Freitag, 23. August 2019

Geprothmannt: Mal ein wenig Tacheles zur Kommunalpolitik

Wenn Hopfen und Malz verloren sind – der Biergarten als Metapher

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Weinheim, 26. April 2014. (red) Angeblich reden alle ĂŒber einen Biergarten am Blauen Hut. Die GrĂŒnen und Weinheim Plus haben Vorbehalte und sind eigentlich dagegen. Die CDU – oder zumindest einzelne Personen – ist dafĂŒr, von der SPD, den Freien WĂ€hlern hört man wenig, auch von Die Linke. Die Stadt, also OberbĂŒrgermeister Heiner Bernhard, will den Biergarten gerne haben. Seine Chefsache ist aber keine mehr. Und die Zeitung vor Ort pusht ein Thema, das eines ist, nur nicht in der Art, wie es gepusht wird. Aber eigentlich geht es doch um was ganz Anderes.

Kommentar: Hardy Prothmann

Ganz ehrlich? Ich mag den Hoiner. Persönlich ist der OberbĂŒrgermeister ein sympathischer Typ mit großem Unterhaltungsfaktor. Ob er mich auch mag, weiß ich nicht so genau. Wahrscheinlich mal so, mal so. Er strahlt zwar, wenn er mich sieht und feixt, wie man ihn kennt. Aber wenn er mich in den Arm nimmt oder mir ins Genick greift, habe ich manchmal das GefĂŒhl, dass er mir klar machen möchte, wer der Boss ist.

Vielleicht sollte ich mal dringend mit dem Hoiner ein Bier trinken gehen. Gerne in einem Biergarten. Dann könnte ich ihm erklÀren, wie ich so die Dinge sehe. Das mache ich zwar stÀndig als Reporter, aber vielleicht wÀre das von Mann zu Mann mal besser.

Kumpelei

Was der OberbĂŒrgermeister nicht versteht: Ich bin nicht sein Kumpel und ich werde das auch nicht werden. Er ist OberbĂŒrgermeister, ich bin Journalist. Er ist Amtsinhaber und ich bin einer, der guckt, wie er das Amt ausfĂŒllt.

Und ich bin sozusagen sein bester Freund, weil ich ihm ehrlich sage, was ich denke. Hoiner, Du hast es schon wieder vergeigt, möchte ich ihm in Sachen Biergarten zurufen. Nicht um ihn zu maßregeln oder zu strafen, sondern weil er mir echt leid tut. Er kapiert irgendwas nicht. Und da hab ich einfach Mitleid, weil er ja eigentlich ein glorer Kerl ist, dem aber die Glorie zunehmend fehlt.

Seit Ende 2010 gibt es das Weinheimblog.de, also noch nicht mal 3,5 Jahre. Wir mĂŒssen viel lernen und Weinheim ist echt anstrengend, weil es hier drunter und drĂŒber geht. Wir sind in keinen Netzwerken drin und wollen da auch nicht rein, weil journalistische UnabhĂ€ngigkeit eins unserer Prinzipien ist. Wenn ich mir das Tageszeitungs“kollegen“ anschaue, die in Vereinen den Pressesprecher machen gegenĂŒber der Zeitung, die dann die eigenen Pressemitteilungen veröffentlicht, denke ich nur Aua, Aua, Aua. Aber das muss jeder halten wie er denkt.

Guter, unerhörter Rat

Beim Thema Breitwiesen habe ich den OberbĂŒrgermeister beispielsweise komplett verstanden. Aber auch die Gegenseite. Und den Gemeinderat. Erinnert sich noch jemand an meinen legendĂ€ren Kommentar? Egal wie – der Gemeinderat wird zum Thema Breitwiesen falsch entscheiden. Und so kam’s. Und am Ende hat der Hoiner verloren. Aber nur, weil er nicht geschmeidig war, sondern stur.

Beim Thema Asyl hat er ebenfalls verloren und wird noch mehr verlieren, weil schon heute vollkommen klar ist, dass die anfĂ€nglich 200 Personen sich nicht durchsetzen ließen, es am Ende aber vielleicht sogar noch mehr werden. Dazu werden wir noch berichten.

Das sind „große“ Themen – mittlerweile sind wir im Biergarten angekommen. Und schon wieder verliert der Hoiner. Chefsache sei das. Sein Bereich. Keine Diskussion. Alles klar?

Soviel ist klar. Keine Chefsache, nicht sein Bereich, der Gemeinderat muss entscheiden. Und es gibt Diskussionen. Um gewisse Namen. Ein zentraler Name ist Manfred MĂŒller-Jehle. Der hat den Chef in Sachen Breitwiesen beraten und es vollstĂ€ndig vergeigt. Jetzt könnte der seine Rente genießen, aber nein, er mischelt weiter. Und wer hat den Stress? Lieber Hoiner, wer? Warum tut sich ein OberbĂŒrgermeister das an? Sich stĂ€ndig falsch beraten und einbinden lassen?

Was lÀuft eigentlich warum schief?

Und dann auch noch ein Sozi? Der MĂŒller-Jehle ist CDU, kandidiert sogar fĂŒr den Gemeinderat. Oder ist Sozi und CDU und sonst alles nur ein KlĂŒngel? Alles egal, alles dieselbe Mischpoke?

Mensch, lieber Herr OberbĂŒrgermeister. Merken Sie nicht, dass das alles nicht gut lĂ€uft? Dass da irgendwie gewaltige Fehler im System sind? Seit es das Weinheimblog gibt, ist die Zeitung viel gefĂ€lliger. Und? NĂŒtzt das was?

Mit wurde zugetragen, dass Ihr Presseangestellter Roland Kern meinte, er „hat den Prothmann im Griff“. Haben Sie das geglaubt? Haben Sie sich darauf verlassen? Haben Sie mal drĂŒber nachgedacht, was eine solche Aussage bedeutet? Welches „VerstĂ€ndnis“ von „Demokratie“ und „Gewaltenteilung“ und „Check&Balances“ sich da zeigt und welche AbgrĂŒnde sich auftun? Ist nach ĂŒber drei Jahren und vielen kritischen Artikeln nicht klar, dass „der Prothmann“ und sein Team einfach tun, was sie tun mĂŒssen? Und Herr Kern mal gar nix im Griff hat, sondern eher negativen Einfluss ausĂŒbt und Konflikte produziert?

Ich als Journalist wĂŒrde nie auf die Idee kommen zu sagen, ich hĂ€tte jemand im Griff. Ich nehme die Menschen ernst, ich recherchiere, berichte, ordne ein. Ich weiß sehr genau was meine Rolle ist – die eines Beobachters und Kommentators, aber nie die eines geschmierten RĂ€dchens im System.

Treibereien

Die Zeitung pusht gerade das Thema mit „Visualisierungen“ des Biergartens und der Wiedergabe des Konzepts, wie sich die „Investoren“ das vorstellen. Geht’s noch? MĂŒssen Sie sowas aus der Zeitung erfahren und sich treiben lassen? Oder ist die andere Frage besser: Stecken Sie und Ihr Pressemann Kern dahinter und wollen andere vor sich hertreiben?

Das könnte man fast meinen, denn uns wurden die „Visualisierung“ und das „Konzept“ nicht angeboten. Aus gutem Grund. Denn wir hĂ€tten sofort danach gefragt, woher der Druck kommt, was sich die Investoren einbilden und was eigentlich dagegen spricht, das vernĂŒnftig zu beraten und dann, wenn man das möchte, den Biergarten im nĂ€chsten Jahr zu starten? Gibt es einen wie auch immer gearteten Zeitdruck?

GrĂŒbel. Könnte es sein, dass gewisse Veranstaltungen wie Konzerte im Schlosspark einem Biergarten schnelle GeschĂ€fte versprechen? UmsĂ€tze, die man mitnehmen will? Und wer sind die treibenden KrĂ€fte, die handelnden Personen dahinter? Was haben Sie eigentlich davon, lieber Herr OberbĂŒrgermeister? Nix. Davon gehe ich aus. Aber andere? Welche Namen tauchen immer wieder auf? Haben Sie darĂŒber schon mal nachgedacht?

Weil ich sie – und das ist ganz sicher nicht ironisch gemeint – wirklich gut leiden kann, tut mir das weh, wenn ich mir von außen anschaue, wie Sie immer und immer wieder Fehler machen und PrĂŒgel kassieren. FĂŒr wen? FĂŒr was? Warum?

Warum ist es so schwer bei „heiklen“ Projekten offen und ehrlich zu sein? Um Mitwirkung zu bitten – bevor der Druck kommt?

Heben Sie den Schatz!

Ich habe das schon mal kommentiert: Heben Sie doch den Schatz dieser engagierten Stadtgesellschaft. Beziehen Sie sie mit ein. Nutzen Sie das Potenzial. Beteiligen Sie die BĂŒrger. In Sachen Biergarten wie bei Breitwiesen, bei den Asylbewerbern oder allen Dingen, bei denen klar ist, dass die BĂŒrger mitreden wollen.

Unser neues Angebot hat einen bescheidenen, aber einen zunehmend entscheidenden Einfluss auf die Meinung der Menschen. Wir versuchen nicht Masse, sondern Klasse zu erreichen und – ĂŒberlegen Sie mal, was seit gut drei Jahren irgendwie anders ist – das gelingt auch. Weil wir ehrlichen Journalismus bieten, gute Recherchen und Analysen, ĂŒber die die Menschen nachdenken.

Sie können es natĂŒrlich weiter so machen wie immer, doch dann sind Hopfen und Malz verloren. Als guter Freund der Demokratie stehe ich Ihnen als Journalist bei und helfe immer wieder mit Kritik – denn das heißt unabhĂ€ngige Auseinandersetzung.

In Weinheim haben viele Menschen das GefĂŒhl, dass ĂŒber ihre Köpfe hinweg entschieden wird und dass „KlĂŒngel“ am Werk sind. Sie, lieber Herr Bernhard, Sie als OberbĂŒrgermeister sind entscheidend dafĂŒr verantwortlich, ob das so ist oder ob das so „geglaubt“ wird oder ob man sagt: In Weinheim regiert die Demokratie und der lebendige Austausch zum Wohl der BĂŒrgerinnen und BĂŒrger. WĂ€re das nicht schöner, so in die Geschichte dieser Stadt einzugehen als wenn jemand behauptete, Weinheim sei durchzogen von Seilschaften und KlĂŒngel? Überraschen Sie die Menschen doch mit großer SouverĂ€nitĂ€t, mit Gerechtigkeit und Klarheit.

Und wenn das so ist, lieber Heiner Bernhard, bin ich der beste Kumpel, den Sie sich jemals gewĂŒnscht haben. 😀

Übrigens. Deutsches Bier wird nach dem Reinheitsgebot nach klaren Regeln gebraucht – um höchste QualitĂ€t zu erzeugen. Was fĂŒr deutsches Bier gilt, sollte doch fĂŒr eine deutsche und eine weinheimer Demokratie selbstverstĂ€ndlich sein.

Prost!

P.S. Ich mag Ihnen gerne noch ein Interview empfehlen, dass mit rund 8.000 aktiven Zugriffen und 249 „Likes“ zu den erfolgreichsten Texten in unserer kurzen Berichterstattungszeit zĂ€hlt: „Stadtrat sein ist geil“ mit Carsten Labudda. Herr Labudda gehört zu den StadtrĂ€ten, auf die Sie hĂ€ufig am ungehaltensten reagieren. Warum eigentlich? Er hat ganz wenig klassischen Einfluss als Einzel-Stadtrat, aber er fĂŒhrt das Wort und seine Anliegen gut. Er ist hĂ€ufig sehr gut vorbereitet, engagiert sich in der Debatte und ĂŒberzeugt im Vortrag. Und dafĂŒr bekommt er eine außerordentliche Anerkennung – von tausenden von Leser/innen und wie wir wissen, ĂŒber alle Lager hinweg. Nur von Ihnen bekommt er ganz im Gegensatz zu den Menschen Ablehnung. Mensch, Herr OberbĂŒrgermeister, was hat das nur alles zu bedeuten?

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.