Mittwoch, 23. Mai 2018

Kommentar zur Standortsuche für eine weitere Asylunterkunft

Schämt Euch!

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Weinheim/Rhein-Neckar, 23. September 2014. (red/pro) Die ablehnende Haltung von manchen gegenüber Asylbewerbern ist ein Schande. Punkt. Sicher: Sorgen muss man ernst nehmen, aber nicht die immergleichen reflexhaften Unterstellungen. Städte und Gemeinden und ihre Bürger/innen sind in der Pflicht, fremden Menschen auf der Flucht Schutz zu bieten.

Von Hardy Prothmann

Eine grundsätzliche Forderung der Bürgerinitiative Weinheim-West ist, dass man „erwartet in Entscheidungsprozesse einbezogen zu werden“. Das klingt so, als sei dies nicht der Fall und das ist absurd.

Der Start zur geplanten Flüchtlingsunterbringung kann als vollkommen verunglückt gelten. Landrat und Oberbürgermeister setzten damals die Öffentlichkeit in Kenntnis, dass man 200 Flüchtlinge an der Heppenheimer Straße unterbringen wolle. Auch hier kam der zu erwartende reflexhafte Protest mit unschönen Untertönen in Sachen Kriminalität und Werteverfall der Immobilien, Störung der Gemeinschaft und so weiter.

Dann hat die dortige BI aber schnell eine andere Haltung eingenommen – sicher auch, weil sich die Verwaltung bewegt hat und endlich auf die Menschen zugegangen ist. Aus dem anfänglichen Fehler hat man gelernt und informiert nun umfassend und bezieht auch die Bürger/innen in hohem Maße mit ein.

Das setzt aber voraus, dass sich die Bürger/innen auch einbeziehen wollen. Wer ernsthaft argumentiert, das „ökologische Gleichgewicht“ an der Theodor-Heuss-Straße müsse erhalten bleiben und dabei Obstplantagen anführt, den kann man nicht mehr ernst nehmen. Ebensowenig Leute wie Hans-Peter Egger, die Beteiligung fordern und diese dann als “Alibi-Veranstaltungen” abwerten: “Ich weiß gar nicht, was das heute bringen soll.”

Ganz ehrlich, Herr Egger: Bleiben Sie zu Hause und stören Sie nicht das Bemühen von anderen, eine möglichst verträgliche Lösung zu suchen.

Was Herr Egger nicht versteht, nicht verstehen will, ist: Es gibt ein Recht auf Asyl. Die Menschen müssen untergebracht werden. Und riesige Sammellager auf der grünen Wiese hatten wir schon – die sorgen für viel Ärger und keine Integration. Ganz klar können sich Bürger/innen einbringen und die, die das positiv machen, erreichen in aller Regel wesentliche Verbesserungen für alle, die Anwohner und die Asylbewerber.

Wer sich verweigert oder auf seinen fremdenfeindlichen Ressentiments sitzen bleibt, wird keinen positiven Beitrag leisten, sondern nur bremsen und im schlechtesten Fall die Leistung von anderen beschädigen. Solche Leute braucht Weinheim nicht. Denen kann man nur zurufen: Schämt Euch!

Wer sich angesichts der fürchterlichen Zustände in Ländern wie Syrien oder dem Nord-Irak weigert, Menschen auf der Flucht zu helfen, ist eins: Ein herzloser Unmensch. Deutschland hat auch in Sachen Flüchtlingshilfe eine historische Schuld, die nicht nur gegenüber Juden besteht. Millionen Deutsche haben Asyl in anderen Ländern erhalten und häufig damit ihr Leben retten können.

Wir reden aktuell über 100.000 Flüchtlinge, die dieses Jahr nach Deutschland kommen – das sind deutlich gestiegene Zahlen, aber gegenüber den frühen 90-er Jahren nur ein Viertel der Menschen, die Deutschland schon damals aufgenommen hat. In der Türkei sind es aktuell rund eine Million Flüchtlinge – das Land ist extrem belastet, ebenso andere wie Jordanien, wo es nicht ansatzweise einen vergleichbaren Wohlstand und eine vergleichbare Infrastruktur wie bei uns gibt.

Und Deutschland braucht Zuwanderung – dringend. Ohne Zuwanderung auch durch ein Viertel der anerkannten Asylbewerber werden wir hier nämlich massivste Probleme bekommen und unsere Infrastruktur wird enorm leiden. Wann geht das Mal in die verbohrten Köpfe rein? Ohne Zuwanderung gibt es immer weniger Zahlungen in die Renten- und Sozialsysteme. Dann werden die Renten kleiner und Leistungen abgeschafft. Ganz sicher retten Einwanderer und Asylsuchende nicht die deutsche Volkswirtschaft alleine – aber sie tragen einen wichtigen Teil dazu bei.

Die Fakten sind: Es gibt keine gesteigerte Kriminalität durch Asylbewerber. Die Stadt profitiert durch Pachteinnahmen und Zuweisungen durch den Finanzausgleich und einen Zuwachs an Kaufkraft. Ganz praktisch. Dem stehen Kosten für Schulkinder gegenüber. Erst wenn Asyl gewährt oder eine Duldung ausgesprochen wird, wechseln die „Neubürger“ von der Trägerschaft vom Kreis auf die Stadt über. Fakt ist auch: Diese Menschen wollen sich und ihre Familien schnell integrieren und sich ein neues Leben aufbauen.

Dafür brauchen Sie eine Hand, die sie empfängt und keinen Finger, der mit schlechten Gedanken auf sie zeigt.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.