Samstag, 18. August 2018

Debatte um ZOB-Namensfindung

Namen sind Andenken

Print Friendly, PDF & Email

Weinheim, 22. Januar 2014. (red/pro) Welchen Namen soll der neue Platz des Zentralen Omnibusbahnhofs (ZOB) tragen? Ist das eine Frage, die hinter wichtigeren zur├╝ckbleibt, wie die Weinheimer Nachrichten meinen? Oder eine, die man per Online-Umfrage kl├Ąren sollte? Oder eine, die vielleicht wichtiger ist, als mancher denkt? Ein Essay.

Von Hardy Prothmann

Wenn jemand vorgeschlagen h├Ątte, den Platz „Herbert-Ernst-Karl-Frahm-Platz“ zu nennen, h├Ątte es wahrscheinlich viele Einw├Ąnde gegeben, dass der Name „zu sperrig“ sei. „Willy Brandt“ ist da viel knackiger.

Herbert Ernst Karl Frahm und Willy Brandt unterscheiden sich scheinbar nur in der L├Ąnge. Tats├Ąchlich sind beide ein und dieselbe Person. Der ber├╝hmte „Kniefall-Kanzler“ hat seinen b├╝rgerlichen Namen abgelegt. Der Name des von vielen verehrten Staatsmannes ist ein Pseudonym. Immer weniger Menschen kennen seinen echten Namen.

Namen sind Geschichte – doch welche?

Namen stehen f├╝r Geschichte. Namen stehen f├╝r Schicksale. Nomen est omen. Namen bedeuten etwas. In der Erinnerung, in der Verbindung, die man kn├╝pft. Namen sind Emotionen. Namen sind Geschichte. Niemand von uns kannte C├Ąsar, aber alle wissen irgendwie, „wer das ist“.

Ein Zentraler Busbahnhof ist ein Ort des Kommens und Gehens. Der Ankunft und des Abschieds. Der Trennung und der Zusammenkunft. Aber auch der Routine des Fahrplans und der Verl├Ąsslichkeit.

Wenn ein Name gew├Ąhlt worden ist, wird es schwer sein, einen anderen zu w├Ąhlen. Willy Brandt kannte dieses Schicksal. „Herbert-Ernst-Karl-Frahm-aka-Willy-Brandt-Platz“ (aka steht f├╝r also known as) ist noch sperriger als sperrig. Und Willy Brandt ist sehr oft in diesem Land schon geehrt worden. Und das ist gut so.

Gute Ideen m├╝ssen nicht immer „gro├č“ sein

Der Vorschlag von Weinheim Plus, den Ort Nelson-Mandela-Platz zu nennen, ist als Idee gut. Ein gro├čer Mann auf einer gro├čen Reise mit vielen, unglaublichen Hindernissen. Aber kommt das der Bedeutung eines Zentralen Omnibusbahnhofs nahe? Eher nicht. M├╝ssen zentrale Pl├Ątze immer „gro├če“ Namen tragen? Oder geht es auch bescheidener als Prinzip?

Der Vorschlag der Jungen Union, den Platz nach dem Stadtbrandmeister Dietrich Neitzel (1933-2011) zu nennen, hat gro├čen Charme. Neitzel war ein Zugereister. Einer, der angekommen ist. Ungewiss, was ihn erwartet und sich um Weinheim und seine Menschen verdient gemacht hat.

Kein ber├╝hmter Mann, aber einer, der vor Ort Geschichte mit gestaltet hat. So wie die allermeisten in der Feuerwehr, die mit ihrem Einsatz f├╝r andere Menschen einsetzen. Im Kommen und Gehen.

Neitzel ist ein Name f├╝r ehrenvollen Einsatz

Herr Neitzel steht nicht f├╝r die gro├čen Ver├Ąnderungen. Nicht f├╝r Parteipolitik. Sondern f├╝r jemanden, der sich eingesetzt hat. Sein Leben zu meistern und anderen zu helfen. Das ist ein ganz gro├čartiger Verdienst. Das ist vorbildlich.

Bei der Online-Umfrage der Weinheimer Nachrichten hat der Name keine Chance. Der „Zwei-Burgen-Stadt-Platz“ liegt vorne. Nun, eine Online-Umfrage auf diesem Niveau hat keine Aussage. Sie ist extrem manipulierbar.

Es geht auch nicht um 70 Facebook-Kommentare, ├╝ber die sich der WN-Redakteur Carsten Propp beeindruckt ausl├Ąsst – schon gar nicht ├╝ber „am├╝sante“. Es geht um einen Namen, der auf einem Schild steht, der eine Adresse ist und mit dem man die Chance hat, etwas zu verbinden. Deswegen ist diese Namensfindung kein Am├╝sement, kein Scherz und sicher nicht geeignet, irgendeine Wahl per manipulierbarer „Online-Abstimmung“ zu treffen. Denn der ZOB ist ein Ort, an dem Menschen ankommen und gehen. Er ist ein Ort der Menschen auf eine Reise.

Die Junge Union hat sich wie Weinheim Plus Gedanken gemacht. Die SPD auch. Die anderen Fraktionen sind aufgerufen, dass auch zu tun und es ist toll, wenn die B├╝rger/innen sich auch einbringen.

Zentraler Platz – was ist „zentral“ f├╝r Weinheim?

Ein Willy-Brandt-Platz oder ein Nelson-Mandela-Platz wird niemanden ├╝berraschen und beide Namen haben nichts mit Weinheim zu tun. Und auch ein „Zwei-Burgen-Platz“ hat angesichts der „Geschichte“ dieser Burgen nur bedingt mit Weinheim zu tun und ist sicher kein Zeichen f├╝r den „Spirit“ dieser Stadt. Au├čer, man glaubt, Weinheim trage eine tiefe „Burgen-Mentalit├Ąt“ in sich. Aber das Mittelalter ist hoffentlich ├╝berwunden wie auch hoffentlich bald eine Anerkennung f├╝r Leute, die sich mit voller Absicht einen S├Ąbel ins Gesicht zu schlagen versuchen.

Herr Neitzel hat keinen ber├╝hmten Namen. Aber einen, der zur Geschichte Weinheims geh├Ârt und diese mitgestaltet hat. Und auf viele Weinheimer B├╝rger hinweist, die sich fr├╝her wie heute f├╝r die Gemeinschaft einbringen. Damit ist dieser Name ein ganz au├čerordentlich hervorragender Vorschlag. ├ťberparteilich, ├╝berideologisch. Ein Name, der ehrenamtliches Engagement symbolisiert. Gemeinschaft. Aufnahme. Anerkennung f├╝r pers├Ânliche Leistungen.

Manchmal ist es ganz einfach, eine gute Wahl zu ergreifen. Sofern nichts Negatives ├╝ber Herrn Neitzel bekannt werden sollte, finde ich, dass „Dietrich-Neitzel-Platz (ZOB)“ ein ganz au├čerordentlich tauglicher Name f├╝r einen Platz ist, an dem Menschen auf die Reise gehen. Egal, wie kurz oder lang diese sein sollte.