Nachbarn und rufen die Polizei“, sagt Stefan Becker. Denn wenn es laut wird, störe der Lärm vielleicht nicht nur die Anwohner, sondern auch die anderen Bewohner in der Gemeinschaftsunterkunft, sagt Herr Becker.

Elfie Rentrop vom AK Asyl Weinheim, die Schwetzinger Stadträtin Raquel Rempp für den AK Asyl in Schwetzingen, Pfarrer Stefan Royar und Sabine Weil aus Ladenburg.

Elfie Rentrop vom AK Asyl Weinheim, die Schwetzinger Stadträtin Raquel Rempp für den AK Asyl in Schwetzingen, Pfarrer Stefan Royar und Sabine Weil aus Ladenburg.

Zwar erhält jeder Asylbewerber eine Pauschale, um einen Deutschkurs zu besuchen. Trotzdem wüssten die Menschen nicht, wie man Hilfe holt: „Es gab zwei Fälle in einer Großunterkunft“, sagt Elfie Rentrop vom Weinheimer Arbeitskreis Asyl. Dabei habe nur ein Junge gewusst, dass man im Notfall die 112 anrufen soll. Deshalb fordert Sabine Weil vom Ladenburger AK-Asyl, dass die Menschen auch nachts einen Ansprechpartner in der Unterbringung haben – und wenn dieser lediglich die Hausordnung einhalte: „Das wäre auch für die Flüchtlinge eine große Hilfe.“

„NAWI“ will helfen

Unterstützung kommt aus der Bürgerschaft „NAWI“ heißt das Netzwerk Asyl Weinheim für Integration kurz. Zu diesem haben sich der Arbeitskreis Asyl, die BI „Fremde als Gäste willkommen heißen“, der Caritas-Verband, die Diakonie, die evangelische und die katholische Kirche sowie der Koordinierungskreis zur Integration von Ausländern in Weinheim zusammengeschlossen. Auch die Moscheegemeinde wolle mithelfen, sagen Frau Rentrop und Claus Hofmann vom Amt für Soziales, Jugend, Familie und Senioren.

Das Bestehen dieses Netzwerkes beeindruckt Ordnungsamtsleiter Stefan Becker positiv. Polizeirevier-Leiter Holger Behrendt sagt, er finde es gut, dass eine solche Netzwerkbildung stattfinde. Man könne vorausahnen, welche Probleme entstehen könnten, und diese verringern. Außerdem biete ein solches Netzwerk den Menschen Ansprechpartner.

Platz ist knapp

Sozialarbeiter Christoph Kölmel und Ordnungsamtsleiter Stefan Becker vom Rhein-Neckar-Kreis.

Sozialarbeiter Christoph Kölmel und Ordnungsamtsleiter Stefan Becker vom Rhein-Neckar-Kreis.

Ob die rund 200 Plätze langfristig ausreichen werden, wenn die Unterkünfte Ende 2015 fertig gebaut sind? Diese Erwartung kann Stefan Becker bereits jetzt enttäuschen. Zwar wisse er erst eine Woche im voraus, wie viele Menschen kommen, aber bereits jetzt rechne er im kommenden Jahr mit rund 2.000 weiteren Flüchtlingen im Kreis – das wäre noch einmal eine Verdopplung. Man suche nach Wohnungen – auch über Angebote von privaten Vermietern freue man sich: „Wenn wir eine Unterkunft finden, ist sie bereits kurz danach belegt. Wie gerade in Schriesheim„, sagt er. Ohne diese Unterkunft hätte man die Menschen in einer Turnhalle unterbringen müssen.

Neu sei dies jedenfalls nicht, sagt Elfie Rentrop, die sich noch an die rund 200 Flüchtlinge erinnert, die die Stadt in den 1990’er Jahren aufgenommen hatte: „Die Ängste, die damals aufkamen, haben sich zum Glück nicht bewahrheitet“, sagt sie. Stören wollten die Flüchtlinge nicht, sagt Said Azami, der aus dem Iran geflohen ist und seit einem Jahr in Deutschland ist: Zuerst in der Alten Martinsschule in Ladenburg und jetzt in der Sammelunterkunft in Schwetzingen: „Wir möchten von Euch akzeptiert werden und freuen uns auf jedes Gespräch mit Ihnen. Das lenkt uns von unserem eintönigen Alltag ab“, sagt er.

Über Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.