Dienstag, 12. Dezember 2017

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Debatte um ZOB-Namensfindung

Namen sind Andenken

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Weinheim, 22. Januar 2014. (red/pro) Welchen Namen soll der neue Platz des Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) tragen? Ist das eine Frage, die hinter wichtigeren zur├╝ckbleibt, wie die Weinheimer Nachrichten meinen? Oder eine, die man per Online-Umfrage kl├Ąren sollte? Oder eine, die vielleicht wichtiger ist, als mancher denkt? Ein Essay.

Von Hardy Prothmann

Wenn jemand vorgeschlagen h├Ątte, den Platz „Herbert-Ernst-Karl-Frahm-Platz“ zu nennen, h├Ątte es wahrscheinlich viele Einw├Ąnde gegeben, dass der Name „zu sperrig“ sei. „Willy Brandt“ ist da viel knackiger.

Herbert Ernst Karl Frahm und Willy Brandt unterscheiden sich scheinbar nur in der L├Ąnge. Tats├Ąchlich sind beide ein und dieselbe Person. Der ber├╝hmte „Kniefall-Kanzler“ hat seinen b├╝rgerlichen Namen abgelegt. Der Name des von vielen verehrten Staatsmannes ist ein Pseudonym. Immer weniger Menschen kennen seinen echten Namen.

Namen sind Geschichte – doch welche?

Namen stehen f├╝r Geschichte. Namen stehen f├╝r Schicksale. Nomen est omen. Namen bedeuten etwas. In der Erinnerung, in der Verbindung, die man kn├╝pft. Namen sind Emotionen. Namen sind Geschichte. Niemand von uns kannte C├Ąsar, aber alle wissen irgendwie, „wer das ist“.

Ein Zentraler Busbahnhof ist ein Ort des Kommens und Gehens. Der Ankunft und des Abschieds. Der Trennung und der Zusammenkunft. Aber auch der Routine des Fahrplans und der Verl├Ąsslichkeit.

Wenn ein Name gew├Ąhlt worden ist, wird es schwer sein, einen anderen zu w├Ąhlen. Willy Brandt kannte dieses Schicksal. „Herbert-Ernst-Karl-Frahm-aka-Willy-Brandt-Platz“ (aka steht f├╝r also known as) ist noch sperriger als sperrig. Und Willy Brandt ist sehr oft in diesem Land schon geehrt worden. Und das ist gut so.

Gute Ideen m├╝ssen nicht immer „gro├č“ sein

Der Vorschlag von Weinheim Plus, den Ort Nelson-Mandela-Platz zu nennen, ist als Idee gut. Ein gro├čer Mann auf einer gro├čen Reise mit vielen, unglaublichen Hindernissen. Aber kommt das der Bedeutung eines Zentralen Omnibusbahnhofs nahe? Eher nicht. M├╝ssen zentrale Pl├Ątze immer „gro├če“ Namen tragen? Oder geht es auch bescheidener als Prinzip?

Der Vorschlag der Jungen Union, den Platz nach dem Stadtbrandmeister Dietrich Neitzel (1933-2011) zu nennen, hat gro├čen Charme. Neitzel war ein Zugereister. Einer, der angekommen ist. Ungewiss, was ihn erwartet und sich um Weinheim und seine Menschen verdient gemacht hat.

Kein ber├╝hmter Mann, aber einer, der vor Ort Geschichte mit gestaltet hat. So wie die allermeisten in der Feuerwehr, die mit ihrem Einsatz f├╝r andere Menschen einsetzen. Im Kommen und Gehen.

Neitzel ist ein Name f├╝r ehrenvollen Einsatz

Herr Neitzel steht nicht f├╝r die gro├čen Ver├Ąnderungen. Nicht f├╝r Parteipolitik. Sondern f├╝r jemanden, der sich eingesetzt hat. Sein Leben zu meistern und anderen zu helfen. Das ist ein ganz gro├čartiger Verdienst. Das ist vorbildlich.

Bei der Online-Umfrage der Weinheimer Nachrichten hat der Name keine Chance. Der „Zwei-Burgen-Stadt-Platz“ liegt vorne. Nun, eine Online-Umfrage auf diesem Niveau hat keine Aussage. Sie ist extrem manipulierbar.

Es geht auch nicht um 70 Facebook-Kommentare, ├╝ber die sich der WN-Redakteur Carsten Propp beeindruckt ausl├Ąsst – schon gar nicht ├╝ber „am├╝sante“. Es geht um einen Namen, der auf einem Schild steht, der eine Adresse ist und mit dem man die Chance hat, etwas zu verbinden. Deswegen ist diese Namensfindung kein Am├╝sement, kein Scherz und sicher nicht geeignet, irgendeine Wahl per manipulierbarer „Online-Abstimmung“ zu treffen. Denn der ZOB ist ein Ort, an dem Menschen ankommen und gehen. Er ist ein Ort der Menschen auf eine Reise.

Die Junge Union hat sich wie Weinheim Plus Gedanken gemacht. Die SPD auch. Die anderen Fraktionen sind aufgerufen, dass auch zu tun und es ist toll, wenn die B├╝rger/innen sich auch einbringen.

Zentraler Platz – was ist „zentral“ f├╝r Weinheim?

Ein Willy-Brandt-Platz oder ein Nelson-Mandela-Platz wird niemanden ├╝berraschen und beide Namen haben nichts mit Weinheim zu tun. Und auch ein „Zwei-Burgen-Platz“ hat angesichts der „Geschichte“ dieser Burgen nur bedingt mit Weinheim zu tun und ist sicher kein Zeichen f├╝r den „Spirit“ dieser Stadt. Au├čer, man glaubt, Weinheim trage eine tiefe „Burgen-Mentalit├Ąt“ in sich. Aber das Mittelalter ist hoffentlich ├╝berwunden wie auch hoffentlich bald eine Anerkennung f├╝r Leute, die sich mit voller Absicht einen S├Ąbel ins Gesicht zu schlagen versuchen.

Herr Neitzel hat keinen ber├╝hmten Namen. Aber einen, der zur Geschichte Weinheims geh├Ârt und diese mitgestaltet hat. Und auf viele Weinheimer B├╝rger hinweist, die sich fr├╝her wie heute f├╝r die Gemeinschaft einbringen. Damit ist dieser Name ein ganz au├čerordentlich hervorragender Vorschlag. ├ťberparteilich, ├╝berideologisch. Ein Name, der ehrenamtliches Engagement symbolisiert. Gemeinschaft. Aufnahme. Anerkennung f├╝r pers├Ânliche Leistungen.

Manchmal ist es ganz einfach, eine gute Wahl zu ergreifen. Sofern nichts Negatives ├╝ber Herrn Neitzel bekannt werden sollte, finde ich, dass „Dietrich-Neitzel-Platz (ZOB)“ ein ganz au├čerordentlich tauglicher Name f├╝r einen Platz ist, an dem Menschen auf die Reise gehen. Egal, wie kurz oder lang diese sein sollte.

  • Robin Dietrich

    Vielen Dank f├╝r diesen Artikel. Wollen wir mal hoffen, dass er m├Âglichst viel Geh├Âr findet!

  • Sven B.

    Ich finde diesen Beitrag wirklich sehr klasse! Auch dass das
    Thema „Zwei-Burgen-Platz“ aufgenommen wurde. Mittlerweile scheint
    Weinheim nur noch dieses Image zu kennen. Und das ist schade. Der Name ist
    einfach ausgelutscht. Mit dem „Dietrich-Neitzel-Platz (ZOB)“ w├╝rde es
    vermutlich auch eine st├Ąrke Verbindung der B├╝rger zu Feuerwehr geben.

  • Werner Pieper

    Hallo!

    Ich las in der RNZ, da├č der neue Bahnhofsplatz einen Namen sucht und da dr├Ąngt sich mir nat├╝rlich jener des legend├Ąren wie verdienstvollen Weinheimer Forstmeisters Wilhelm Fabricius auf.

    Ich komme jedoch erst jetzt dazu, Ihnen diesen Vorschlag zu senden, da ich zwischenzeitlich wg.einem Herzinfarkt in der Klinik Heppenheim behandelt und nun in der Reha in Bad Orb bin.

    Zur Erinnerung: ich habe mehrere regionale Heimatkunde-B├╝cher verfa├čt, z.B. ‚Der Rote Turm zu Weineim‘ (dessen MIeter ich auch gute 15 Jahre war), und bin seit langem Abonnent der RNZ. B├╝rgermeister Fetzner hat inzwischen best├Ątigt, da├č die Stadt diesen Vorschlag mit in ihre Erw├Ągungen der Platz-Benennung einbezieht.

    Das Wirken von Wilhelm Fabricius in den Weinheimer W├Ąldern, vor allem auch dem Exotenwald, seine Lagerfeuer-Erz├Ąhlabende im Scho├čpark … seine einzigartigen Holz-Ritzbildern, die noch in vielen Weinheimer Haushalten zu sehen sind … und nicht zuletzt sein grandioser Einfall in den ’20ern, den Marktplatz mit Japanischen Schleierakazien zu bepflanzen, den einzigen B├Ąumen, die zur Kerwezeit bl├╝hen … hat vielen B├╝rgern der Stadt ├╝ber Jahrzehnte hin gro├če Freude(n) bereitet … und wird das beim j├Ąhrlichen Bl├╝tensegen am Marktplatz (bis auf die Wirte, die ihre G├Ąste mit Schirmen vor den Bl├╝hten ‚besch├╝tzen m├╝ssen’…) auch k├╝nftig tun.

    Wilhelms Toleranz in den 70ern uns ‚Hippies‘ gegen├╝ber war ├Ąu├čerst bemerkenswert (er ertappte uns wiederholt beim Frisbee-Spielen auf dem Rasen des Schlo├čparkes). Unvergessen seine Reaktion, als ich von der jungen TAZ damals als ‚Nazi‘ diffamiert wurde, weil ich sein B├╝chlein ‚Geister und Abergeister‘ in meiner Reihe Der Gr├╝ne Zweig aufgelegt hatte. „Alle gr├╝nen Zweige wachsen auf braunen ├ästen“. Die TAZ’ler fanden das damals nicht so lustig … aber es dauerte nur wenige Jahre, bis ich dort (unter verschiedenen Namen) jahrelang mehrere Kolumnen schrieb …

    Wilhelm war der erste ├Ąltere Herr den ich traf, der sich daran erinnern konnte, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein und bereit war, dar├╝ber zu reden ÔÇô alle andern hatten dies verdr├Ąngt. Er h├Ątte nur die damalige Terminologie nutzen m├╝ssen, von wegen „Ich machte mich auf den Weg durch die Institutionen“, mit der sich die Kollegen Joschka Fischer u.a. aus ihrer Szene entwickelten.

    Als Bahnfahrer und fast t├Ąglicher Besucher der Bahnhofsbuchhandlung (die f├╝r mich netterweise immer The Guardian unterm Ladentisch reservieren), w├╝rde mir ein Wilhelm Fabricius Platz immer wieder ein wahrhaft Weinheimer L├Ącheln ins Gesicht zaubern.

    Zugegegen zur Weinheimer Feuerwehr habe ich kein wirkliches Verh├Ąltnis. So sagt mir der von der JU genannte Herr nichts. Ich erinnere mich nur an jenen Feuerwehrchef, der vor Jahren daf├╝r sorgte, da├č im Roten Turm keine Veranstaltungen mehr stattfinden d├╝rfen. Noch beute bin ich verbl├╝fft ob seiner Entdeckung, da├č es in dem Geb├Ąude, das jahrhunderte lang der Kerker der Stadt war, keinen Fluchtweg g├Ąbe.

    Gr├╝├če von hinterm Berg

    Werner Pieper

  • Anana Nagorny

    das sind aufschlussreiche und nette ├ťberlegungen f├╝r ein solches Unterfangen, was bekannterma├čen auch mal schief gehen kann. Man darf gespannt sein.