Montag, 23. Juli 2018

Es sieht böse aus mit dem „Journalismus“


Journalismus? Haha. Quelle: Kontext

Rhein-Neckar/Stuttgart, 08. Juni 2011 (red) In Stuttgart erscheint seit ein paar Wochen die kostenlose Zeitung „Kontext„. 200.000 Euro haben private Spender bereit gestellt, um das Projekt mindestens ein Jahr zu finanzieren. Einer der Spender ist Edzard Reuter. FĂŒr Kontext arbeiten „altgediente“ Zeitungsjournalisten. Aktuell rechnet Bruno Bienzle, bis 2007 Lokalchef der Stuttgarter Nachrichten, mit dem „Pressewesen“ ab.

Der Artikel im „Kontext“ ist eigentlich weit weg – in Stuttgart. Aber er ist fĂŒr unsere Region sehr wichtig, weil er ein systematisches Problem beschreibt.

Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt werden ĂŒber Medien transportiert. Soweit die Theorie.

In den klassischen Medien findet zur Zeit ein radikaler Umbruch statt – als Leserin und Leser, als Abonnentin und Abonnent einer Tageszeitung sollten Sie wissen, wie „pannenanfĂ€llig“ das Produkt ist, dass Sie teuer bezahlen.

Journalismus ist nicht „gottgegeben“, sondern basiert auf unserem Grundgesetz. Auf Artikel 5 ĂŒber die Meinungsfreiheit. Professionell betriebener Journalismus ist aber auch ein GeschĂ€ft. Der Journalismus liefert „interessante“ Inhalte – die Werbung nutzt das fĂŒr sich.

Jeder, der ein Zeitungsabo fĂŒr rund 30 Euro im Monat hat, muss das eigentlich wissen. Nachrichten bekommt man ĂŒber die Zeitung nicht „umsonst“. Man zahlt das Abo und wird mit Werbung „zugeballert“ – ganz kostenlos. Scheinbar. Die Verlage halten dafĂŒr aber die Hand auf.

Im Internet sind viele Nachrichten „kostenlos“ – die Frage ist, wie viel diese Nachrichten wert sind. Die Frage ist, wieviel die Menschen bereit sind, fĂŒr solche Nachrichten zu zahlen. SĂ€mtliche Modelle fĂŒr „beliebige“ Nachrichten konnten sich nicht „durchsetzen“.

Die „Nachrichten“, also das lokale Zeitungswesen, sind per Lizenz vor rund 60 Jahren vergeben worden. Die Lizenzverlage haben daraus Traumrenditen erwirtschaften können.

Das Internet bedroht dieses „GeschĂ€ftsmodell“. Denn was frĂŒher nur im „Abo“ erhĂ€ltlich war, gibt es jetzt „for free“.

Unsere Angebote fĂŒr Heddesheim, Hirschberg, Ladenburg, Weinheim, Viernheim und Rhein-Neckar sind frei zugĂ€nglich – mit hohem Einsatz aller Mitarbeiter und zunĂ€chst geringer Erwartung von Einnahmen. Ganz in der Tradition der Marktwirtschaft – wir bieten ein Produkt an und hoffen, dass es gefĂ€llt.

Ob wir es verkaufen können, muss der Markt zeigen. Wie wir es verkaufen können, wissen wir noch nicht. Aber wir hoffen darauf, dass es genug Menschen gibt, die unsere Leistung „honorieren“. Dazu werden wir bald ein Angebot machen.

Der alte Markt gerĂ€t zunehmend unter Druck – die gewohnten Gewinnerwartungen und keineswegs das Ideal eines guten Journalismus geraten unter Druck.

DarĂŒber schreiben „alte Hasen“ in Kontext – und die erfahrenen Journalisten wissen, dass es ernst ist. Mit dem GeschĂ€ft und mit der Meinungsfreiheit.

Wir empfehlen deshalb gerne und dringlich diesen Text.

Herren im Haus

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das rheinneckarblog.de

Gastbeitrag: „Der Presse Freiheit kann auch schmerzhaft sein.“


Guten Tag!

Rhein-Neckar/WĂŒrzburg, 29. MĂ€rz 2011. (Main-Post/red) Die WĂŒrzburger Main-Post leistet sich einen „Leser-Anwalt“. Anton Sahlender, Mitglied der Chefredaktion, nimmt Leserfragen und -beschwerden entgegen, prĂŒft die Inhalte und veröffentlicht im Anschluss die Ergebnisse. Ein vorbildlicher Service, wie wir meinen.

Vorbemerkung: Aktuell geht es um einen BĂŒrgermeister, der seiner gesetzlich festgelegten Auskunftspflicht nicht nachkommt. Die Main-Post hat deshalb sogar eine Klage angestrengt und gewonnen. Die Reaktionen sind „schmerzhaft“ fĂŒr die Zeitung – es werden böse Unterstellungen geĂ€ußert und Abos abbestellt. Nur, weil die Zeitung die Presse- und damit die Meinungsfreiheit verteidigt, gegen einen BĂŒrgermeister, der sich nicht an die Gesetze hĂ€lt und den Artikel 5 Grundgesetz ĂŒber die Meinungsfreiheit und das Presserecht mit FĂŒĂŸen tritt.

"Leseranwalt" Anton Sahlender sorgt fĂŒr Transparenz bei der WĂŒrzburger Main-Post. Quelle: MP

Von Anton Sahlender, Leseranwalt der Main-Post

Der Leseranwalt: Der Presse Freiheit kann auch schmerzhaft sein – fĂŒr Betroffene und fĂŒr Redaktionen

Je nachhaltiger Journalisten ihre Freiheiten nutzen, desto mehr mĂŒssen sie selbst ertragen können. Denn der Presse Freiheit ist auch schmerzhaft. Zuerst fĂŒr Betroffene, dann aber oft auch fĂŒr Redaktionen.

Hier aktuelle Kostproben: Der BĂŒrgermeister einer Kleinstadt wird in der Zeitung hĂ€ufig fĂŒr seine AmtsfĂŒhrung kritisiert. Über einen langen Zeitraum gibt er dazu immer wieder neu Anlass. Er pflegt eine wenig bĂŒrgerfreundliche Geheimhaltung von Amtshandlungen und kommt seiner Auskunftspflicht gegenĂŒber Medien nur unzureichend nach. Das sagt nicht nur die Redaktion, sondern auch das Verwaltungsgericht in einer Entscheidung.

Auskunftpflichten gegenĂŒber Journalisten sind BĂŒrgermeistern und Amtsleitern per Gesetz vorgeschrieben. Medien mĂŒssen in einer Demokratie ungehindert ĂŒber politisches und amtliches Handeln informieren können. In der Kleinstadt ist die Folge der redaktionellen Nachhaltigkeit fĂŒr BĂŒrgers Information nicht nur Lob. Proteste und sogar Abbestellungen sind eingetroffen. Darunter Zuschriften, in denen der Redaktion Menschenjagd und allerlei weitere journalistische TodsĂŒnden vorgeworfen werden. Außerdem schimpft man: Die Zeitung schade der ganzen Stadt.

Ein anderer BĂŒrgermeister wollte letzte Woche verbieten, dass Informationen ĂŒber den Haushalt, die er an Journalisten verkĂŒndete, veröffentlicht werden, bevor der Stadtrat sie beschlossen hat. Diese Zeitung mochte Lesern aber nicht nur vollendete Tatsachen bieten. Sie hat gleich berichtet. Des BĂŒrgermeisters Androhung presserechtlicher Schritte blieb wirkungslos: Denn Redaktionen haben die (Presse-)Freiheit, selbst ĂŒber die Bedeutung einer Nachricht zu entscheiden und somit darĂŒber, wann sie erscheint.

Zu meiner Sammlung von Reaktionen auf die Freiheit, auch Meinungen vielfĂ€ltig zu vertreten, gehört neuerdings diese Klage: „Lesen Sie die Ă€tzenden und abfĂ€lligen Kommentare eines Henry Stern gegen Franz Josef Strauß und alle Nachfolger. Gewollt hĂ€ssliche Bilder unserer Kanzlerin Merkel und bösartige Karikaturen eines Dieter Hanitzsch schlagen in die gleiche Kerbe. Überparteilichkeit stelle ich mir anders vor.“ – Ich ahne das Wie dieser Vorstellung. Überdies war Strauß schon nicht mehr unter uns, als Henry Stern MĂŒnchner Korrespondent wurde.

Das waren Momentaufnahmen, keine Klagen. Journalisten muss man nicht mögen. VerstĂ€ndnis fĂŒr Pressefreiheit in einer Demokratie aber, die muss jeder ertragen können. Mit der Abbestellung einer Zeitung kann man sie jedenfalls nicht abschaffen.“

Anmerkung der Redaktion:
Wir stehen mit Anton Sahlender vor allem ĂŒber Facebook in regelmĂ€ĂŸigem Kontakt und sind in journalistischen Fragen nicht immer einer Meinung ;-).

Aber wir unterstĂŒtzen natĂŒrlich gerne als Berufskollegen aus SolidaritĂ€t die Haltung hinter dieser Veröffentlichung und haben darum gebeten, den Text ĂŒbernehmen zu dĂŒrfen. Herr Sahlender hat dem umgehend zugestimmt.

Wir handeln aber auch nicht ganz uneigennĂŒtzig, sondern im Interesse unserer Leserinnen und Leser, da wir das PhĂ€nomen von auskunftsunwilligen Behörden sehr gut kennen. Der Heddesheimer BĂŒrgermeister Michael Kessler ist so ein „Spezialfall“, der seiner Auskunftspflicht erst nachgekommen ist, nachdem er einen durch uns veranlassten „freundlichen Hinweis“ erhalten hat. Bis heute versucht er weiterhin unsere Arbeit mit allen möglichen Mitten zu behindern.

UnterstĂŒtzt wird er dabei vom Mannheimer Morgen – einer Zeitung der SolidaritĂ€t unter Journalisten nichts gilt. Ganz im Gegenteil. Man hat den Eindruck, dass es der Zeitung sehr recht ist, wenn „die Konkurrenz“ Probleme hat und man sich dadurch einen Vorteil verspricht. Das ist bedauerlich, liegt aber allein im Ermessen der Zeitung und gehört anscheinend zur „Unternehmenskultur“.

Der Mannheimer Morgen ist dabei in guter Gesellschaft – viele deutsche Monopolzeitungen haben sich mit örtlichen „Interessenvertretern“ aus Politik und Wirtschaft verbandelt. Dementsprechend manipuliert ist die Berichterstattung. Siehe Stuttgart21 beispielsweise. (stern ĂŒber den Filz von Politik, Geld und Medien)

Die Haltung der Main-Post ist aus unserer Sicht vorbildlich und entspricht dem, was man als Leserin oder Leser von Medien erwarten können muss: Eine unabhÀngige und kritische Berichterstattung.