Freitag, 17. November 2017

In eigener Sache: Freiwillige Selbstkontrolle

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presseratRhein-Neckar, 04. November 2013. (red) Der Deutsche Presserat ist die freiwillige Selbstkontrolle der Presse in Deutschland. Bis 2009 nur f√ľr die Printpresse, seitdem √∂ffnet sich der Verein auch f√ľr sogenannte „Telemedien“ unter die unsere Angebote fallen. Aktuell wurden wir eingeladen, dem Deutschen Presserat als Mitglied beizutreten, was wir f√ľr ein Probejahr machen. [Weiterlesen…]

Plagiator-Formel: Dreist, dreister, Journalist – wie Tageszeitungen tagt√§glich „beschei√üen“


Guten Tag!

Rhein-Neckar, 13. April 2011. (red) Wenn Tageszeitungen √ľber die Plagiatsaff√§ren „zu Guttenberg“ und aktuell Koch-Mehrin berichten, sollten sie allergr√∂√üte Zur√ľckhaltung √ľben. Denn gerade Zeitungsredaktionen plagieren t√§glich in gro√üem Umfang. Das Schm√ľcken mit „fremden Federn“ geh√∂rt zum Tagesgesch√§ft. Ein Unrechtsbewusstsein darf als „nicht-vorhanden“ bewertet werden.

Von Hardy Prothmann

Dem Betr√ľger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ist zu recht die Doktorw√ľrde aberkannt worden. Er hat schamlos und vermutlich vors√§tzlich fremdes geistiges Eigentum anderer Autoren als sein eigenes ausgegeben.

Aktuell steht die FDP-Spitzenpolitikerin Silvana Koch-Mehrin in der Kritik. Auch sie soll sich bei anderen „bedient“ haben. Die Plattrom „Vroniblog Wiki“ hat schon auf 32 von 207 Seiten ihrer Doktorarbeit Plagiate entdeckt. Auch Veronica Sa√ü, Tochter von Edmund Stoiber, soll gnadenlos abgeschrieben haben. Und man kann davon ausgehen, dass weitere prominente Namen folgen werden.

Die größten und systematischen Plagiatoren sind die Tageszeitungen

Bei der Suche nach „skrupellosen Abkupferern“ wird √ľbersehen, dass t√§glich massenhaft Plagiate „unters Volk“ gebracht werden – durch Tageszeitungen. Denn die allermeisten Redakteure und freien Mitarbeiter haben √ľberhaupt keine Probleme damit, fremde Texte als ihre eigenen auszugeben.

Ein Beispiel gef√§llig? Heute haben die Weinheimer Nachrichten einen sehr umfangreichen Text auf Seite 11 ver√∂ffentlicht: „Wer versiegelt, der zahlt k√ľnftig mehr.“ Es handelt sich dabei zu fast 100 Prozent um eine Pressemitteilung der Stadt Weinheim, die kostenfrei zur Verf√ľgung gestellt worden ist. Zwar steht am Anfang des Artikels, dass die Verwaltung etwas „mitgeteilt“ hat und auch am Ende steht: „…hei√üt es abschlie√üend in der Pressemitteilung.“

Tagt√§gliches Plagiieren: Die Weinheimer Nachrichten √ľbernehmen mehr oder weniger 1:1 Pressemitteilungen, ohne diese korrekt als solche auszuzeichnen. Klicken Sie auf die Grafik, um den gesamten Text als PDF anzuzeigen.

Reichen diese „Hinweise“ aber aus, um klar zu erkennen, dass er komplette Text eine Pressemitteilung ist? Weder ein Durchschnittsleser noch ein Textprofi kann unmissverst√§ndlich erkennen, wer der wahre Urheber ist.

Kennzeichnungspflicht? Fehlanzeige!

Urheber ist in diesem Fall der Pressesprecher der Stadt Weinheim, Roland Kern – ein gelernter Journalist, der sehr flei√üig und kompetent √ľber die Aktivit√§ten der Stadtverwaltung und das Geschehen in der Stadt schreibt. Das ist sein Job und den macht er hervorragend.

Das kann man von der Redaktion der Weinheimer Nachrichten nicht behaupten. Nicht nur heute, sondern st√§ndig druckt das Blatt die Texte aus der Feder von Roland Kern oder anderen Urheber mehr oder weniger 1:1 ab. Das allein ist noch nicht „ehrenr√ľhrig“, wohl aber das Fehlen einer korrekten Quellenangabe.

Der Pressekodex des Deutschen Presserats verlangt unmissverständlich, Ziffer 1, Richtlinie 1.3:

Pressemitteilungen m√ľssen als solche gekennzeichnet werden, wenn sie ohne Bearbeitung durch die Redaktion ver√∂ffentlicht werden.

Warum steht nicht einfach am Anfang oder Ende des Textes: „Pressemitteilung der Stadt Weinheim“? Ganz einfach, weil die Redaktion so tut, als handle es sich um einen redaktionellen Text. Denn schlie√ülich zahlt der Abonnent nicht f√ľr abgedruckte Pressemitteilungen, sondern f√ľr eigene redaktionelle Inhalte. Die Art und Weise, wie die Weinheimer Nachrichten eine vermeintliche „Kennzeichnung“ vornehmen, darf eindeutig als unzureichend bezeichnet werden.

Blaue Markierungen sind Streichungen, gr√ľne Einf√ľgungen - mit minimalsten Bearbeitungen "eignen sich Redaktionen" Texte an und ver√∂ffentlichen sie als redaktionell-journalistische Leistung.

Korrekt kennzeichnen hei√üt glaubw√ľrdig sein

Auch wir veröffentlichen Pressemeldungen der Stadt Weinheim, die von Roland Kern geschrieben worden sind. Im Unterschied zu den Weinheimer Nachrichten kennzeichnen wir die Texte aber korrekt und unmissverständlich und täuschen den Lesern nicht eine redaktionell-journalistische Leistung vor.

Im Vorspann findet sich bei uns ein K√ľrzel „pm“ – das steht ausweislich unseres Impressums f√ľr „Pressemitteilung“. Weiter stellen wir √úbernahmen in voller L√§nge eine unmissverst√§ndliche Zusatzinformatoin voran: Entweder steht „Pressemitteilung von…“ oder „Information von…“ vor einem solchen Artikel.

Manchmal ver√∂ffentlichen wir auch Texte unter dem Namen des jeweiligen Autoren. „Von Roland Kern“, steht dann vor dem Text und am Ende des Artikels informieren wir die Leserinnen und Leser dar√ľber, wer der Autor ist. „Roland Kern ist Journalist und Pressesprecher der Stadt Weinheim“, steht dann da.

Warum wir das tun? Der erste Grund hei√üt Ehrlichkeit. Wir geben nicht etwas als unsere Leistung aus, was nicht unsere Leistung ist. Der zweite Grund: Durch die Nennung der Quelle wird deutlich, welche Interessen hier ver√∂ffentlicht werden. Der dritte Grund ist Anerkennung: Wir nennen selbstverst√§ndlich den geistigen Urheber. Der vierte Grund ist ein gesundes Misstrauen: Wir √ľbermitteln eine fremde Botschaft in Treu und Glauben – sollte ein Fehler oder gar eine T√§uschung vorliegen, ist der Urheber klar benannt.

So wie der MM-Redakteur Hans-J√ľrgen Emmerich „arbeiten“ viele: Eine Pressemitteilung wird ein wenig umgestellt und umformuliert und schwubsdiwups wird daraus ein „Redakteursbericht“. Quelle: MM

„zg“ ist ein Vielschreiber

Die Weinheimer Nachrichten stehen mit dieser Plagiatspraxis nicht alleine da. Besonders dreist sind auch Mitarbeiter des Mannheimer Morgens. Hier werden „umformulierte“ Pressemitteilungen gerne mal als „Redakteursbericht“ ver√∂ffentlicht (siehe dazu: „Ist der Mannheimer Morgen ein Sanierungsfall?„)

Einer der flei√üigsten „Mitarbeiter“ des Mannheimer Morgens ist ein Autor, der das K√ľrzel „zg“ benutzt. Das sieht auf den ersten Blick aus wie ein Autorenk√ľrzel, steht aber schlicht und ergreifend f√ľr „zugeschickt“. Das hei√üt, jeder dieser „zg“-Texte ist keine redaktionell-journalistische Leistung, sondern nur eine Text√ľbernahme. Nirgendwo weist die Zeitung darauf hin, welche Art von Urheber sich hinter „zg“ verbirgt. Andere Zeitungen verwenden andere K√ľrzel.

Patchwork-Journalismus РCopy&Paste ist Alltagsgeschäft

Gerne werden auch „Agenturberichte“ zusammengefasst. Das hei√üt, der Journalist bedient sich mehrerer „Quellen“ von Agenturtexten, kopiert die Inhalte irgendwie zu einem Patchwork-Artikel zusammen und schreibt seinen eigenen Namen √ľber den Text. Als „ehrlich“ kann schon gelten, wer wenigstens „Mit Material von…“ ans Ende des Artikels schreibt. Welche Teile der Texte aus welchem „Material“ stammen, ob es 10 oder 90 Prozent des Inhalts sind, ist f√ľr den Leser nicht erkennbar. H√§ufig wird die Nennung des „Materials“ auch gerne mal vergessen.

Und es sind alle Ressorts betroffen: Politik, Wirtschaft, Sport, Lokales, Kultur. Nicht nur Profis können Plagiate relativ leicht erkennen, wenn man auf folgendes achtet: Je weniger Quellen explizit genannt sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Text in Teilen oder komplett plagiiert wurde. So einfach ist das. Denn seriöse Journalisten achten sehr sorgfältig darauf, die Quellen zu benennen.

„Beispiele f√ľr Plagiate in Wissenschaft und Medien gibt es viele“, schreiben die Soziologen der Uni Bielefeld, Sebastian Sattler und Floris van Veen, in ihrem Text „Ver√∂ffentliche oder stirb“ f√ľr die Medienfachzeitschrift „Message“:

„Auffallend rar hingegen ist die Forschung zum Textklau im Journalismus. Das verwundert, f√ľhrt man sich den Schaden vor Augen: Leser werden nicht authentisch und transparent informiert, aber trotzdem zur Kasse gebeten.“

Textklau ist kaum erforscht – kein Wunder

Die Forscher wundern sich, dass es kaum Forschung zu dem Thema „Textklau im Journalismus“ gibt. Das aber ist nicht verwunderlich, wenn man wei√ü, dass viele Medien-Professuren eng mit Medien-Verb√§nden und -Verlagen verbunden sind. Wer also sollte an einem solchen Forschungsvorhaben interessiert sein? Oder anders gefragt: Wer w√ľrde ein niederschmetterndes Ergebnis ver√∂ffentlichen? Die, die es selbst betrifft? Wohl kaum.

Die Forscher folgern, dass dies der Glaubw√ľrdigkeit von Journalismus schadet. Umgekehrt gilt: Der Ehrliche ist der dumme. Wer dreist kopiert und abschreibt ist vermeintlich erfolgreicher, als derjenige, der sich nicht mit fremden Federn schm√ľckt. Und da eine Kr√§he der anderen kein Auge aushakt, wird diese Praxis des institutionalisierten Textklaus schaarenweise und vollst√§ndig unversch√§mt betrieben.

Plagiat = Raub der Seele

So werden tagt√§glich in Deutschland Zeitungen und andere Medien von „Journalisten“ gef√ľllt und von Redakteuren verantwortet, die entweder nie einen Funken Berufsehre in sich hatten oder diese im Lauf der Zeit „verloren“ haben. Ganz im Gegenteil handelt es sich um Banditen, um R√§uber, wie sich anhand der Definition von „Plagiat“ bei Wikipedia nachlesen l√§sst:

Ein Plagiat (von lat. plagium, ‚ÄěMenschenraub“, ‚ÄěRaub der Seele‚Äú[1]) ist die Vorlage fremden geistigen Eigentums bzw. eines fremden Werkes als eigenes Werk oder als Teil eines eigenen Werkes. Dies kann sich auf eine wortw√∂rtliche √úbernahme, eine Bearbeitung, oder auch die Darstellung von Ideen oder Argumenten beziehen.

Anmerkung:
Zur√ľck zur „Wissenschaft“: Die Arbeit an diesem Text wurde kurz von 15:00 Uhr begonnen. Zu diesem Zeitpunkt waren 32 m√∂gliche Plagiatsstellen in der Arbeit von Frau Koch-Mehrin martkiert worden. Um 17:30 Uhr fanden sich bereits 37 Stellen. Und es gibt eine Meldung, dass nun auch die Staatsanwaltschaft Heidelberg in der Sache ermittelt.ūüėČ