Dienstag, 24. Oktober 2017

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Umzug kostet etwas mehr als eine halbe Millionen Euro

STM in den Räumen der Gewerkschaft

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Weinheim, 26. November 2014. (red/ms) Das Stadt- und Tourismusmarketing (STM) wird ins Alte Rathaus am Marktplatz umziehen. Das bedeutet Kosten in Höhe von etwa 515.000 Euro in den nächsten zwei Jahren und dass die Gewerkschaft IG BCE dort ausziehen muss. Lohnt sich das? 

Von Minh Schredle

Bereits im November 2013 hat der Gemeinderat grundsätzlich dem Umzug des Stadt- und Tourismusmarketings (STM) von der Hauptstraße 49 in das Alte Rathaus am Marktplatz zugestimmt.

Die Verwaltung schlug vor, das STM unter der Adresse Marktplatz 1-3 im Erdgeschoss unterzubringen, was das aus für die dort untergebrachte Altstadtgalerie bedeutet hätte. Doch der Ausschuss für Technik und Umwelt sprach sich dagegen aus und entschied einstimmig, dass das Ladengeschäft erhalten erhalten bleiben solle. Die Verwaltung wurde mit einer Alternativplanung beauftragt.

STM in den Räumlichkeiten der Gewerkschaft

In diesem Rahmen wurde der Vorschlag unterbreitet, auch die bislang vermieteten Flächen im Obergeschoss der Adresse Marktplatz 1, also die Räumlichkeiten der Psychologischen Beratungsstelle und die Büros der Gewerkschaft IG BCE in die Planung mit einzubeziehen.

Im zweiten Vorschlag der Verwaltung sollte der zusätzliche Raumbedarf des STM durch die bisherigen Räumlichkeiten der Gewerkschaft zu decken, denen in diesem Fall das Mietverhältnis zu kündigen sei.

Präsentation des STM

Maria Zimmermann, die Geschäftsführerin des STM, und Bertram Trauth, stellvertretender Geschäftsführer, waren in der Gemeinderatsitzung anwesend und hielten eine Präsentation, die eigentlich nicht auf der Tagesordnung vorgesehen war und länger als eine halbe Stunde dauerte.

 

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Sieht so eine professionelle Präsentation aus? Folie 9 von 26. Foto: Aus der Präsentation des STM.

 

Sie erklärten, die derzeitige Lage sei unbefriedigend, außerdem gebe es „räumliche Defizite“. Am aktuellen Standort verfüge man über 100 Quadratmeter Büroflächen und 60 Quadratmeter Lagerflächen.

Die 170 Quadratmeter im Erdgeschoss des Marktplatz 1 seien nicht ausreichend. Man brauche ein Büro für die Geschäftsführung, eine Teeküche und einen separaten Besprechungsraum für zehn bis zwölf Personen. Aktuell gibt es beim STM vier Teilzeit- und eine Vollzeitkraft. Ist das also wirklich notwendig?

Maßlose Übertrebung

Neben ihrem Bedarf stellten Frau Zimmermann und Herr Trauth auch ihre Ziele und Visionen vor – und schreckten nicht davor zurück zu übertreiben. Man wolle den Einzelhandel in Weinheim besser koordinieren und „eine Marke Weinheim schaffen“. Herrn Trauth bewegte das zu der Aussage:

Weinheim wie aus einem Guss – davon träume ich nachts.

Ein anderer interessanter Punkt: Frau Zimmermann sprach von Visionen für Weinheim im Jahr 2020. Eine davon:

Weinheim wird die Einkaufsstadt Nummer eins in der Region. 

Das ist freundlich ausgedrückt absurd, um nicht zu sagen vollkommen realitätsfremd. Es gibt nichts dagegen einzuwenden, Träume zu haben. Aber solche Aussagen sind lächerlich.

 

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Ja, es steht wirklich da: „Weinheim: das Einkaufsziel Nr. 1 in der Region“. Foto: Aus der Präsentation des STM.

 

Ob Vorträge gefallen oder nicht, ist sicher eine subjektive Frage. Auf mich wirkte die Präsentation in hohem Maße unprofessionell und ich musste mich fragen, ob das STM bei den beiden in den richtigen Händen ist. Denn ich empfand die Eigenwerbung eher als abschreckend – aber wie gesagt: Geschmacksache. Der Gemeinderat beurteilte die Arbeit des STM in den vergangen Jahren überwiegend als gut, teilweise sogar hervorragend.

„Wir werden an der Nase herumgeführt“

Dr. Elke König (Weinheimer Liste) sprach davon, dass dieser überraschende Vortrag bei einer so gedrängten Tagesordnung gar nicht nötig gewesen wäre. Außerdem sagte sie:

Erst wurde ein Platzbedarf von 124 Quadratmetern angemeldet, jetzt sollen die 170 Quadratmeter im Erdgeschoss nicht reichen und man braucht die zusätzlichen 65 Quadratmeter im Obergeschoss? Ich habe das Gefühl, wir werden hier an der Nase herumgeführt.

Auch für Carsten Labudda, Stadtrat Die Linke, sei „die Entwicklung des Raumbedarfs nur schwierig nachzuvollziehen“. Außerdem sprach er an, dass er kein Verständnis für den neuen Vorschlag der Verwaltung habe, den erweiterten Raumbedarf des STM dadurch zu decken, dass man die „Gewerkschaft rausschmeißen“ wolle:

Das kann ich nicht verantworten. Die Gewerkschaft ist seit Jahrzehnten in diesem Gebäude und so mit ihr umzugehen, ist eine Frechheit. 

Doch die Mehrheit des Gemeinderats stimmte für den Antrag der Verwaltung – obwohl es offenbar noch großen Diskussionsbedarf gab: Elisabeth Kramer, die Fraktionsvorsitzende der GAL, sagte, man müsse vieles noch einmal überdenken und überlegen, ob man wirklich schon die bestmöglichen Lösungskonzepte gefunden habe.

Hastige Entscheidung

Der Oberbürgermeister drängte darauf, eine Entscheidung zu treffen. Man habe einen Zuschuss beantragt und den könne „man gerade vergessen, wenn nicht bald etwas beschlossen“ würde. Schließlich entschied sich der Gemeinderat, wenngleich das etwas überhastet wirkte.

Zum Antrag der Verwaltung gab es sechs Gegenstimmen, inklusive der des Oberbürgermeisters, der die neuen Räumlichkeiten lieber in der Altstadtgalerie gesehen hätte. Hier werden im kommenden Jahr die aktuellen Mietverträge auslaufen und werden neu festgesetzt werden müssen.

Was wird aus der Gewerkschaft?

Bislang werden neun Euro pro Quadratmeter gezahlt. Üblich sind am Marktplatz Preise von bis zu 20 Euro pro Quadratmeter – ob sich die Altsadtgalerie dermaßen hohe Mietkosten leisten könnte, ist fraglich. Gerhard Mackert, Fraktionsvorsitzender Freie Wähler, sagte dazu:

Wenn der neue Mietvertrag nicht abgeschlossen wird, waren alle Bemühungen bis hier hin hinfällig und die Gewerkschaft müsste umsonst umziehen.

Helmut Schmitt, der Ortsvorsitzende der IG BCE in Weinheim, war in der Gemeinderatsitzung anwesend und nahm Stellung:

Das ist wirklich unschön abgelaufen. Erst vor vier Wochen hat man uns mitgeteilt, dass wir womöglich ausziehen müssen. Ich bin enttäuscht über die Entscheidung. Wir sind seit über 60 Jahren an diesem Standort und 2.500 Weinheimer sind in der Gewerkschaft vertreten. Wo sollen wir hin? Wo bekommen wir so günstige Mieten? Wir erwirtschaften keine Gewinne. Das könnte unser Aus in Weinheim bedeuten.

Oberbürgermeister Heiner Bernhard entgegnete:

Ich war gegen diese Entscheidung und wollte das STM in den Räumlichkeiten der Altstadtgalerie unterbringen. Die Verwaltung wollte euch nicht rausschmeißen. Das ist eine Entscheidung der Fraktionen. Und wir haben euch nicht vorher Bescheid gesagt, weil die Planung eben nicht viel älter als vier Wochen ist. Wir kamen auch hier dem Willen des Gemeinderats nach. 

Die Finanzierung des Umzugs wird die Stadt wohl etwa 515.000 Euro kosten und ist für die kommenden beiden Jahre geplant. Hinzukommt ein jährlicher Zuschuss in Höhe von gut 225.000 Euro für die Miet- und Personalkosten des STM. Das sind also etwa eine Millionen Euro in den nächsten zwei Jahren – da sollte man etwas erwarten dürfen.

Laut eigenen Angaben schwanken die Besucherzahlen im STM pro Tag zwischen zehn und fünfzig Personen. Mit dem neuen Standort wolle man eine deutliche Steigerung erreichen, sagte Frau Zimmermann.

Rausgeschmissenes Geld?

Es sei außerdem geplant, um eine Vollzeitkraft aufzustocken. Dann werden insgesamt fünf Personen beim STM beschäftigt sein. Reicht das aus, um sich gut nach außen hin zu vermarkten? Oder gar, um zur „Einkaufsstadt Nummer eins“ zu werden? In diesem Fall wären die hohen Investitionen sicher lohnenswert.

Aber um realistisch zu bleiben: Man sollte sehr genau beobachten, wie sich das STM entwickelt und welche Leistungen tatsächlich erreicht werden.

Über Minh Schredle

Minh Schredle (22) hat 2013 als Praktikant bei uns angefangen und war seitdem freier Mitarbeiter. Von Dezember 2014 bis August 2016 hat er volontiert. Ab September 2016 ist er freier Mitarbeiter bei uns.