Donnerstag, 16. August 2018

Hippie-Rentner und Vettel-Eltern

Print Friendly, PDF & Email

Mannheim-Spitzklicker-002-20130927(5)

 

Mannheim/Weinheim/Rhein-Neckar, 28. September 2013. (red/ld) Wenn der Gl├╝hbirne ein Liebeslied gesungen wird und der „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki gleich doppelt aus dem Jenseits predigt, dann stecken die Spitzklicker dahinter. Seit 30 Jahren begeistert das Kabarettensemble aus Weinheim ihre Zuschauer – am Freitagabend erstmals im nahezu ausverkauften Mannheimer B├╝rgersaal.

Von Lydia Dartsch

„G├╝nter Grass wollte nicht mitkommen“, wettert die Marcel Reich-Ranicki-Imitation von Franz Kain von der B├╝hne – mit der f├╝r den Literaturkritiker typischen Gestik, Mimik und Sprechweise. F├╝r einen kurzen Moment stockt Einem der Atem, schlie├člich war ist der „Literaturpapst“ erst vor zehn Tagen gestorben. Dann fangen einzelne Zuschauer hier und da doch an zu kichern. Denn schnell wird klar: Dieser Ranicki h├Ąlt sein literarisches Solo aus dem Jenseits ab und ist dabei kein St├╝ck milder geworden, wenn er sich aufregt:

Selbst G├╝nter Grass wollte nicht mitkommen. Dabei ist der doch als Autor l├Ąngst gestorben!

Das Kichern breitet sich im Publikum aus und steigert sich zum Lachen. Als dann noch Ranickis schlechtes Gewissen auftaucht, h├Ąlt die Zuschauer nichts mehr. Sie sind hellauf begeistert von dem f├╝nfk├Âpfigen Ensemble bestehend aus Markus K├Ânig, Markus Weber, Susanne Mauder, Franz Kain und Daniel M├Âllemann.

Sicher haben sich die einen oder anderen auch schon in den Figuren wiegergefunden, die das Ensemble in seiner 30-j├Ąhrigen Geschichte regelrecht auf die Spitze getrieben hat. Da w├Ąren beispielsweise die hyperbesorgten Vororteltern des kleinen Roger: Auf der „Mannemer Mess“ geht es dem Vater darum, dass sein „Bu'“ auf dem Karussell endlich ins Rennauto steigt. Die Mutter sorgt sich um die finanzielle Situation ihrer Nachbarn, weil deren Tochter die falsche Kleidungsmarke tr├Ągt – dabei kann sie sie gar nicht leiden. Roger dagegen ist immer gut angezogen, reitet aber lieber auf Karusselelefanten und f├Ąhrt Feuerwehrauto. Das geht nicht, finden die Eltern und kommandieren:

Geh sofort ins Rennauto! Und mach die Vettelfinger!

Auch zu politischen Themen, wie dem demografischen Wandel und Altersarmut, fallen ihnen Sketche ein: Beispielsweise die „Rock’n’Rollatoren“ – eine Rentnergang, die ihre karge Rente mit Bank├╝berf├Ąllen aufbessert. Oder die beiden Hippie-Eltern, die wieder bei ihrem Sohn eingezogen sind und dort ihre Teenagerzeit wiederholen mit Partys, Pop und Pot. Da wird der Sohn kurzerhand abends ins Kino geschickt – damit die Eltern in Ruhe Party feiern k├Ânnen.

Die mitunter betagten Zuschauer sind jedenfalls restlos begeistert: „Macht weiter so!“ Rufen sie den Schauspielern zu und klatschen begeistert Applaus. Zu Ende ist der Abend aber erst nach drei lohnenden Zugaben, bei denen auch all diejenigen ihr Fett weg bekommen, die bereits nach der ersten gehen, um ihre Jacken zu holen.

Seit 30 Jahren wird spitz verklickert

Gegr├╝ndet haben sich die Spitzklicker im Jahr 1983. Premiere feierten sie mit dem Programm „Die Saat ist aufgegangen“ am 01. M├Ąrz 1984 im Fuchsenkeller auf der Wachenburg. Damals waren das Wolfgang Dobelke, Marlies Hudap, Fritz Kappey, Wolfgang Kunze, Wolfgang Zotz, Herbert Burkhardt, Friedrich Beutel, Hans H├╝bner und Manfred M├╝ller-Jehle. Markus Weber ist der Einzige, der vom Ursprungsensemble noch dabei ist.

Dem ersten Programm folgten weitere wie „Hurra, wir sterben aus“ oder „Die Satten verlassen das sinkende Schiff“. Satirisch und ├╝berspitzt verklickern sie ihren Zuschauern, was gerade in der Gesellschaft passiert: Seien es alleinerziehende V├Ąter mit antiautorit├Ąrer Erziehung oder frustrierte Hausm├Ąnner, die am Erfolg ihrer Alpha-Frauen verzweifeln. Hier findet sich jeder wieder.

i-Phone verloren und was nun? Seit f├╝nf Tagen irrt der hilflose Besitzer durch die Stadt. Wie soll er ohne Return-App sein Hotel finden? Der Polizist kann da nur mit dem Kopf sch├╝tteln.

i-Phone verloren und was nun? Seit f├╝nf Tagen irrt der hilflose Besitzer durch die Stadt. Wie soll er ohne „Return-App“ sein Hotel finden? Er wei├č auf der Parkbank noch nicht einmal, wie das Wetter ist – hat er doch keinen Zugriff auf den Wetterdienst. Der Polizist kann da nur mit dem Kopf sch├╝tteln.

 

Derzeit touren die Spitzklicker mit ihrem Jubil├Ąumsprogramm „30 Jahre spitz verklickert“ durch die Region. Heute Abend stehen sie im B├╝rgerhaus in Unterflockenbach auf der B├╝hne. Morgen abend sind sie in der TV-Halle in F├╝rth.

Ab Dezember sind sie mit ihrem Programm „Aus Ernst wurde Spa├č“ in Weinheim, Heddesheim und Umgebung unterwegs. Die Karten daf├╝r sind aber bereits bis April ausverkauft, hei├čt es auf der Homepage. Mehr Neuigkeiten ├╝ber die Spitzklicker gibt es auch auf deren Facebookseite.

 

Vorsicht vor den "Rock'n'Rollatoren". Die Rentnergang hat eine L├Âsung f├╝r das Problem der Altersarmut.

Vorsicht vor den „Rock’n’Rollatoren“. Die Rentnergang hat eine L├Âsung f├╝r das Problem der Altersarmut.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.